Aus Trumps Amerika (2): Kolumne von Norman Birnbaum

Aus Trumps Amerika (2): Kolumne von Norman Birnbaum

Kolumne Reformen in den USA wurden stets durch Generationenbündnisse ermöglicht. Die jungen Protestierer gegen Trump brauchen die Unterstützung der Älteren.

Achthunderttausend Menschen versammelten sich am 24. März in Washington, um dort Schülern zuzuhören, die mit Blick auf die Waffensucht einer ganzen Nation ein Ende der Komplizenschaft von Regierung und Gesellschaft forderten. Jüngere Amerikaner sind kritischer, offener und toleranter als die älteren. Allerdings beteiligen sie sich seltener an Wahlen. Die jungen Redner auf der Demonstration in Washington entstammen einem politisch aktiven Milieu. Es bleibt abzuwarten, ob sich ihre Bewegung über Klassen- und Kulturbarrieren hinweg ausbreiten wird, und ob sie sich mit Fragen der Ungleichheit beschäftigen wird oder mit der Tatsache, dass die Nation geistig und institutionell nicht für das 21. Jahrhundert vorbereitet ist.

Während der sozial kreativsten Perioden sahen die USA sich als die Vorhut der Geschichte. Im Jahr 1887 veröffentlichte der Soziologe Ferdinand Tönnies das Buch „Gemeinschaft und Gesellschaft“, in dem er eine unpersönliche Moderne beschrieb. Im gleichen Jahr veröffentlichte Edward Bellamy in den USA seinen utopischen Roman „Looking Backwards“ („Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887“), in dem er Zukunft entwarf, die auf Großzügigkeit und Solidarität gründete. Hunderttausende Menschen schlossen sich zu lokalen Vereinigungen zusammen, um an Reformen zu arbeiten. Diese Männer und Frauen verschafften der daraus entstehenden Progressiven Bewegung dadurch Legitimation, dass sie sich als Erben biblischer Prophetie verstanden. Theodore Roosevelt war ihr erster Präsident.


AUS TRUMPS AMERIKA

So heißt unsere neue Kolumne, in der Norman Birnbaum, 91, Soziologe, Politikberater und Senior Fellow der Hans-Böckler-Stiftung, regelmäßig Entwicklungen der US-amerikanischen Politik erklärt und kommentiert.



Woodrow Wilson, ein Demokrat, nannte sein Programm „New Freedom“ („Die neue Freiheit“). Theodores jüngerer, zu ihm aufblickender Cousin Franklin D. Roosevelt, ein Schützling Wilsons, nannte seine epochalen Projekte den „New Deal“, was so viel bedeutet wie ein neuer Sozialvertrag. John F. Kennedy forderte die Amerikaner auf, sich ihm an der „New Frontier“, dem neuen Grenzland anzuschließen. Lyndon B. Johnson, der letzte Präsident mit einem größeren Zukunftsentwurf,  stellte sich selbst als aktiver Sachwalter dieser Tradition der Erneuerung dar, indem er die jüngere Generation in seine Reformen mit dem Namen „Great Society“ einbezog.

Die republikanischen Gegenspieler dieser Präsidenten sprachen von alten Tugenden. Experimente redeten sie schlecht. Sie waren gehorsame Diener des Kapitals und all derer, die die Illusionen des „Individualismus“ bereitstellten. Der zynische jüngere Streber Nixon setzte tatsächlich die Reformen der „Great Society“ fort – stillschweigend. Offen zielte er auf weiße Männer, die kritisch gegenüber den Rechten der Afroamerikaner, Latinos und Frauen eingestellt waren. Er benutzte die Wut der Alten und all deren, die gute Gründe hatten, sich als Zurückgebliebene zu betrachten, zerrieben durch den neuen Kapitalismus.

Der betrügerisch gutherzige Reagan war in seinen Siebzigern ursprünglich ein Anhänger der Ideen des „New Deal“, der dann eine Bekehrung zur Religion des Marktes erfahren hat. Mit dem Slogan „Morning in America“ („Es ist wieder Morgen in Amerika“) bediente er die Sehnsucht nach einer ziemlich fiktiven Vergangenheit – wie in jeden mittelmäßigen Filmen über amerikanische Tugenden, in denen er als Schauspieler mitgewirkt hatte.  Die Bushs, Vater und Sohn, hatten eine gewisse Gewandtheit, wie sie unsere imperiale Elite über ein Jahrhundert entwickelt hat – eine Gewandtheit, mit der die Interessen des Kapitals diskret und unerbittlich verfolgt wurden, während die Aufmerksamkeit der Nation auf Feinde im Ausland gerichtet war, die unsere hegemonialen Obsessionen hervorbrachten.

Den demokratischen Präsidentschaften jüngerer Männer – Carter, Clinton und Obama – fehlten Themen, die die Jugend mobilisieren, erziehen und sich deren Loyalität sichern konnten. Natürlich rühmten sie sich ihrer großen reformfreudigen Vorgänger – doch verfielen sie prompt in den Kompromiss und beklagten sich, dass die republikanische Opposition ihnen nichts anderes erlaubte. Obama, sicher ein Charakter von Format und Intelligenz, sprach recht offen sein Bedauern aus über das, was er nicht erreichen konnte. Er war der Präsident, der die Jugend direkt ansprach, sie wiederholt um Wahlhilfe bat, die sie ihm verweigerte, und am Ende (lassen Sie uns sehen, was seine bald erscheinenden Memoiren dazu mitteilen) konnte er ehrlich behaupten, er hätte zumindest viel Schlimmeres verhindert.

Nun ist viel Schlimmeres gekommen – in Gestalt einer Person, die ebenfalls Stammgast der Medien ist. Donald Trump ist brutal, ignorant, offen in seiner Verachtung und sogar kriminell in seiner Missachtung der Verfassung. Er hat ein Drittel oder mehr der Nation hinter sich – hauptsächlich Weiße, Ältere und Männer. Sein Slogan „Make America Great Again“ („Macht Amerika wieder großartig“), ist in der Darstellung der Vergangenheit noch betrügerischer als Reagans Drehbücher. In einer Weltwirtschaft der gegenseitigen Abhängigkeiten ist nichts regressiver als seine Rückkehr zu Schutzzöllen, die an frühere Phasen der amerikanischen Industrialisierung erinnern. Die Entscheidungen, die ein ganzes Spektrum wirtschaftlicher Meinungen in der Unternehmen und in der Finanzwelt bis zu den kritischen und sozialdemokratischen Denkern an unseren Universitäten verunsicherten, sollten Arbeiter besänftigen, darunter viele ältere, die komplexe Zusammenhänge nicht begreifen.

Es ist aber viel zu einfach, die amerikanische Krise auf einen Kampf zwischen Alt und Jung zu reduzieren. Viele junge Menschen sind von Karrieren in der New Economy ausgeschlossen. Ihnen fehlen die Bildungsressourcen, die ihnen durch die Not des öffentlichen Bildungssystems vorenthalten werden (durch den systematischen Angriff Trumps, der klar die Absicht hat, es vollständig zu zerstören). Die Klassenunterschiede, die unsere Gesellschaft prägen, prägen jede Altersgruppe. In früheren Reformbewegungen sahen die Privilegierten in den Universitäten und in den Berufsständen, einige davon in Wirtschaft und Finanzen, es als ihre Verantwortung an, für die gesamte Nation zu denken und zu sprechen.

Eine erwachende Jugend, zum Handeln gebracht durch eine nationale Pathologie und durch die Leichtigkeit, mit der Waffen erworben werden können, könnte ihren Horizont weiten. Sie kann das aber nicht tun ohne außergewöhnliche Unterstützung der Älteren bei der Bildung. Die Idee, öffentliches Engagement als permanente Bildung zu verstehen, hat im Amerika tiefe kulturelle und religiöse Wurzeln. Fragen der historischen Selbstbestimmung sind unmittelbar mit der Frage des Erwachens einer Generation verbunden, was eine produktive Wirkung haben kann. Frühere amerikanische Reformen wurden durch Generationenbündnisse ermöglicht. In unserer Zeit des Niedergangs und der extremen historischen Diskontinuität ist das viel verlangt. Nichts weniger wird jedoch funktionieren.

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