Arbeitszeiten sind das Gewerkschaftsthema Nummer eins

Arbeitszeiten sind das Gewerkschaftsthema Nummer eins

Debatte Die Arbeitszeitdebatte ist wieder da, und zwar mit Wucht. Aber es ist nicht die gleiche wie vor 30 Jahren. Damals ging es um eine Arbeitszeitverkürzung für alle, heute geht es um eine neue Vielfalt und um die Möglichkeit, selbst über die Arbeitszeiten zu bestimmen.

Im Leben moderner Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer häufen sich die Zeitkonflikte: Wir brauchen Zeit für Kinderbetreuung, Zeit für die Pflege von Angehörigen, Zeit für Weiterbildung auf einem sich digitalisierenden Arbeitsmarkt und Zeit für Pausen, um bis zur Rente durchzuhalten. Der Alleinernährer, der 40 Stunden plus Überstunden die Woche abreißt und eine Frau zu Hause hat, die ihm den Rücken freihält, war gestern.

Ein Arbeitsmarkt, der in zwei Hälften zerfällt – in eine männliche Vollzeitwelt und eine weibliche Teilzeitwelt –, passt nicht ins 21. Jahrhundert. Zwar gehen immer mehr Unternehmen auf die neuen Arbeitszeitwünsche ein, doch es sind längst nicht alle; in seiner Struktur ist der Arbeitsmarkt noch zu starr. Ein Indiz ist die kleine Teilzeit bei Müttern: Ein Fünftel aller Frauen arbeitet unter 15 Stunden die Woche. Gleichzeitig bleibt Vollzeitarbeit die Norm; wer davon abweicht, wird mit Einbußen bei Stundenlohn und Karrierechance bestraft und als Störfall betrachtet.

Doch die doppelte Vollzeit plus Familie kann auf einem Arbeitsmarkt, der dem Einzelnen immer mehr abverlangt, auch nicht die Lösung sein, denn dieses Modell ist höchst burnoutverdächtig. Ein Fortschritt ist: Inzwischen diskutieren auch Männer das Thema Vereinbarkeit; viele können sich vorstellen, kürzerzutreten. Es sind auch nicht nur die jungen Eltern, die die Debatte vorantreiben, sondern auch die Sandwichgeneration, die heute 40- bis 60-Jährigen, deren Eltern pflegebedürftig werden.

Und es gibt eine neue Generation auf dem Arbeitsmarkt, die völlig anders an das Thema Arbeit herangeht. Die Arbeitgeber müssen um die gut Qualifizierten der Generation Y und Z kämpfen, denn die wollen sich nicht wie ihre Eltern für den Arbeitsmarkt verausgaben. Damit sich die Arbeitskultur aber wirklich tief greifend ändert, wird es darauf ankommen, dass die Durchsetzungsstarken nicht nur maßgeschneiderte Lösungen für sich heraushandeln, sondern für und mit dem Rest um kollektive Lösungen kämpfen.

Die Gelegenheit ist günstig, denn sie haben die Gewerkschaften auf ihrer Seite – Arbeitszeiten sind 2017 das Gewerkschaftsthema Nummer eins. Und soeben hat eine groß angelegte Beschäftigtenbefragung der IG Metall eindrucksvoll bewiesen, wie wichtig den Beschäftigten – Männern wie Frauen – Arbeitszeiten sind, die zum Leben passen. Arbeitszeitsouveränität scheint ein Thema zu sein, für das die Beschäftigten auf die Straße gehen könnten.

Ein Wahlarbeitszeitgesetz würde die zeitliche Selbstbestimmung stärken.

Natürlich kann es nicht um absolute Arbeitszeitsouveränität gehen, die betrieblichen Belange sind auch zu berücksichtigen. Ein Wahlarbeitszeitgesetz, wie es der Deutsche Juristinnenbund und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales vorschlagen, würde die Ansprüche von Arbeitnehmern und Arbeitgebern gleichermaßen berücksichtigen. Es bedeutet nicht, dass jeder frei wählen kann, wie viele Stunden pro Woche er arbeitet. Aber es stärkt die zeitliche Selbstbestimmung, und es öffnet im Betrieb eine Aushandlungsarena über Arbeitszeiten, in der Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf Augenhöhe sind.  Die „Wahlarbeitszeit“ sieht vor, dass Unternehmen regelmäßig Arbeitszeitchecks machen, um so zu erfahren, wie viel jeder einzelne Arbeitnehmer eigentlich arbeiten möchte, um auf dieser Basis Arbeitszeitkonzepte zu erarbeiten. Damit würden Arbeitszeiten in jedem Unternehmen zum Thema. Ein erster Schritt zur Wahlarbeitszeit ist ein Recht auf befristete Teilzeit. Ein Vorteil: Männer würden sich trauen, in Teilzeit zu gehen, ohne Angst zu haben, in eine Falle zu marschieren. Das Gesetz könnte wie eine Wippe funktionieren: Die Männer können runtergehen, damit die Frauen hochgehen können.

Wir brauchen betriebliche Spielregeln für das mobile Arbeiten.

Die Arbeitswelt wird digitaler. Viele Jobs lassen sich auch außerhalb der Firma erledigen. Das ist eine echte Chance, dem Vollzeit-Anwesenheitskorsett zu entfliehen. Andererseits: Wenn die Arbeit ständig in das Private hereingrätscht, ist das die Kehrseite von Freiheit. Wir brauchen betriebliche Spielregeln für das mobile Arbeiten: Es muss ganz klar werden, wer wann erreichbar sein muss und wie viel arbeitet.

Das Thema „Arbeitszeiten“ spielt auch im Abschlussbericht der Böckler-Kommission „Arbeit der Zukunft“ eine große Rolle – als Antwort auf viele Fragen ebenso wie als große Verteilungsfrage. Er wird am 28. Juni 2017 in Berlin vorgestellt. Siehe weitere Informationen.

Das Wissenschaftliche Sekretariat der Kommission Arbeit der Zukunft (v.l.): Christina Schildmann (Leitung), Lisa Schrepf und Annekathrin Müller

Fotos: picture alliance / Sodapix AG; Anna Weise


WEITERE INFORMATIONEN

Christina Schildmann leitet seit 2015 das wissenschaftliche Sekretariat der Expertenkommission „Arbeit der Zukunft“ der Hans-Böckler-Stiftung.

Kommission „Arbeit der Zukunft“: Auf Initiative der Hans-Böckler-Stiftung beschreibt die Kommission, die sich aus 33 Expertinnen und Experten aus Forschung und Praxis zusammensetzt, Herausforderungen und Perspektiven für die Gestaltung der Arbeitswelt. Im Juni 2017 veröffentlicht sie ihren Abschlussbericht, der Impulse für die Debatten in Politik, Gewerkschaften und Unternehmen geben soll.

Veranstaltung anlässlich der Vorstellung des Abschlussberichts der Kommission „Arbeit der Zukunft“


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Thema 7 Minuten lesedauer