So stressig ist die Arbeit der Polizei

So stressig ist die Arbeit der Polizei

Thema Der psychische Druck, den Polizisten aushalten müssen, ist enorm. Dazu tragen auch die sozialen Medien bei. Doch vorbeugende Maßnahmen gegen psychische Erkrankungen bleiben die Ausnahme.

Als Polizeibeamte im Jahr 2014 in Rüsselsheim zwei Kampfhunde erschossen, weil sie Passanten gebissen hatten und nicht eingefangen werden konnten, war der Teufel los. Ein verwackeltes Handyvideo des Einsatzes, auf dem deutlich die Schüsse zu hören waren, kursierte im Netz. Zwar kam Monate später die Staatsanwaltschaft zu dem Ergebnis, dass die Situation anders nicht mehr beherrschbar gewesen war. Doch bis dahin hatte sich ein beispielloser Shitstorm über die Polizei und die Beamten ergossen.

Der Internetsender GASSI TV berichtete genauso wie überregionale Zeitungen über den Vorfall. Dies löste eine Flut von Hasskommentaren, Anzeigen und Protesten aus. Auf der Website www.petition24.com war die Rede von den „Hundemördern“, ein Gast kommentierte: „Am Ende geht es um zwei Lebewesen, die ein schlagendes Herz, Gefühle und eine Seele haben oder hatten. Es ist eben nichts anderes, als einen Mensch zu töten.“ Für die Beamten, die an dem Einsatz beteiligt waren, war das eine erhebliche Belastung. Sie standen als schießwütige Hundekiller da. Da half es wenig, dass die Gewerkschaft der Polizei (GdP) erklärte: „Kein Polizist erschießt gerne ein Tier – im Gegenteil.“

Man muss den Blickwinkel im Arbeitsschutz weiter fassen.
Björn Neureuter, Leiter der Polizeiinspektion Andernach

Dass Polizisten bei ihrer Arbeit von Bürgern gefilmt werden, gehört heute zum Alltag. Es ist längst ein neuer Stressfaktor geworden – neben Gewalt gegen Polizeibeamte, Personalmangel oder Arbeitsverdichtung. Björn Neureuter, Leiter der Polizeiinspektion Andernach und Vorsitzender des GdP-Bundesfachausschusses Schutzpolizei, sagt, die Auswirkungen spürten Beamte, die in den Filmen zu erkennen seien, bis ins Privatleben hinein. „So etwas kann krank machen“, sagt der Gewerkschafter. „Man muss deshalb den Blickwinkel im Arbeitsschutz weiter fassen.“

Björn Neureuter fordert, dass die Polizei auf Facebook, Twitter und Co. noch stärker präsent sein muss. (Foto: Polizeiinspektion Andernach)

Neureuter fordert auch ein schnelleres und gezielteres Online-Krisenmanagement der Vorgesetzten: „Als Polizist schaut man in so einer Situation genau darauf, wie sich der Vorgesetzte, der Polizeipräsident und die Politik äußern“, sagt er. Er fordert, die Polizei müsse auf Facebook, Twitter und Co. präsent sein, Stellung beziehen und ein gezieltes Monitoring einführen, damit sie überhaupt zeitnah erfahre, wenn sich ein Shitstorm zusammenbraut. Wichtig sei, dass man Filme und wüste Beschimpfungen im Netz nicht einfach ignoriert – wie es derzeit noch häufig geschehe.

Bei Veranstaltungen werden zunehmend auch Social-Media-Teams der Polizei eingesetzt. (Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

Wie es besser geht

Nicht nur an schnellen Interventionsmöglichkeiten in den digitalen Medien fehlt es der Polizei. Auch auf eine Prävention für psychische Erkrankungen und professionelle Gefährdungsbeurteilungen warten die Beamten bislang fast überall vergebens. Eine zuverlässige Beurteilung der psychischen Gefahren im Job, die das Arbeitsschutzgesetz fordert, gibt es nicht. Eine Dienstvereinbarung, wie es sie in Rheinland-Pfalz gibt, erscheint da als eine rühmliche Ausnahme. Hier hat Bernd Becker, Hauptpersonalrat Polizei im Mainzer Innenministerium und Mitglied der Bundeskommission für Arbeitsschutz der Gewerkschaft der Polizei (GdP), in zähen Verhandlungen ein verbindliches Gesundheitsmanagement bei der Polizei des Landes implementiert. Eine Pionierarbeit, die ihm 2010 den Deutschen Personalrätepreis in Bronze einbrachte.

Jahrelang hatte Becker für das Projekt kämpfen müssen – seit 2003. Das eingesetzte Verfahren, die „salutogenetische subjektive Arbeitsplatzanalyse“, untersucht neben den Bedingungen im Betrieb auch die privaten Hintergründe und setzt beides in Verbindung. Im Jahr 2009 kam heraus, dass 36 Prozent der Befragten an Schlafstörungen litten und 45 Prozent über Abgeschlagenheit klagten. 27 Prozent klagten über Reizbarkeit. Jeder Fünfte fühlte sich nach belastenden Einsätzen nicht ausreichend betreut.

Die viel spannendere Frage ist aber, wie wir zu Arbeitsverhältnissen kommen, die möglichst wenige Leute krank machen.
Bernd Becker

Solche Erhebungen sind ein erster Schritt und sollten eigentlich überall Standard sein. Doch für ein belastbares Monitoring braucht man auch neue Qualifikationen. „Unsere Fachkräfte für Arbeitssicherheit kommen alle aus der technischen Ecke und können wunderbar beurteilen, ob es eine technische Gefährdung gibt“, erklärt Becker. „Von denselben Menschen zu erwarten, dass sie abschätzen können, welche psychischen Belastungen im Polizeidienst bestehen – das kann nicht funktionieren.“ Auch die meisten Betriebsärzte seien für diese Beurteilung schlicht nicht ausgebildet.“ Hier hat Becker einiges verbessern können: „Wir haben heute ein landesweites Netz von Gesundheitsbeauftragten in den Behörden und Einrichtungen“, sagt er. „Die kümmern sich um die Symptome. Die viel spannendere Frage ist aber, wie wir zu Arbeitsverhältnissen kommen, die möglichst wenige Leute krank machen.“

Chronisch unterbesetzt

Der Druck kommt nicht nur von außen. Gewerkschafter Becker hält ihn sogar zum großen Teil für hausgemacht: „Der Druck wächst mit der Arbeitsverdichtung“, erklärt er. „Je öfter die Kollegen belastenden Situationen ausgesetzt sind, desto höher wird auch der psychische Druck und umso seltener gibt es die Gelegenheit, sich zu erholen und das Erlebte zu verarbeiten.“ Auch die jährlichen Beurteilungsrunden hat Bernd Becker als andauernde Stressfaktoren ausgemacht. „Mit einem Beurteilungssystem, mit dem wir jedes Jahr mehr Frustrierte als Geförderte hinterlassen, läuft etwas schief“, argumentiert er. „Die Behörde beurteilt 100 Prozent der Bewerber, um einen Bruchteil davon befördern zu können.“ Dazu kämen noch strenge Zielvorgaben: „Häufig kann man die geforderten Ziele gar nicht erreichen, weil schlicht die Zeit dafür fehlt.“

Der Gewerkschafter fürchtet, dass bald überhaupt nur noch zählbare Leistungen wie Anzeigen oder Verwarnungen etwas wert sind: „Die Kollegin, die erfolgreich mit Familienstreitigkeiten umgehen kann, hat bei ihrer Beurteilung nichts davon. Ebenso wenig wie der erfahrene Kollege, der Ansprechpartner von allen jungen Kollegen in der Dienstgruppe ist, weil er für alles eine Lösung hat.“ Becker hat noch weitere Ziele: die Einrichtung eines „Institutes für Gesundheit und Arbeitssicherheit in der Polizei“ und die Neuausrichtung der Wechselschichten nach Gesundheitsgesichtspunkten.

Einen kleinen, aber etwas bitteren Erfolg gibt es für ihn und seine Kollegen schon. Derzeit sind alle Zielvereinbarungsprozesse in Rheinland-Pfalz ausgesetzt, weil die Einsatzbelastung so hoch geworden ist. „Der Arbeitgeber spürt wohl, dass das nicht der richtige Weg ist“, vermutet Becker.

Aufmacherfoto: Karsten Schöne

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