100 Jahre Novemberrevolution

100 Jahre Novemberrevolution

Wissen Die deutsche Revolution 1918/19 ist kein Solitär in der Geschichte. Doch weil die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts als die dunklere Hälfte galt, wurde ihr demokratisches und soziales Potenzial lange nicht ausreichend gewürdigt.

Innerhalb jener drei Dekaden, die zwischen der Russischen Revolution 1905 und der Revolution in Asturien 1934 liegen, vollzogen sich in Europa, aber auch außerhalb, eine Vielzahl von Revolutionen, Aufständen, Streikbewegungen und Protesten, die allesamt auf das Ziel einer anderen gesellschaftlichen Ordnung rekurrierten. Diese alternativen Ordnungsvorstellungen waren zutiefst geprägt durch die westlichen revolutionären Traditionen des langen 19. Jahrhunderts, die mit der amerikanischen und der französischen Doppelrevolution von 1776 and 1789 ihren Anfang nahmen. Sie verdichteten sich in drei miteinander verwobenen Zukunftsideen: erstens der Idee eines eigenen Nationalstaats, zweitens der Idee einer Demokratisierung politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse und drittens der Idee sozialer Gerechtigkeit.


ZUR PERSON

Stefan Berger ist Direktor des Instituts für soziale Bewegungen in Bochum. Dieser Essay ist eine gekürzte Version eines Vortrages auf der Konferenz „Gewerkschaften in revolutionären Zeiten – Europa 1917 bis 1923“, die am 11. und 12. Oktober in Berlin stattfand.



Die Russische Revolution von 1905 brachte das Zarenreich an den Rand des Zusammenbruchs. In dieser Revolution spielten alle drei großen Zukunftsideen des 20. Jahrhunderts eine bedeutsame Rolle. Es ging um Demokratisierung, die den Absolutismus des Zarismus ablösen sollte. Den Arbeitern in den industriellen Zentren ging es aber auch um soziale Gerechtigkeit und um Sozialreformen. In den Randregionen des russischen Imperiums erstarkten nationalstaatliche Bewegungen. Zwar scheiterte die Revolution, aber der Zar musste doch zukünftig mit einer Verfassung und einem Parlament leben, das seine autokratischen Rechte einschränkte. Die Revolution löste europaweit ein Beben aus.

Die im gleichen Jahr im Habsburgerreich an Fahrt aufnehmende Wahlrechtsreformkampagne verwies immer wieder auf die russischen Ereignisse. Die französischen Gewerkschaften, die in den Jahren 1906 und 1907 große Streikwellen auslösten, beriefen sich ebenfalls auf die Vorgänge in Russland. Selbst im vergleichsweise sozialliberalen Großbritannien gab es innerhalb des New Unionism vor 1914 häufige Bezüge auf Russland. Auch außerhalb Europas inspirierte die Russische Revolution revolutionäre Bewegungen, die die Eliten verunsicherten.

1905: Meuternde Matrosen des russischen Panzerkreuzers Potemkin im rumänischen Hafen von Constanta. (Foto: bpk Bildagentur)

Die Herrschenden reagierten, indem sie den Nationalismus nach innen schürten und nach außen imperiale Rivalitäten hervorkehrten, die das Klima im Jahrzehnt vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs beherrschten und nicht unmaßgeblich zu dessen Ausbruch beitrugen. Doch der Krieg konnte die revolutionären Energien der Vorkriegsjahre nicht lange unterdrücken oder bändigen. Es kam in nahezu allen kriegführenden Ländern zu Streikbewegungen für bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen. Mietstreiks von Mieterbewegungen richteten sich gegen Mietwucher.

Versorgungsproteste, an denen sich auch massiv Frauen beteiligten, forderten Verbesserungen bei der Ernährungs- und Versorgungslage. Besonders in denjenigen Ländern, die den Krieg verloren, führten diese massiven Proteste zu einer Politisierung, die schließlich in Revolutionen mündete. Gefordert wurde ein anderes gesellschaftspolitisches System, das demokratischer und sozialer ausgerichtet war als das alte System, das durch den verlorenen Krieg eine massive Legitimationskrise durchlief.

In Russland, das im Vertrag von Brest-Litowsk seine Niederlage gegenüber dem wilhelminischen Deutschland einräumen musste, radikalisierte sich die Revolution im Jahre 1917 in dem Maße, in dem ein Machtvakuum im Zentrum des zaristischen Staates entstand. Die Bolschewiki nutzten dieses geschickt, um über ein populäres Programm rund um Frieden, Nahrung und Sowjetmacht innerhalb von wenigen Monaten von einer eher unbedeutenden politischen Kraft zur wichtigsten revolutionären Bewegung des Landes zu werden. Forderungen nach einer neuen Gesellschaftsordnung, die demokratischer und sozialer sein sollte als das alte Zarenreich, standen im Mittelpunkt ihres Programms.

Ein langjähriger Bürgerkrieg, in dem sich die Bolschewiki gegen ihre inneren und äußeren Feinde nur behaupten konnten, indem sie eine Diktatur errichteten, führte dazu, dass der Demokratiegedanke, der auch den Russischen Revolutionen von 1917 innewohnte, schließlich im Stalinschen Terror und einer kommunistischen Einparteiendiktatur unterging. Doch dies war ein langwieriger Prozess, der sich erst im Verlauf der 1920er Jahre in seiner ganzen Tragweite abzuzeichnen begann. Die Signalwirkungen, die von den Russischen Revolutionen 1917 ausgingen, waren noch einmal stärker als die, die von 1905 ausgegangen waren.

In den Verliererstaaten des Ersten Weltkriegs, allen voran Deutschland, kam es zu revolutionären Umstürzen, die allesamt Demokratisierung und soziale Gerechtigkeit auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Es war eine Eigenart der deutschen Revolution von 1918, dass sie sozusagen zeitgleich von oben und von unten am 9. November Berlin erreichte.

Während der letzte kaiserliche Reichskanzler, Max von Baden, ohne Einwilligung oder Befragung des Kaisers die Reichskanzlerschaft in die Hände des Führers der Mehrheitssozialdemokratie, Friedrich Ebert, legte und damit den Weg freimachte­ für eine Parlamentarisierung der konstitutionellen Monarchie, wie sie sich im Reichstag durch das Bündnis der MSPD mit dem Zentrum und linksliberalen Kräften seit 1917 angebahnt hatte, etablierte sich auch in der Hauptstadt ein revolutionärer Arbeiter- und Soldatenrat, und Karl Liebknecht, immer noch Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokratie, USPD, rief im Tiergarten die Republik aus. Noch am selben Tag rief auch Phi­lipp Scheidemann, MSPD, vom Fenster des Reichstages die parlamentarische Republik aus – ohne Zustimmung und Billigung Eberts.

1918: Eine Delegation des Berliner Arbeiter- und Soldatenrates während der Weihnachtskämpfe vor dem Berliner Stadtschloss. (Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

In Deutschland zeigte sich erneut, wie wichtig in Momenten, in denen die staatliche Gewalt zusammenbricht, eine klare revolutionäre Strategie und eine tatkräftige revolutionäre Führung war. Von den zwei Parteien, die in Deutschland im November 1918 stark genug waren, eine solche Strategie und Führung zu gewährleisten, hatte nur die MSPD um Ebert eine solche. Sie wollte die Revolution von unten so bald wie möglich beenden und zu einer parlamentarischen Republik vo­ranschreiten. Die revolutionären Schubladen der USPD dagegen waren weitgehend leer, und ihre Führung reagierte widersprüchlich und ohne strategisches Kalkül. Als die noch junge Kommunistische Partei gemeinsam mit einigen linksradikalen Kräften zu Beginn des Jahres 1919 gegen den Rat von Rosa Luxemburg die Revolution gegen die MSPD radikalisieren wollte, entschied sich Ebert für ein fatales Bündnis mit Teilen der alten imperialen Eliten, um eine angeblich drohende Bolschewisierung Deutschlands zu vermeiden. Die noch junge soziale Demokratie startete somit mit einer großen Bürde in die Weimarer Republik.

Auch in anderen Staaten, die am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatten, gab es in den Jahren nach dem Ende des Ersten Weltkriegs revolutionäre Erhebungen und soziale Protestbewegungen. Selbst in den gefestigteren Nationalstaaten Westeuropas, in Großbritannien und Frankreich, kam es zu erheblichen Protestbewegungen.

In Europa kann man die asturische Revolution 1934 im als Abschluss der drei revolutionären Dekaden seit 1905 betrachten. Hier, im Norden Spaniens, übernahmen nach einem revolutionären Generalstreik bewaffnete Bergarbeiter und Gewerkschafter für rund 20 Tage die Macht, bevor die Revolution von der rechtsgerichteten Zentralregierung brutal niedergeschlagen wurde. Bis 1989 sollten die Ereignisse in Spanien der letzte Versuch in Europa bleiben, mittels einer Revolution eine demokratischere und sozial gerechtere Ordnung zu etablieren. Nach 1934 wandelte sich der revolutionäre Elan zunehmend zu einem antifaschistischen Abwehrkampf der Gegenrevolution.

1934: Rot angestrichene Jesusfigur während der Rebellion in Asturien. (Foto: Getty Images)

Die bipolare Weltordnung nach 1945 ließ auch keine Aktualisierung der revolutionären Potenziale zu, da der Kommunismus in der Sowjetunion mittlerweile zu einer bürokratisierten Macht­oligarchie verkommen war, die ihren internationalen Einflussbereich nach Osteuropa und global auszudehnen suchte, während der Abwehrkampf des Kapitalismus zumindest in Westeuropa revolutionäre Bewegungen, wie etwa in Griechenland, mit Waffengewalt besiegte und zugleich die Bedingungen für eine sozialstaatliche Aktualisierung der Zielforderungen nach sozialer Demokratie erlaubte, die keine weitere Basis für revolutionäre Bewegungen bieten sollte.

Allerdings muss man feststellen, dass die revolutionären drei Dekaden zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht Teil der europäischen Erinnerungskulturen geworden sind. Die Häufung von Revolutionen zwischen der Russischen Revolution 1905 und der asturischen Revolution 1934 war ein Ausdruck von revolutionären Zukunftserwartungen des 19. Jahrhunderts. Diese Erwartungen gruppierten sich um die Hoffnungen auf nationalstaatliche Souveränität, Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Während Erstere in Europa (und in der außereuropäischen Welt) im 20. Jahrhundert weitgehend (wenn auch durchaus nicht durchgängig) Realität geworden ist, sind die Forderungen nach Demokratie und nach sozialer Gerechtigkeit noch längst nicht überall eingelöst.

Doch die dominanten Erinnerungskulturen, sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene, marginalisieren die Revolutionen und setzen sie bestenfalls in ein anderes Erinnerungsnarrativ, das in seiner Verbreitung beinahe zu einem kosmopolitischen Konsens geworden ist. Dieses dominante Erinnerungsnarrativ unterscheidet zwischen einer dunklen Erinnerung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und einer helleren zweiten Jahrhunderthälfte, zumindest für den westeuropäischen Teil des Kontinents. Die dunkle erste Jahrhunderthälfte wird dominiert von der Erinnerung an zwei Weltkriege, den Stalinismus, den Nationalsozialismus und Genozide, allen voran denjenigen an den Armeniern und den europäischen Juden.

Gerade die Revolutionen oder Teile der Revolutionen am Ende des Ersten Weltkriegs werden dabei gerne eingeordnet in diese Negativerinnerung, indem sie als bolschewistische Revolutionen direkt in Verbindung gebracht werden mit dem späteren Stalinismus. Ihre emanzipatorischen, demokratischen und sozialen Aspekte dagegen bleiben weitgehend unberücksichtigt.

Davon abgegrenzt wird die Erinnerung an eine nach 1945 erfolgte Europäisierung unter kapitalistischen Vorzeichen, die viele Forderungen der sozialen Demokratie einlösen konnte, zumindest im Zeitalter des langen ökonomischen Booms von den 1950er bis zu den 1970er Jahren. Eine friedliche zweite Jahrhunderthälfte, die Demokratie und Sozialstaatlichkeit zumindest für weite Teile Westeuropas Wirklichkeit werden ließ, nimmt allerdings kaum Bezug auf die revolutionären Dekaden von 1905 bis 1934. Die Hoffnungen auf Demokratisierung und soziale Gleichheit, die sich in diesem Zeitraum in einer nie wieder da gewesenen Anzahl an Revolutionen und Protesten entlud, bleiben im 21. Jahrhundert aktuell.

Aufmacherfoto: Wikimedia Commons (historische Fotomontage)


INTERVIEW

„Manche Arbeitgeber muss man wieder an 1918 erinnern“

Der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann zur Novemberrevolu­tion und zu ihrer Bedeutung für die heutigen Gewerkschaften

Reiner Hoffmann, Vorsitzender des DGB

Was bedeutet die Novemberrevolution von 1918 für den DGB von 2018?

Die Revolution von 1918 hat eine moderne parlamentarische Demokratie begründet. Ein Jahr später hatte Deutschland ein sehr modernes Wahlrecht und eine der demokratischsten Verfassungen der Welt. Die Revolution hat auch die Position der Gewerkschaften und damit die der Arbeitnehmer verbessert. Das ist ein Grund für den DGB, zu feiern und stolz auf dieses Erbe zu sein.

Sie spielen auf das Stinnes-Legien-Abkommen an, einen Vertrag zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften, der nur wenige Tage nach der Revolution zustande kam.

Ja. Es war aus Sicht der Arbeitgeber sicher ein Not- und Zweckbündnis aus Angst vor einer Sozialisierung der Industrie. Die Arbeitgeber erkannten die Gewerkschaften als Vertreter der Arbeiterschaft und als Tarifpartner an. Bis dahin hatten sie sich massiv dagegen gewehrt. Zudem wurde die Einrichtung von Arbeiterausschüssen in den Betrieben und die Einführung des Achtstundentags vereinbart. Dieses Abkommen hatte eine absolut friedensstiftende Funktion.

Wo sehen Sie den konkreten Bezug zu heute?

Das Stinnes-Legien-Abkommen ist das Gründungsdokument unserer heutigen Sozialpartnerschaft. Es gibt aber auch heute noch Arbeitgeber, die sich der sozialen Verantwortung entziehen wollen, Arbeitgeber, die keine Tarifbindung wollen oder erst gar keinem Arbeitgeberverband beitreten. Diese Leute müssen wir an die Weitsichtigkeit der Verhandlungspartner von 1918 erinnern.

Die Republik überlebte nur 15 Jahre, dann folgte die nationalsozialistische Diktatur. Was sagen Sie denen, die heute davor warnen, es drohten wieder „Weimarer Verhältnisse“, also eine Demokratie mit zu wenig Demokraten?

So wichtig heute der Kampf gegen politischen Extremismus und Rechtspopulismus ist, ich halte solche Vergleiche für abwegig. Wenn man sieht, welchen Feinden die Demokratie von Weimar gegenüberstand, führt jeder direkte Vergleich mit heute zu einer Verniedlichung der historischen Verhältnisse.

Foto: Simone M. Neumann


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