Agil ja, aber nicht per Order von oben

Agil ja, aber nicht per Order von oben

Stiftung Agile Arbeit schwappt derzeit in die Unternehmen: 280 IT-Experten und Ingenieure diskutierten bei der Engineering- und IT-Tagung in Berlin darüber und wie Digitalisierung und Mitbestimmung zusammengehen.

Wer interessiert sich für agiles Arbeiten? Die Antwort auf der 9. Engineering- und IT-Tagung, die von der Hans-Böckler-Stiftung in Kooperation mit der IG Metall veranstaltet wird, ist deutlich: In der Mehrheit haben sich Betriebsräte und Vertrauensleute zu dem bis auf den letzten Platz besetzten Workshop aufgemacht; neben Mitarbeitern der Hans-Böckler-Stiftung und der IG Metall – Wissenschaftler und Stipendiaten. Und warum sind sie gekommen? Weil, das ergibt eine kurze Umfrage, die überwältigende Mehrheit bereits mit agiler Arbeit zu tun hat; weit mehr, als Erfahrungen mit internem oder externen Crowdsourcing haben.

Ich kann mir mehr agiles Arbeiten in der Produktion gut vorstellen – und auch in der IG Metall!
Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall

Das zeigt durchaus gut, wie verbreitet agiles Arbeiten – also projektbezogene Teamarbeit jenseits der Pyramidenstruktur – inzwischen ist. „Im Moment schwappt in unserem Organisationsbereich eine regelrechte Agilisierungswelle durch die Unternehmen“, sagt die Zweite Vorsitzende der IG Metall Christiane Benner im Interview mit dem Magazin Mitbestimmung (erscheint in der Print-Ausgabe 6/17).

Benner betont darin auch: Im Prinzip seien mehr agile Methoden auch außerhalb von Forschung und Entwicklung durchaus denkbar: „Ich kann mir mehr agiles Arbeiten in der Produktion gut vorstellen – und auch in der IG Metall!“

Christiane Benner auf der Engineering- und IT-Tagung (Foto: Annette Hornischer)

Im Kern nämlich bedeute agil nichts anderes, als die Beschäftigten mit ihren Ideen und ihrem Wissen ernst zu nehmen: „Schließlich wissen sie am besten, was im Betrieb gut und was schiefläuft“, so Benner. Dafür aber brauche es statt Agilität per „Order von oben“ die „richtigen Rahmenbedingungen – und eine tiefgreifende Kulturveränderung, die mit den Beschäftigten, den Vertrauensleuten, den Betriebsräten, den Gewerkschaften auf den Weg gebracht werden muss.“

Die Werte des agilen Arbeitens

In dem Workshop in Berlin berichtete Tobias Kleinwechter, Fachreferent des Betriebsrats bei Volkswagen Braunschweig, dass „an nahezu allen Standorten agile Prozesse stattfinden, und zwar Top-down ebenso wie Bottom-up.“ Auch Kleinwechter, der selbst als sogenannter Scrum-Master in einem agilen Team arbeitet, erklärte, die neuen Methoden böten „durchaus Chancen: mehr Selbstbestimmung und Sinnhaftigkeit der Arbeit zum Beispiel.“ Voraussetzung sei allerdings, dass die Beschäftigten das agile Arbeiten mitgestalteten – und dass die „Werte des agilen Arbeitens“ auch der Unternehmensführung bewusst seien. Diese Werte seien: Mut, Offenheit, Selbstverpflichtung und Respekt.

Tobias Kleinwechter (Betriebsrat bei VW Braunschweig) spricht bei einem Forum zum Thema „Agiles Arbeiten“. (Foto: Annette Hornischer)

Von der IG Metall wünschten sich die Betriebsräte und Vertrauensleute nicht zuletzt ganz praktische Unterstützung, gern auch, wie ein Teilnehmer sagte, mit einer „Checkliste, worauf bei agiler Arbeit zu achten ist, am besten auch mit Werkzeugen zur Umsetzung.“ Tatsächlich hat die IG Metall eine Synopse einschlägiger Betriebsvereinbarungen bereits erstellt, erklärte Vanessa Barth, Funktionsbereichsleiterin Zielgruppenarbeit und Gleichstellung. Beispiele für Themen in Betriebsvereinbarungen, die in dem Workshop genannt wurden, waren neben dem Festschreiben der agilen Werte Regelungsmechanismen in Fällen, in denen die Belastungsgrenze erreicht ist, sowie das Thema Qualifizierung.

Deutlich wurde aber auch, wie unterschiedlich verteilt die Begeisterung ist: So gab es Teilnehmende, die klagten, ihr Unternehmen verhindere agile Methoden geradezu, ebenso wie solche, die erklärten: „Wir machen alles, was der Chef sagt, also arbeiten wir auch agil. Aber im Grunde bin ich froh, wenn ich halbwegs pünktlich rauskomme und mich um meine Kinder kümmern kann.“ Freiwilligkeit, das war auch Konsens, sei beim Thema agiles Arbeiten ebenfalls bedeutsam. Oder, wie eine Böckler-Stipendiatin es formulierte: „Niemand soll da mitmachen müssen!“ Eingeleitet wurden die Foren von einem Kurzfilm, in dem der Kasseler Wirtschaftsinformatiker Jan Marco Leimeister aktuelle Herausforderungen der Digitalisierung für die Unternehmen erläuterte.

Den Crowdworkern zur Seite stehen

Der Titel der Engineering- und IT-Tagung lautete in diesem Jahr: „Plattformökonomie – Basis für gute Arbeit?“. Bei einer Fishbowl-Diskussion debattierten mit Ulrike Laux, Bundesvorstand IG BAU, Michael Fischer, Leiter Politik und Planung, ver.di, und Vanessa Barth Vertreter dreier Gewerkschaften, wie Crowdworker und Menschen unterstützt werden können, die offline über Plattformen vermittelt arbeiten. Sowohl die IG Metall (faircrowdwork.org) als auch ver.di (ich-bin-mehr-wert.de) stehen Crowdworkern mit Beratungs- und Infoplattformen zur Seite; beide sind zudem seit mehreren Jahren in Gesprächen mit Plattformbetreibern.

Barth berichtete, für den Code of Conduct, den acht Plattformen unterzeichnet und an dem ver.di und IG Metall mitgearbeitet haben, gäbe es nun auch eine Ombudsstelle, die Streitigkeiten zwischen Crowdworkern, Auftraggebern und Plattformen klärt. Barth: „Damit haben wir den Verhaltenskodex mit einem Regelungsmechanismus flankiert.“

Für den Gebäudereinigungsbereich berichtete Ulrike Laux von Gesprächen mit Plattformen, die haushaltsnahe Dienstleistungen vermitteln. Laux kündigte zudem eine Vereinbarung mit dem Ferienwohnungsvermittler Airbnb über den Umgang mit privaten Reinigungskräften an: „Wir finden nicht gut, was Airbnb macht. Aber wir glauben, dass wir diesen Weg gehen müssen, wenn wir Einfluss nehmen wollen. Anders ist Kontrolle nicht möglich.“

Gewerkschaftlicher Austausch sei wichtig, sagte ver.di-Mann Fischer: „Die Branchen werden unterschiedlich durcheinandergewirbelt. Wir brauchen den Dialog.“ Für ver.di erklärte er, das weite Feld Smart City spiele eine immer größere Rolle: „Wenn alle Datenströme in einer Stadt zusammenfließen – wem gehört dann die Plattform?“ Wichtig sei, es brauche offene Standards – „Open Data für Big Data“ – und sensible Daten gehörten in die öffentliche Hand.

Zum Auftakt der Tagung hatte der Potsdamer Professor für Wirtschaftsinformatik und Digitalisierung Key Pousttchi deutlich gemacht: In einer Welt, in der Uber keine Taxis, Airbnb keine Wohnungen und Facebook keine Inhalte besitzt, gehe es statt um Teilen vor allem um Sammeln – möglichst vieler und mit steigender Anzahl immer wertvollerer Daten.

Aufmacherfoto: Annette Hornischer

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