„Diese Regierung muss Vertrauen zurückgewinnen“

„Diese Regierung muss Vertrauen zurückgewinnen“

Interview Richard Hilmer hat die Wählerschaft im Auftrag der Böckler-Stiftung analysiert und konstatiert eine starke Polarisierung der Gesellschaft. Die neue Regierung muss das Leben der Menschen spürbar verbessern, was auch heißt: Kernthemen der Gewerkschaften umsetzen.

Herr Hilmer, Angela Merkel wurde vor wenigen Tagen knapper als erwartet vom Bundestag zur Kanzlerin gewählt. Sie haben die Wahlentscheidungen der Bürger in einer Studie für die Hans-Böckler-Stiftung analysiert. Wer steht denn eigentlich noch hinter den beiden Volksparteien, die die große Koalition bilden?

Das ist vor allem die gut gebildete, gut situierte, urbane Mittelschicht, die von den Entwicklungen der vergangenen Jahre und der Globalisierung insgesamt am meisten profitiert. Diese Menschen blicken auch sehr positiv und optimistisch in die Zukunft.

Und wer lehnt die große Koalition eher ab?

Das sind überraschend viele, vor allem ein großer Teil der Unterschicht und der unteren Mittelschicht, die das Gefühl haben, dass sie nicht am allgemeinen Wohlstand teilhaben. Sie blicken ausgesprochen pessimistisch in die Zukunft. Aber auch gut Situierte stehen der großen Koalition zum Teil verhalten gegenüber, weil sie mit einzelnen Entwicklungen nicht einverstanden sind – insbesondere im Hinblick auf die Migrationspolitik sowie die Europäische Integration und den Euro.

Die wirtschaftliche Lage ist heute ja deutlich besser als vor zehn Jahren. Gleichzeitig, so zeigt Ihre Studie, ist die Sicht der Bürger auf ihre Lebenswelt deutlich negativer als vor zehn Jahren. Worin sehen sie die Gründe für diesen Widerspruch?

Diese eigenartige Ambivalenz zwischen wirtschaftlichem Wohlstand und der Unsicherheit im Hinblick auf die eigene Zukunft ist sehr bezeichnend. Deutschland steht ja bei der Wirtschaftskraft und Arbeitslosigkeit deutlich besser da als vor einem Jahrzehnt. Auf der anderen Seite hat in den letzten Jahren etwa die Prekarisierung der Arbeit deutlich zugenommen, die Armutsquote hat eher noch zugenommen und die soziale Ungleichheit ist nach wie vor hoch. Und das empfinden die Menschen auch so, insbesondere vor dem Hintergrund der rasant steigenden Mieten. Zudem hat der Staat nicht wie gewünscht investiert, in Schulen, in Kitas oder in die Infrastruktur. Der Ärger hat sich so ein Stück weit aufgestaut und wurde im Herbst 2015 – ausgelöst vor allem durch die Flüchtlingswelle – offenkundig.

Richard Hilmer stellt die Ergebnisse der Studie zusammen mit seiner Frau Rita Müller-Hilmer auf dem Neujahrsempfang 2018 der Hans-Böckler-Stiftung vor. (Foto: Bettina Ausserhofer)

Beim Stichwort Ärger: Die öffentliche Debatte ist ja auch deutlich gereizter geworden, bisweilen hysterisch. Sind das nur subjektive Empfindungen oder gibt es dafür auch Anhaltspunkte in Ihren Untersuchungen?

Durchaus. Das ist sogar eins der zentralen Ergebnisse der Studie. Die Polarisierung der Gesellschaft hat sich in den vergangenen zehn Jahren deutlich verschärft. Unsere Gesellschaft ist in drei Teile gespalten: Knapp die Hälfte der Bevölkerung ist mit ihrem Leben und der Politik zufrieden, etwa ein Drittel der Bürger blicken skeptisch in die Zukunft und immerhin ein Viertel ist ausgesprochen unzufrieden. Diese Menschen haben wirklich große Schwierigkeiten ihr Leben zu meistern und fühlen sich von der Politik weitgehend alleingelassen.

Und was ist es, was die Menschen trennt?

Das hat sich deutlich verändert. Während das früher vor allem soziale Fragen waren, stehen jetzt kulturelle Aspekte im Vordergrund. Die Trennlinie verläuft zwischen weltoffener und libertärer auf der einen und autoritärer beziehungsweiser ethnozentrischer Grundhaltung auf der anderen Seite. Deutlich wird das insbesondere in Bezug auf die Migration, in der die einen eine Bereicherung, die anderen eine Bedrohung sehen. Die Auseinandersetzung darüber führt zu einer sehr aufgeladenen Stimmung.

Gibt es bei all den Konflikten auch Werte, die von allen geteilt werden?

Eine ganze Reihe sogar. Dazu gehört nach wie vor die soziale Gerechtigkeit als wichtiger Orientierungspunkt und die Solidarität als wichtiger Grundwert. Aber da gibt es auch Tendenzen zur partiellen Entsolidarisierung. Weil die Bürger zunehmend das Gefühl haben, dass sie mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen zu müssen, sind sie weniger bereit, auch für andere da zu sein. Zudem hat der Wert Recht und Ordnung eine stärkere Bedeutung bekommen und auch der Patriotismus hat wieder Konjunktur. Letzterer fußt allerdings in Deutschland nach wie vor noch eher auf dem Stolz auf wirtschaftliche, gesellschaftliche und demokratische Errungenschaften im Nachkriegs-Deutschland als auf aggressivem Nationalismus.

Richard Hilmer ist der Meinung, dass soziale Gerechtigkeit nach wie vor einen wichtigen Orientierungspunkt darstellt. (Foto: Anna Weise)

Sehen Sie die Flüchtlingskrise als Grund für diese kulturelle Verschiebung oder gibt es da tiefer liegende Ursachen?

Schon vor dem Herbst 2015 gab es viele Unsicherheiten im Blick auf die Zukunft, die Alterssicherung oder prekäre Arbeit sowie Zukunft der Kinder. Mit der Flüchtlingskrise hat sich das aber deutlich verschärft. Da sind viele latente Ängste deutlich stärker zu Tage getreten. Dabei muss man auch sehen, dass für viele Menschen mit der Zuwanderung der Wettbewerb etwa um günstige Wohnungen wirklich spürbar härter geworden ist.

In der Studie haben sie insgesamt neun Typen entwickelt – das reicht von der ‚bürgerlichen Bildungselite‘ bis zum ‚abgehängten Proletariat‘. Wie sind Sie denn zu Ihren Ergebnissen gekommen?

Wir haben mit etwa 5000 Befragten gut 12.500 recht umfangreiche Interviews geführt, in denen wir die gesellschaftliche Grundorientierungen, die persönliche wirtschaftliche Lage und natürlich die Wahlentscheidungen abgefragt haben. Diese Daten können wir umfassend analysieren und entsprechende Zusammenhänge aufzeigen. Etwa warum die AfD einen so großen Zulauf hatte.

Das Leben der Menschen muss sich spürbar verbessern. Jetzt wird es für die große Koalition darauf ankommen, die Probleme wahrzunehmen und auch zu lösen.

Und die wären..?

Das ist eine massive Unsicherheit, die in der breiten Bevölkerung angekommen ist. Es gibt ein großes Mißtrauen gegenüber den etablierten Parteien. Es wurde als problematisch empfunden, dass sich die mit der Zuwanderung verbundenen Probleme, weder im Regierungshandeln noch in den Diskussionen im Parlament ausreichend wiedergefunden haben. Da hat sich die AfD als Protestpartei angeboten.

Was raten sie den Volksparteien, um diese Wähler wieder zu erreichen?

Die extrem Fremdenfeindlichen wird man nicht erreichen können. Aber der weit größere Teil ist Argumenten durchaus zugänglich. Es reicht aber nicht nur zu reden. Das Leben der Menschen muss sich spürbar verbessern. Sie beklagen ja vor allem, dass die Politik die Kontrolle verloren habe. Jetzt wird es für die große Koalition darauf ankommen, die Probleme wahrzunehmen und auch zu lösen. Etwa indem sie für bezahlbare Wohnungen und bessere Universitäten, Schulen und Kindergärten sorgt.

Nochmal zurück zu Ihrer Typologie: Gibt es bei den Typen auch Ost-Typen oder West-Typen?

Durchaus. Die eher wohl situierten Angehörigen des ‚Engagierten Bürgertums‘ oder auch die ‚Konservativen Besitzstandswahrer‘ sind eher im Westen anzutreffen. Während im Osten etwa das ‚Abgehängte Prekariat‘ stärker vertreten ist.

Und gibt es auch Frauen-Typen?

Auch das. Überdurchschnittliche viele Frauen finden sich etwa bei den Typen ‚Zufriedene Generation Marktwirtschaft‘, bei den ‚Missachteten Leistungsträgernn‘ oder der ‚Desillusionierten Arbeitnehmermitte‘.

Viele Ängste haben ja auch mit prekärer Arbeit, mit befristeten Anstellungen und der Alterssicherung zu tun. Das sind ja alles Kernthemen der Gewerkschaften.

Was verbirgt sich dahinter? Sind die unzufriedenen Frauen diejenigen, die arbeiten gehen und weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen?

Durchaus. Gerade die ‚Missachteten Leistungsträger‘ kommen vielfach aus dem Dienstleistungsbereich und tragen stark zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei. Gleichzeitig haben sie aber das Gefühl, dass ihre Arbeit nicht entsprechend geschätzt wird. Im Hinblick auf die Lohnentwicklung sind sie der Meinung, dass sie nicht angemessen an der wirtschaftlich guten Entwicklung teilhaben. Diese Gruppe stand früher eher in der linken Mitte und war stark an den Volksparteien orientiert. Heute neigt sie zum Protest – auch in Richtung AfD.

Sie haben ja auch die Einstellung zu den Gewerkschaften abgefragt. Hat Sie dabei etwas besonders überrascht?

Ja. Während es gegenüber allen anderen gesellschaftlichen Institutionen eine zunehmende Skepsis gibt, stehen die Gewerkschaften sehr gut da und werden von vielen sehr positiv wahrgenommen. Das zeigt uns, dass die Gewerkschaften viel näher an den Problemen der Menschen dran sind als etwa die Parteien. Viele Ängste haben ja auch mit prekärer Arbeit, mit befristeten Anstellungen und der Alterssicherung zu tun. Das sind ja alles Kernthemen der Gewerkschaften. Aber natürlich gibt es auch unter den Gewerkschaftsmitgliedern AfD-Wähler. Das liegt aber nicht daran, dass sie in der Gewerkschaft sind. Sondern daran, dass ja viele Arbeiter in den Gewerkschaften organisiert sind und dass das nun mal die Gruppe ist, die den wirtschaftlichen Druck am stärksten spürt.

Podiumsdiskussion: Neujahrsempfang 2018: "Volksparteien: Sind sie noch zu retten?"


WEITERE INFORMATIONEN

Zur Person

Richard Hilmer ist einer der führenden Meinungsforscher Deutschland. Fast zwanzig Jahre lang begleitete er als Geschäftsführer von Infratest dimap die Wahlberichterstattung der ARD. 2015 gründete er zusammen mit Rita Müller-Hilmer die Agentur policy matters, die auf strategische Politikforschung und Politikberatung spezialisiert ist.

Die Studie

In ihrer von der Hans-Böckler Stiftung geförderten Studie „Was verbindet, was trennt die Deutschen“ haben sie die letzte Bundestagswahl umfassend analysiert und die Wählerschaft eingehend untersucht.

Rita Müller-Hilmer, Jérémie Gangné: Was verbindet, was trennt die Deutschen (pdf), Forschungsförderungs-Report der Hans-Böckler-Stiftung Nr. 2, Februar 2018, 40 Seiten



Aufmacherfoto: Anna Weise

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