Armes, reiches Deutschland

Armes, reiches Deutschland

Rezension Der SZ-Journalist Alexander Hagelüken hat ein Wahlkampf-Buch geschrieben. Er beschreibt Deutschland als Land der großen Unterschiede und hat eine Idee, wie es wieder gerechter werden kann: Das 21. Jahrhundert soll vom 20. Jahrhundert lernen.

Wer in München arbeitet, muss nicht weit fahren, um im die Wohngegenden der Reichen zu gelangen.  Alexander Hagelüken hat sich – nach so manchem Kollegen – auf den Weg an den Starnberger See gemacht, wo Anwesen für bis zu 8,4 Millionen Euro angeboten werden und jeder Einwohner statistisch doppelt so viel Geld ausgeben kann wie der Durchschnittsdeutsche.

Ganz anders dagegen Pirmasens in Rheinland-Pfalz, eine Gemeinde, in der im Schnitt auf jeden Einwohner 8000 Euro Kredite allein für laufende Verwaltungsausgaben (so genannte Kassenkredite) kommen, und von der ein örtlicher Pfarrer, 35 Jahre im Amt, sagt: „Hier sind alle Probleme der deutschen Gesellschaft zu sehen, nur vergrößert.“

Die beiden Ortsbesuche, bei denen der Autor Bürgermeister,  Immobilienmakler und Ärzte sowie Familien in ihrem Alltag getroffen hat, machen den Buchtitel fast zwingend:  „Das gespaltene Land“ heißt das lesenswerte Buch des leitenden Wirtschaftsredakteurs der Süddeutschen Zeitung, der Untertitel „Wie Ungleichheit unsere Gesellschaft zerstört – und was die Politik ändern muss.“

Stark machen es vor allem die Schlaglichter auf das gespaltene Land im ersten Teil; vor allem weil so fassbar wird, was aus der Trennung von Arm und Reich alles folgt: eine schlechtere Gesundheit etwa, die mit einer dramatisch niedrigeren Lebenserwartung einhergeht. „Wie lange jemand lebt“ heißt es in frappierender Prägnanz, sei „eine Frage des Geldbeutels“: „Generell sterben Wenigverdiener mit einer dreimal so großen Wahrscheinlichkeit vor 65, also bevor sie überhaupt den Ruhestand genießen können.“

Neben dem Blick nach oben und unten gilt Hagelükens Augenmerk der Mittelschicht und ihrem Verschwinden. Das viel diskutierte Phänomen bringt er zuoberst mit dem massiven Abbau sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze in Verbindung. „Aus Arbeitsplätzen wurden Jobs“, konstatiert Hagelüken, und „aus Sprungbrettern“ in die Mittelschicht „klebrige Böden, an denen Menschen feststeckten.“ Und an denen, um im Bild zu bleiben, sich massenhaft rechtspopulistische Parolen festsetzen.

Im zweiten, analytischeren Teil wird deutlich, warum sich gerade Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) bei der Buchvorstellung in Berlin mit dem Autor aufs Podium setzte. Unter der Überschrift „Umsteuern, um das Land gerechter zu machen“ – die ganz genau so von Martin Schulz stammen könnte – folgt ein engagiertes Plädoyer für Umverteilung: über eine Steuerpolitik, die zweckfreie Vergünstigungen abschafft, Vermögen besteuert, Normalverdienern mehr netto gibt, Schlupflöcher schließt, in Bildung investiert. Auch dem „Machtmissbrauch am Arbeitsmarkt“ gehöre Einhalt geboten; der „schrumpfenden Macht der Gewerkschaften etwas entgegensetzt.“

Und so, auch wenn das schrecklich unmodern klingt, appelliert der Autor: „Um die Ungleichheit im 21. Jahrhundert zu reduzieren, sollte sich die Politik wieder am 20. Jahrhundert orientieren.“


Alexander Hagelüken: Das gespaltene Land. Wie Ungleichheit unsere Gesellschaft zerstört – und was die Politik ändern muss. München, Knaur 2017, 240 Seiten, 12,99 Euro


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