Bündnis will Akzeptanz für die Industrie verbessern

Bündnis will Akzeptanz für die Industrie verbessern

Wissen Was ist zu tun, damit Deutschland auch künftig ein erfolgreiches Industrieland bleibt? Im „Bündnis Zukunft der Industrie“ suchen Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und Bundeswirtschaftsministerium gemeinsam nach Antworten. Eines ihrer Themen: die berufliche Bildung.

Der Kontrast könnte größer kaum sein. In der Paul-Ehrlich-Berufsschule in Frankfurt lernen die Auszubildenden aus dem nahe gelegenen Industriepark Höchst – einem der größten Chemie- und Pharmastandorte Europas, der mit seinen zahlreichen Unternehmen dazu beiträgt, dass am Finanzplatz Frankfurt nicht die Banken der größte Gewerbesteuerzahler sind, sondern die Industrie.

Doch der Zustand der Schule lässt diese Bedeutung nicht entfernt erahnen. Fenster, die nicht richtig schließen. Toiletten, vor denen sich die Schüler ekeln. Bröckelnder Putz, marode Heizungen. Und vor allem: eine technische Ausstattung, die ganz überwiegend so alt ist wie das ganze Gebäude. Mehr als 40 Jahre.

Wir stehen vor einem Riesenproblem. Der Lernort Berufsschule wurde zu lange vernachlässigt.
Stefan Körzell, DGB-Bundesvorstand

So wie an der Paul-Ehrlich-Schule in Frankfurt sieht es an vielen der 1500 Berufsschulen in Deutschland aus. Ein geeigneter Ort also, um darüber zu diskutieren, was sich ändern muss. Anfang September wurden hier die Ideen des „Bündnisses Zukunft der Industrie“ zur beruflichen Bildung vorgestellt. „Wir stehen vor einem Riesenproblem“, sagt Stefan Körzell vom DGB-Bundesvorstand. „Der Lernort Berufsschule wurde zu lange vernachlässigt.“ Auf rund 35 Milliarden Euro werde der Investitionsstau bundesweit geschätzt. „Aus diesem Stiefmütterchendasein“, erklärte Peter Clever, Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA), „wollen wir die Berufsschulen herausholen.“ Schließlich sei die qualifizierte Facharbeiterschaft nach wie vor das Rückgrat der deutschen Wirtschaft.

DGB-Bundesvorstand Stefan Körzell (l.) und Peter Clever, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Arbeitgeberverbands BDA, im Gespräch mit jungen Berufsschülern. (Foto: Frank Rumpenhorst)

Dass der Bund und die Länder dringend mehr Geld für die berufliche Bildung ausgeben müssen, ist eine zentrale Forderung des Bündnisses, das Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften im Frühjahr 2015 zusammen mit dem damaligen Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) ins Leben riefen. Die Initiative war von der IG Metall ausgegangen. Der korporatistische Zusammenschluss sollte deutlich machen, wie groß die Bedeutung der Industrie für Deutschland ist – und dass man sich, so unterschiedlich die Interessen der Bündnispartner ansonsten auch sein mögen, auf diesem Gebiet in vielem einig ist. „Die Industrie ist ein entscheidender Motor für Wohlstand und Arbeitsplätze in Deutschland. Sie steht für Innovationskraft, Exportstärke, sichere Beschäftigung und faire Einkommen“, heißt es in einer Erklärung des Bündnisses. „Diese Position muss jedoch täglich neu gesichert werden.“ Wie das angesichts umfassender Herausforderungen – von demografischem Wandel über Digitalisierung und veränderte globale Handelsbeziehungen bis zu Klimaschutz und Energiewende – gelingen kann, darüber wurde in fünf Arbeitsgruppen beraten.

Lernort Berufsschule attraktiver machen

Die Arbeitsgruppe zum Thema Aus- und Fortbildung leiteten Peter Clever und Stefan Körzell. Um auch künftig den Fachkräftebedarf der Industrie decken zu können, müsse die duale Ausbildung gestärkt werden, erklärten sie in Frankfurt. Dafür brauche es eine flächendeckende Versorgung mit attraktiven und modernen Berufsschulen, in denen sowohl die technische Ausstattung als auch die Qualifikation der Lehrkräfte stets up-to-date gehalten würden. „Der Lernort Betrieb darf nicht abgekoppelt werden vom Lernort Berufsschule“, sagte Körzell.

In der Paul-Ehrlich-Schule in Frankfurt wurden Ideen zur beruflichen Bildung vorgestellt. (Foto: Frank Rumpenhorst)

Damit es nicht bei wohlfeilen Worten bleibt, wurde neben dem tripartistischen Bündnis noch das „N3tzwerk Zukunft der Industrie“ gegründet. Getragen von den verbandlichen und gewerkschaftlichen Bündnispartnern, unabhängig von der Bundesregierung also, soll der gemeinnützige Verein eine breite industriepolitische Debatte anstoßen – nicht nur über die konkreten Forderungen des Bündnisses, sondern auch ganz grundsätzlich über Rolle und Bedeutung der Industrie in Deutschland. Das Ziel ist ehrgeizig: Es geht darum, der Industrie wieder mehr Akzeptanz zu verschaffen. In der Politik wie in der Bevölkerung.

Das Beispiel der beruflichen Bildung zeigt, auf welch verschiedenen Ebenen dabei agiert wird: In Frankfurt diskutierten Stefan Körzell und Peter Clever zunächst mit Stakeholdern der Paul-Ehrlich-Schule – von Schülern und Lehrern über Vertreter von Unternehmen, deren Auszubildende dort unterrichtet werden, bis zur Frankfurter Schuldezernentin. Anschließend präsentierten sie ihr Konzept dem Beirat der Initiative „Masterplan Industrie“ der Stadt Frankfurt, in der sich Akteure aus Wirtschaft, Politik, Gewerkschaften und Wissenschaft bereits seit mehreren Jahren gemeinsam für den Industriestandort Frankfurt engagieren.

Industriedialog ist das Zauberwort

Mit mehr als 40 solcher regionalen Bündnisse arbeitet das „N3tzwerk“ bundesweit zusammen. Die Frankfurter Masterplan-Initiative ist darüber hinaus eine von sechs Modellregionen, in denen im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums exemplarisch nach neuen Wegen für den zivilgesellschaftlichen Dialog über die Zukunft der Industrie gesucht wird. In dem Projekt, das noch bis zum Jahresende läuft, werden unter anderem beteiligungsorientierte Veranstaltungsformate entwickelt und praktisch erprobt. So soll es am 8. November in Frankfurt ein sogenanntes World Café zum städtischen Berufsschulentwicklungsplan und zur beruflichen Bildung der Zukunft geben. Eingeladen zum kreativen Nachdenken sind Auszubildende, Lehrer und Eltern genauso wie Unternehmensvertreter, Betriebsräte und Politik.

Industriedialog ist das Zauberwort. Möglichst viele Menschen sollen so erreicht werden. Daneben ist das Netzwerk aber auch ganz klassisch im politischen Berlin aktiv – und erfolgreich, wie Körzell und Clever betonten. Man habe erreicht, dass sich die Kultusministerkonferenz in einer gemeinsamen Erklärung mit DGB und BDA zur Modernisierung der Berufsschulen bekannte. Und dass der Fünf-Milliarden-Euro-Topf, den Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) zur Digitalisierung an den Schulen angekündigt hat, auch den Berufsschulen zugute kommen soll.

Ein Anfang sei das, befand Gewerkschafter Stefan Körzell, aber nicht mehr. Auch die neue Bundesregierung, das machte sein Mitstreiter auf Arbeitgeberseite deutlich, wird sich deshalb auf Druck durch das Bündnis einstellen müssen: „Wir haben eine breite Basis“, unterstrich Peter Clever. „Mit diesem Pfund werden wir bei den Koalitionsverhandlungen wuchern.“


INTERVIEW MIT ARMIN SCHILD, GEWERKSCHAFTER UND N3TZWERK-GESCHÄFTSFÜHRER

„Nicht so sicher, wie viele glauben“

Herr Schild, das „N3tzwerk Zukunft der Industrie“ schreibt sich ungewöhnlich: mit einer 3 anstelle des ersten E. Was soll uns das sagen?

Im „Bündnis Zukunft der Industrie“ wirken drei Akteure zusammen: Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und das Bundeswirtschaftsministerium. Für diese konzertierte Aktion ist unser „N3tzwerk“, das von den NGOs im Bündnis getragen wird, so etwas wie die operative Ebene. Die 3 steht aber auch für die drei Ziele, die wir haben: Wir wollen die Akzeptanz von Industrie in Politik und Gesellschaft fördern. Wir entwickeln gemeinsame Handlungsempfehlungen zum Erhalt industrieller Wertschöpfung – und damit von guten und modernen Arbeitsplätzen – in Deutschland. Und wir wollen darüber bundesweit und regional mit den Bürgern in einen Dialog treten.

Wie wollen Sie erreichen, dass Ihre Empfehlungen nicht nur auf dem berühmten geduldigen Papier stehen bleiben?

Zum einen richten wir uns direkt an politisch Verantwortliche in Deutschland und Europa. Zum anderen liefern wir mit den Empfehlungen eine programmatische Grundlage für die rund 400 Gliederungen unserer Mitgliedsvereinigungen, ob das nun Kammern, Gewerkschaften oder Arbeitgeberverbände sind. Auf diesem Fundament können die Akteure auf regionaler, kommunaler oder Unternehmensebene zusammen wirken und sich mit den ganz konkreten Fragen beschäftigen, etwa: Entsprechen die Berufsschulen unseren Qualitätsansprüchen?

Macht das Bündnis Lobby-Arbeit?

Wir vertreten ja nicht das Interesse einzelner Unternehmen, nicht einmal einzelner Branchen. Es geht um einen übersektoralen Austausch über lange Linien der Industriepolitik, transparent, im Dialog mit den Akteuren des Bündnisses, der Zivilgesellschaft und mit Bürgerinnen und Bürgern. Wie wichtig das ist, zeigt das Beispiel der Automobilindustrie: Deren Zukunft hängt, Stichwort Elektromobilität, untrennbar mit Fragen der Energiepolitik oder der Verkehrsinfrastruktur zusammen.

Die Autoindustrie hat mit dem Diesel-Skandal um manipulierte Abgaswerte eine Menge Vertrauen verspielt. Als sich das Bündnis gründete, war davon noch nichts bekannt. Trotzdem sahen Sie schon damals die Notwendigkeit, die Akzeptanz der Industrie zu steigern. War das prophetisch?

Uns geht es um ein grundlegendes Problem. Die Zukunft der Industrie in Deutschland ist nicht so sicher, wie viele glauben. Doch seit geraumer Zeit erleben wir eher, wie sie Tag für Tag in Frage gestellt wird. Nehmen wir die Klimapolitik: Es ist sinnlos, wenn wir das Erreichen der Klimaziele in Deutschland damit erkaufen, dass bei uns Industrie abgeschaltet und dafür anderswo auf der Welt Fabriken mit einem höheren Schadstoffausstoß errichtet werden. Stattdessen brauchen wir politische Rahmenbedingungen, die es den Unternehmen ermöglichen, ihrer Verantwortung hierzulande durch aktive Transformation, durch Investitionen in Forschung und Entwicklung gerecht zu werden. Das Ziel, Deutschland als Industrieland zu erhalten, muss genauso geachtet werden wie der Klima- und Verbraucherschutz.

Aufmacherfoto: Höchst



„N3tzwerk“-Geschäftsführer Armin Schild erklärt, warum er Lobbyarbeit für die deutsche Industrie leistet. (Foto: Frank Rumpenhorst)


Zur Person

Armin Schild (56) leitet als einer von zwei Geschäftsführern die Geschäftsstelle des Vereins „N3tzwerk Zukunft der Industrie“ in Berlin. Der gelernte Stahlformenbauer hat Sozialpädagogik studiert und anschließend als Gewerkschaftssekretär gearbeitet – zuletzt zehn Jahre als Bezirksleiter der IG Metall in Frankfurt.




WEITERE INFORMATIONEN

Bündnis Zukunft der Industrie: Eine Zwischenbilanz (2015-2017) – gemeinsam den Wandel gestalten!

Website des N3tzwerk Zukunft der Industrie

Website: „Wir haben noch viel vor. Ihre Industrie“

Fachkräftebasis der Zukunft sichern: Anforderungen an Aus- und Weiterbildung. Handlungsempfehlungen der Arbeitsgruppe 3 „Zukunft der Arbeit in Industrie und industrienahen Dienstleistungen“

Das „Bündnis Zukunft der Industrie“ hat derzeit 17 Mitglieder. Neben dem Bundeswirtschaftsministerium sind die drei Industriegewerkschaften IG Metall, IG BCE und IG BAU, die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten sowie der DGB dabei. Auf Arbeitgeberseite sind die Dachorganisationen BDA und BDI, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sowie acht Branchenverbände vertreten.

Artikel in der Frankfurter Neuen Presse über die Paul-Ehrlich-Schule: Auszubildende begehren auf


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