Birgit Helten-Kindlein: Die sanfte Aufsteigerin

Birgit Helten-Kindlein: Die sanfte Aufsteigerin

Aufsichtsrat Herzlich und hartnäckig: Birgit Helten-Kindlein ist als Aufsichtsrats-Vize und GBR-Vorsitzende der Henkel AG & Co. KGaA in Spitzenfunktionen der Mitbestimmung angekommen.

Seit dem 9. April kontrollieren den Konsumgüterkonzern Henkel zwei Frauen. Auf der Hauptversammlung wurde die Arbeitnehmervertreterin Birgit Helten-Kindlein zur Stellvertreterin von Aufsichtsratschefin Simone Bagel-Trah ernannt, die seit 2009 die Eigentümerfamilie vertritt. Damit gibt es zum ersten Mal in einem DAX-30-Konzern eine weibliche Doppelspitze im Aufsichtsrat.

Ich bin mir meiner positiven Macht bewusst.
Birgit Helten-Kindlein

Als die spektakuläre Aufsichtsratsbesetzung durchsickerte, war die Medienresonanz groß. Heide Pfarr vom deutschen Juristinnenbund freute sich, „dass bei Henkel wichtige Positionen wirklich nach Befähigung vergeben werden“.

In der Tat hat die Finanzexpertin Helten-Kindlein, die im Konzern seit 33 Jahren arbeitet und berufsbegleitend BWL mit Schwerpunkt Personal- und Finanzmanagement studierte, ideale Qualifikationen für den Spagat zwischen Betriebsratsarbeit („Da sind wir Sozialarbeiter“) und der Controlling- und Finanzfunktion im Aufsichtsrat. Wo sie auch Mitglied des Prüfungsausschusses und für das Risikomanagement mit zuständig ist. Eine echte Machtstellung. Dank Mitbestimmung.

Augenhöhe mit den Arbeitgebern und die Mitarbeiter beim Changemanagement mitnehmen, ist für Helten-Kindlein sehr wichtig. (Foto: Jürgen Seidel)

Die 54-Jährige weiß das. „Ich bin mir meiner positiven Macht bewusst“, sagt sie. Sie fordert Augenhöhe mit den Arbeitgebern ein und verweist auf ihre Fähigkeiten, die Mitarbeiter beim Changemanagement mitzunehmen. „In anderen Konzernen verhandelt die dritte Ebene mit dem Betriebsrat. Ich schaffe es, dass der Vorstand hier zu mir kommt“, sagt sie selbstbewusst.

Helten-Kindlein sitzt auf dem großen Henkel-Werksgelände in einem Flachbau. Da, wo früher der Kindergarten war, sind heute die Betriebsratsbüros. Hier trifft sie das Magazin Mitbestimmung zum Gespräch – und nicht in der Firmenzentrale nebenan, wo atemberaubende Kunstwerke hängen, die die Mäzenin Gabriele Henkel gesammelt hat.

Eindrucksvolle Ämtersammlung

„Ich habe alle Posten abgeräumt“, sagt die Karrierefrau leichthin. Den Betriebsratsvorsitz am Standort Düsseldorf zu bekommen war kein allzu großer Kraftakt. Schwieriger war es, den Gesamtbetriebsrat zu überzeugen, dass eine Frau und Akademikerin dieses Gremium führen würde. Aber, nun ja, sie ist eben hartnäckig und hat im Vorfeld mit den Kollegen Gespräche geführt und auch Zusicherungen gemacht. Dazu kommt der Vorsitz im Europäischen Betriebsrat – alles in allem eine eindrucksvolle Sammlung an Ämtern, die schon ihr Vorgänger Winfried Zander auf sich vereinte und die mitbestimmungspolitisch Sinn ergeben in diesem Konzern. Sagt sie.

Um so weit zu kommen, braucht man einflussreiche Förderer: „Wer hier keinen Rückhalt in der Eigentümerfamilie hat, hat schon verloren“, macht Helten-Kindlein klar. Immerhin hält die Firmenfamilie mindestens bis 2032 60 Prozent der Anteile. Auch die Beziehung zur Aufsichtsratsvorsitzenden Simone Bagel-Trah sei gut und respektvoll, eine belastbare Grundlage für die Führung des Aufsichtsrats.

Nicht zu vergessen die andere Säule, „meine Gewerkschaft, die IG BCE“. Auch hier einflussreiche Nähe: IG-BCE-Vorsitzender Michael Vassiliadis hat ein Mandat im 16-köpfigen Henkel-Aufsichtsrat. Ihn kennt sie seit den Tagen in der Jugendvertretung – sie bei Henkel, er bei Bayer.

Da saßen ältere Männer mit Karohemden und Bauchansatz, von denen fühlte ich mich schon gar nicht vertreten – als Frau und als junger Mensch.
Birgit Helten-Kindlein

Helten-Kindlein weiß, wo sie herkommt. Der Vater Handwerker, die Mutter Hausfrau. Sie „hatte das Glück, Abitur zu machen“, das habe ihr bürgerliche Milieus eröffnet. Eigentlich wollte die gebürtige Düsseldorferin, angeregt durch Joseph Beuys, Kunst studieren. Sie machte stattdessen eine Ausbildung bei Henkel zur Bürokauffrau, dazu rieten die Eltern. 1986 wird sie rasch Vorsitzende der Jugendvertretung und lernt ein damals typisches Betriebsratsgremium kennen: „Da saßen ältere Männer mit Karohemden und Bauchansatz, von denen fühlte ich mich schon gar nicht vertreten – als Frau und als junger Mensch. Und ich dachte: Was die so veranstalten, das kannst du besser.“ 30 lange Jahre später ist sie die Frau an der Spitze.

Die Henkel-Betriebsrätin hält wenig von der Frauenquote. Da erleben wir doch hier, wie gut man tricksen kann, argumentiert sie. Da werden formale Führungstitel verliehen, damit der Arbeitgeber melden kann: Quote erfüllt. Ihr Rat an die Frauen: Nicht zögerlich sein! Zugreifen! Wenn jemand für eine Aufgabe gesucht wurde, habe sie immer gesagt: „Ja, mache ich, kann ich.“ Das tun die Männer doch auch. Und irgendwann merkte das Umfeld dann: „Die kannst du überall hinstellen, die Frau funktioniert.“

„Wir haben die besseren Konzepte“

„Geht nicht, gibt’s nicht“, sei ihr Motto. Birgit Helten-Kindlein sagt das mit Entschlossenheit. Dieses „Geht nicht, gibt’s nicht“ prägte ihre beeindruckende Biografie mit Beruf, Kindern und einem BWL-Studium auf dem zweiten Bildungsweg. Sie hat zwei Kinder bekommen und in zweiter Ehe eine sechsköpfige Patchworkfamilie gemanagt.

Leidenschaftliche Vertreterin eines mitbestimmten Personalmanagements: Birgit Helten-Kindlein. (Foto: Jürgen Seidel)

„Geht nicht!“, sagt dagegen ihr Chef, als sie 1991 schwanger ist und in ihrem Finanzbereich Teilzeit arbeiten will. Worauf sie sich selbst ein Teilzeitmodell bastelt, mit dem sie ihre Arbeit entlang der zeitlichen Anforderungen von Quartalsabschlüssen und Controlling machen kann. „Ich habe gesagt, ich zeige dem Unternehmen, wie das ein Jahr lang funktionieren kann.“ Am Ende stand ein übertragbares Konzept für Teilzeitarbeit. Ein Modell, das Jahre später in eine Betriebsvereinbarung überführt werden konnte. „Ich sehe mich auch als Vorbild für andere Frauen“, sagt Helten-Kindlein. Sie war auch die Erste, die eine Teilzeit-Freistellung im Betriebsrat von Henkel durchsetzte – mit Unterstützung des Unternehmens.

Im Gespräch entpuppt sich Helten-Kindlein als leidenschaftliche Vertreterin eines mitbestimmten Personalmanagements. „Da haben wir einfach die besseren Konzepte“, sagt sie. Und mehr Empathie. „Für mich hat die Personalnummer 499 einen Namen und eine Familie.“ Das war ihr 2008 sehr präsent, als Henkel 600 Mitarbeiter am Standort entlassen wollte, obwohl der Konzern insgesamt gute Zahlen schrieb. „Ich war geschockt, konnte zwei Tage lang nicht klar denken.“ Doch dann handelte sie, entwarf ein Konzept, mit dem Qualifikationen erfasst und Wechsel in den Sparten Waschmittel, Klebstoffe möglich wurden. Heute ist dieses Projekt etabliert, und der Konzern ist stolz auf sein „Development-Forum“.

Ganz selbstverständlich setzt sie Weiblichkeit und Freundlichkeit als Trumpf ein. Führt eher die feine Klinge. Laut werden? „Im Notfall“, sagt sie. Ansonsten seien Hartnäckigkeit, Empathie und Klugheit das Erfolgsrezept. Helten-Kindlein versteht die Anliegen der Akademiker, weil sie selbst studiert hat. Und sie versteht die Arbeiter, weil sie in ihrer Kindheit „diese Handwerker-Herzlichkeit“ erlebt habe. Gelernt habe sie das verbindliche Austarieren von vielfältigen Interessen in ihrer Familie.

Umso bedenklicher stimmt sie, dass die Arbeit der Betriebsräte verkannt wird. Das bemerke man nicht auf Böckler-Tagungen, wo sie gerne auftritt, sondern etwa auf Personal- und Wirtschaftskongressen. Da will sie vom Gegenteil überzeugen. Mit strategischem Denken. Mit ihrer Kompetenz in Finanz- und Personalmanagement. Will die Arbeit im Aufsichtsrat, dieses „big picture“ auf den einzelnen Menschen herunterbrechen. Das machen die Manager nicht mehr, sagt sie. Manager dächten die Prozesse nicht bis zum Ende, bis zum Mitarbeiter. Dessen Interessen einzubringen, dafür ist ja jemand wie Birgit Helten-Kindlein da – zusammen mit ihren Betriebsratskollegen.

Aufmacherfoto: Jürgen Seidel


WEITERE INFORMATIONEN

Traditionsunternehmen

Henkel wurde 1876 gegründet. Heute beschäftigt der Konsumgüterkonzern mit Marken wie etwa Persil, Pritt und Schwarzkopf mehr als 53 000 Mitarbeiter. Die Familie Henkel hält mit 61 Prozent der Stammaktien die Mehrheit am DAX-Unternehmen. Die Geschäfte laufen gut. 2017 stellte Henkel mit 20 Milliarden Euro einen Umsatzrekord auf. In Düsseldorf befindet sich nicht nur die Konzernzentrale, sondern auch der zweitgrößte Produktionsstandort. Hier arbeiten 5500 Mitarbeiter.

Frauen in Deutschland arbeiten deutlich seltener als Männer in einer leitenden Stellung. Dies gilt sowohl für Mitarbeiterinnen in Vollzeitbeschäftigung als auch – in noch stärkerem Maße – für Teilzeitbeschäftigte. Mehr Fakten über Frauen in Führungspositionen im WSI-Gender-Datenportal.


Nächster Artikel

Zur Sache: Die Aufsichtsräte müssen die Managervergütung selbst regeln

Kommentar 2 Minuten lesedauer