Böckler-Stipendiaten zu Gast bei Bundespräsident Steinmeier

Böckler-Stipendiaten zu Gast bei Bundespräsident Steinmeier

Stiftung Vanessa Westphal und Marcus Böhme haben ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung. Am 29. August sind sie gemeinsam mit Stipendiaten anderer Begabtenförderwerke zu einem Gespräch bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Bonn geladen.

Sport, sagt Vanessa Westphal, ist eigentlich nicht so ihr Ding. „Das ist das einzige, wo ich nicht diszipliniert bin.“ Trotzdem hat die 25-Jährige kürzlich einen Halbmarathon bewältigt. So hartnäckig hatte eine Freundin sie zu überreden versucht, dass sie sich herausgefordert fühlte – und schaffte es. Dank eines Trainingsplans, den sie in der Testosteron-Fachzeitschrift „Men’s Health“ gefunden hatte. Und von dem sie nicht einsah, warum er nur für Männer gelten sollte.

Ich lerne einfach gerne und kann mir Neues gut merken.
Vanessa Westphal

Herausforderungen annehmen, Hindernisse wegräumen, planvoll ein Ziel erreichen – und das ohne jede Scheu vor vermeintlichen Männerdomänen: So geht Vanessa Westphal nicht nur einen Halbmarathon an.

Vanessa Westphal studiert derzeit unter anderem an der Uni Erlangen-Nürnberg. (Foto: Karsten Schöne)

Die Studienstipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung hat neben dem Abitur einen Highschool-Abschluss aus den USA – den Aufenthalt in den Staaten organisierte sie sich selbst. Nach der Schule wählte sie, ohne zu zögern, einen Weg, den immer noch erst wenige Frauen einschlagen. Sie entschied sich für ein duales Studium der Elektro- und Informationstechnik – und schloss sowohl die Ausbildung zur Elektronikerin für Automatisierungstechnik bei Siemens als auch das Bachelorstudium als Jahrgangsbeste ab.

Derzeit absolviert sie gleich zwei Masterstudiengänge parallel: Elektrotechnik an der Universität Erlangen-Nürnberg und Unternehmensmanagement in Harvard, der amerikanischen Elite-Uni schlechthin. Und das berufsbegleitend. Ihren Job bei Siemens hat sie dafür nicht aufgegeben, nur reduziert.

Die Hans-Böckler-Stiftung ist mir ein treuer Berater und Begleiter.
Vanessa Westphal

„Harvard hatte ich mir schon während meiner Highschool-Zeit ausgeguckt“, erzählt die junge Frau. Und wenn sie sich etwas vornimmt, dann kämpft sie auch dafür. Ob sie sich für ehrgeizig hält? „Jaaaaaa!“, sagt Vanessa Westphal und nickt heftig. Nicht stolz, eher als sei es ihr ein bisschen peinlich. Ihre noch kurze Vita ist von Bestnoten, Preisen, Stipendien und Auslandsaufenthalten geradezu gespickt. Als Überfliegerin aber mag sich die doppelte Masterstudentin nicht sehen.

Vanessa Westphal wird im Herbst zwei Masterstudiengänge abschließen und will dann erstmal alles auf sich zukommen lassen. (Foto: Karsten Schöne)

„Ich bin gut darin, mich in einem bestehenden System zu optimieren“, analysiert sie sich ganz nüchtern. „Ich lerne einfach gerne und kann mir Neues gut merken.“ Und sie weiß, wo sie Unterstützung bekommt, wenn es dann doch mal Schwierigkeiten gibt. Die Studienförderung der Hans-Böckler-Stiftung sei ihr „treuer Berater und Begleiter“, sagt sie. „Bei keinem anderen Förderwerk ist das Verhältnis zu den Stipendiaten so eng und so persönlich.“ Sie kenne viele Stipendiaten anderer Förderwerke und wisse deshalb, wie besonders die Hans-Böckler-Stiftung sei.

Mitbestimmung im Studium muss größer geschrieben werden.
Vanessa Westphal

Zusammen geht es besser als allein, davon ist Vanessa Westphal jedoch nicht nur deshalb überzeugt. Während ihres dualen Studiums engagierte sie sich in der Fachschaft an der Hochschule Düsseldorf und gehörte der Gesamtjugendvertretung bei Siemens an. Sie teilte ihr Wissen in selbst organisierten Tutorien und kämpfte erfolgreich um ein Auslandssemester. Weil sie unbedingt nach Madrid wollte, verhandelte sie so lange, bis nicht nur sie fahren durfte, sondern alle, die es wie sie ins Ausland zog. „Wenn etwas gut ist, sollte man es durchsetzen“, meint das überzeugte IG-Metall-Mitglied schlicht.

Wenn sie am 29. August Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Villa Hammerschmidt in Bonn gegenübersitzt, will sie diesen Gedanken stark machen: „Mitbestimmung im Studium muss größer geschrieben werden.“ Die technikbegeisterte Ingenieurin würde die Studierenden bei Belangen der Hochschule einfach per App abstimmen lassen – bei großen Themen wie einer Bewertung der Uni genauso wie bei Detailfragen, ob etwa eine geplante Veranstaltung überhaupt auf Interesse stoßen würde. „Man muss den Studierenden besser zuhören“, findet sie, „und dann auch tatsächlich umsetzen, was sie wollen.“

Ihr eigenes Studium wird im Herbst mit dem zweifachen Master enden. Und danach? Technische Laufbahn oder Managementkarriere? Oder doch noch eine Promotion? Aber in welchem Fach? Vanessa Westphal hat sich noch nicht entschieden. „Auch wenn man gerne alles plant, muss man Dinge auch mal auf sich zukommen lassen“, sagt sie. Es wäre für sie tatsächlich eine neue Erfahrung.


AUSTAUSCH MIT FRANK-WALTER STEINMEIER

Am 29. August trifft sich Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier mit Stipendiaten von Begabtenförderwerken in der Villa Hammerschmidt in Bonn. Bei dem Treffen soll sich über „Gelebte Demokratie und Teilhabe in und neben dem Studium“, aber auch über allgemeinere Themen wie Studienbedingungen, Erwartungen der Studierenden an ihr Studium, Bedeutung der Studienförderung und ähnliche Themen, ausgetauscht werden. Für die Hans-Böckler-Stiftung werden Vanessa Westphal (25) und Marcus Böhme (23) anwesend sein.



Marcus Böhme ist schon mittendrin. Gerade absolviert er ein Praktikum in der ver.di-Bundesverwaltung in Berlin – und hat prompt mit einem wichtigen geplanten Gesetz zu tun. In seinem Arbeitsbereich brütet man gerade über dem „Teilhabechancengesetz“.

Arbeit ist sinnstiftend und kann glücklich machen.
Marcus Böhme

Hinter dem Wortungetüm verbirgt sich staatlich geförderte Arbeit: Durch Lohnkostenzuschüsse will die Bundesregierung Langzeitarbeitslosen helfen, wieder in Arbeit zu kommen; die Kriterien sollen weniger streng als bei früheren Programmen sein. Gewerkschaften wie Arbeitgeber werden bei Gesetzesverfahren wie diesen eingebunden. „Uns interessieren die Details wie die Förderhöhe, und ob das Gehalt an Tarife gekoppelt ist“, sagt der Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung.

Marcus Böhme macht momentan ein Praktikum bei ver.di. (Foto: Anna Weise)

Die Arbeit bei ver.di passt zu seinem Bachelorstudium der Sozialen Arbeit, das er in diesem Jahr an der Fachhochschule Magdeburg-Stendal abschließt. Thema seiner Bachelorarbeit, die er bereits geschrieben hat: öffentlich geförderte Beschäftigung. Für Marcus Böhme ist Arbeit ein zentraler Bestandteil des Lebens: „Arbeit ist sinnstiftend und kann glücklich machen.“ Wenn er das sagt, klingt es überhaupt nicht pathetisch.

Über das Thema spricht er überlegt und ernsthaft. Über Arbeitslosenschicksale und die sich ausbreitende prekäre Arbeit sagt er: „Menschen sollte man mit mehr Wertschätzung und Anerkennung begegnen. Jeder hat eine Lebensleistung, und die sollte man würdigen. Das geht oft verloren, und dagegen zu arbeiten ist mein Antrieb.“

Während sich manche in seinem Alter mit Orientierungsproblemen herumschlagen, scheint der 23-Jährige sein Lebensthema gefunden zu haben. Das hat viel mit seiner Herkunft zu tun. Marcus Böhme stammt aus einem Dorf in der Sächsischen Schweiz östlich von Dresden. Hier herrschte nach der Wende über Jahre große Arbeitslosigkeit: Die wenigen Großbetriebe im Kreis wurden abgewickelt, Beschäftigung boten meist nur Kleinbetriebe, die Löhne waren niedrig. Hauptsache Arbeit, über die Arbeitsbedingungen wurde in Sachsen weniger geredet.

Ich bin links, aber in erster Linie gewerkschaftlich links.
Marcus Böhme

Sein Vater ist Fliesenleger. Nach einem Bandscheibenvorfall vor fast zwanzig Jahren arbeitet er bis heute unter prekären Bedingungen. Erst in der Leiharbeit, jetzt arbeitet der Vater per Werkvertrag. Lange Zeit hat er nur Nachtschichten gemacht. „Diese langjährige Unsicherheit macht etwas mit einer Familie“, sagt Marcus Böhme. Sein Vater habe ihm Werte wie Wertschätzung, Gerechtigkeit und Solidarität vermittelt.

Der Student trägt lange Rastalocken, eine Frisur, die unter jungen Männern in der Sächsischen Schweiz nicht gerade Standard ist. Bis heute sind dort Neonazis und die NPD stärker verankert als im Rest des Bundeslands, das sowieso schon Probleme auf der ganz rechten Seite hat. „Ich bin links, aber in erster Linie gewerkschaftlich links“, sagt er. Die Rastalocken sind für ihn auch ein politisches Statement.

Momentan ist Marcus Böhme in Berlin, aufgewachsen ist er in einem Dorf in der Sächsischen Schweiz östlich von Dresden. (Foto: Anna Weise)

Politisiert wurde er durch den örtlichen Jugendclub, in dem er aktiv war. Marcus Böhme erlebte, wie immer mehr rechtsradikale Jugendliche in den Club drängten. Ihn hat schon damals beschäftigt, erzählt er, was die richtige Antwort sein könnte: „Wenn man so einen Jugendclub dicht macht, treffen sich die Rechten eben an der Bushaltestelle. Damit ist das Problem ja nicht gelöst.“ Marcus Böhme wird dem Bundespräsidenten in Bonn einiges über die besondere Lage in seiner Herkunftsregion und die Herausforderungen für die Demokratie erzählen können.

Sein Engagement hat er mit an seine Fachhochschule genommen. Er hat eine Hochschulgruppe mitgegründet, ist Mitglied im Fachschaftsrat, war studentischer Vertreter in einer Berufungskommission für eine Professur und hat ein Festival für Flüchtlinge und politische Informationsveranstaltungen mitorganisiert. Das erzählt er sachlich und mit einer Selbstverständlichkeit, als ob das Normalste für einen Studenten ist, sich neben dem fachlichen Stoff auch in die Gremienarbeit zu stürzen und viel Freiwilliges zu stemmen.

Ende Juli ist das Praktikum bei ver.di vorbei, im Herbst steht das Masterstudium an. Was er danach machen möchte? In einer Gewerkschaft arbeiten oder in die Wissenschaft gehen, sagt Marcus Böhme. So oder so – sein Lebensthema kann er in beiden Fällen weiterverfolgen.

Aufmacherfoto: Karsten Schöne/Anna Weise

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