#Vision 2030 – digitale Debatten bei Audi

#Vision 2030 – digitale Debatten bei Audi

Stiftung Wie gehen Digitalisierung und Mitbestimmung zusammen? Indem man über Online-Voting Positionen der Arbeitnehmerseite einholt. Wie bei der Zukunftskonferenz bei Audi in Ingolstadt, die die Hans-Böckler-Stiftung in Kooperation mit der IG Metall Ingolstadt ausrichtet.

Wer Visionen hat, gehört nicht zum Arzt, wie Ex-Kanzler Helmut Schmidt einst fand, sondern Mitte November auf das Audi-Gelände in Ingolstadt. Dort diskutierten rund 500 Betriebsräte, Vertrauensleute und andere IG-Metaller mit Politikern und Wissenschaftlern die „Vision Ingolstadt 2030“ – bei einer  Veranstaltung der Reihe „Böckler vor Ort“.

Jan-Paul Giertz von der Hans-Böckler-Stiftung auf der Zukunftskonferenz "Vision Ingolstadt 2030" (Foto: Jürgen Schuhmann)

Seit vier Jahren trifft sich die IG Metall Ingolstadt mit dem Gesamtbetriebsrat von Audi unter dem Motto „Vision 2030“, und man diskutiert, wie Digitalisierung und Mitbestimmung (besser) zusammengehen können. Etwa indem für die inhaltlichen Debatten digitale Instrumente wie das Online-Voting genutzt werden: Dabei geben die Akteure der Mitbestimmung ein Votum ab, darüber wie sie sich die künftige Transformation der Arbeitswelt vorstellen.

Entsprechend beantworteten auch die 500 Teilnehmer der Zukunftskonferenz, zu der die Hans-Böckler-Stiftung und die IG Metall Ingolstadt für den 11. November eingeladen hatten, erst einmal mit dem Smartphone die Frage, inwieweit nach ihrem Eindruck der Mensch bei der Digitalisierung der Arbeitswelt im Mittelpunkt stehe. Das Ergebnis: Jeweils nahezu 40 Prozent sagten entweder „Stimme nicht zu“, oder „teils/teils“.

Die Digitalisierung bietet Chancen. Aber wir müssen aufpassen, dass der Mensch im Mittelpunkt bleibt.
Katarina Barley

Angesichts dieser skeptischen Einschätzung äußerte sich Familienministerin Katarina Barley (SPD), die mit DGB-Chef Reiner Hoffmann und Audi-Vorstandsmitglied Peter Kössler ein Podium bestritt, fast entrüstet. „Natürlich braucht die digitalisierte Arbeitswelt den Menschen“, so Barley, die auch attestierte: „Die Digitalisierung bietet Chancen. Aber wir müssen aufpassen, dass der Mensch im Mittelpunkt bleibt.“ Politisch entscheidend sei es, Rahmenbedingungen zu setzen, die dafür sorgen, dass „Chancen und Risiken der Digitalisierung auf beiden Seiten gerecht verteilt sind“.

Mehr Partizipation – auf allen Ebenen

Reiner Hoffmann forderte, nicht zuletzt angesichts der aktuellen Verhandlung über eine künftige Regierung, die Debatte sehr weit zu fassen: „Den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen bedeutet mehr Partizipation – auf allen Ebenen.“ Beobachten, so der DGB-Vorsitzende, ließe sich eher das Gegenteil: „Die Politik führt zurzeit keinen wirklichen Dialog mit den Menschen.“

Prominente Teilnehmer der Konferenz „Vision Ingolstadt 2030“ (v.l.n.r.): Peter Gössler (Audi-Vorstand), Moderatorin Kira Marrs (ISF München), Katarina Barley (SPD), Peter Mosch (GBR-Vorsitzender Audi), Reiner Hoffmann (DGB) und Thomas Pretzl (GBR-Vorsitzender der Airbus Defence and Space GmbH) (Foto: Jürgen Schuhmann)

Für 2030 wünschte Hoffmann sich, „dass die Arbeitsbedingungen deutlich besser sind als heute“, auch, weil es dann – so seine hoffnungsvolle Erwartung -, „80 oder 90 statt wie heute 50 Prozent Tarifbindung gibt“ und „Arbeitszeiten, die sich nicht betriebswirtschaftlich, sondern am Menschen orientieren“.

Als absoluter Verfechter der Mitbestimmung halte ich viel von der gemeinsamen Verantwortung der Tarifpartner. Ich behaupte: 2030 sind unsere Arbeitsplätze so sicher wie heute.
Audi-Vorstand Peter Kössler

Für Audi erklärte Vorstandsmitglied Kössler, ein Unternehmen „brauche Menschen, die flexibel auf neue Herausforderungen reagieren.“ Als „absoluter Verfechter der Mitbestimmung“ halte er viel von der „gemeinsamen Verantwortung der Tarifpartner“. Und: „Ich behaupte: 2030 sind unsere Arbeitsplätze so sicher wie heute.“

Von Seiten der Teilnehmer, die immer wieder in Kleingruppen im World Cafe diskutierten, wurde deutlich, dass sie negative Folgen der Digitalisierung ebenso fürchten wie sie auf positive hoffen: Einerseits glauben viele, dass sichere Berufsbiografien abnehmen und prekäre Arbeit zunimmt, andererseits könnte eine Arbeit, die orts- und zeitungebunden ist, eine Chance sein.

Um mitzugestalten, wie sich das entwickelt, wurde in vier Themenfeldern debattiert: zur Rolle der Interessenvertretung, zum lebenslangen Lernen, zur Arbeitswelt „neo“/4.0 und zur Frage, wie die Gewerkschaften dabei beteiligt sind.

In Kleingruppen wurde immer wieder über die Folgen der Digitalisierung diskutiert. (Foto: Jürgen Schuhmann)

Am Ende wurden von Seiten der Arbeitnehmervertreter und aktiven Gewerkschafter an die IG Metall – und damit wohl übertragbar an alle Gewerkschaften – die vier wichtigsten Wünsche definiert. Erstens die Interessenvertretung „von Angesicht zu Angesicht“ weiterhin ernst zu nehmen, zweitens sich für ein „Grundrecht auf kostenloses Lernen“ einzusetzen und drittens „Mitbestimmung 4.0“ – wie vor Ort gerade erlebt – weiterzuentwickeln. Als Topziel der Kommunikation wurde erklärt, man müsse einen „gewerkschaftlichen Faktencheck gegen Fake News“ einführen.

Für die Hans-Böckler-Stiftung brachte Jan-Paul Giertz aus der Abteilung Mitbestimmungsförderung auf den Punkt, warum solche Veranstaltungen wichtig sind: „Wenn wir Digitalisierung zu unserem Projekt machen wollen, müssen wir uns auf die Suche nach neuen, modernen Dialogformen machen.“ Und: „Die Technik muss dem Menschen dienen, nicht umgekehrt.“

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