Clariant GmbH: Knallharte Fakten für mehr Stellen

Clariant GmbH: Knallharte Fakten für mehr Stellen

Betriebsrat Der Betriebsrat des Chemieunternehmens Clariant am Standort Gersthofen konnte nach einer Analyse die Standortleitung überzeugen, neue Stellen zu schaffen.

„Als ich hier angefangen habe, habe ich gedacht, das halte ich keine Woche aus!“, sagt Alexander Böck. Der Tagschichtmeister im Montanwachsbetrieb zeigt auf die Anlage: „Die Kessel sahen damals noch anders aus, es hat gezischt und gerochen.“ Doch es hat sich in der Produktion viel verändert. Heute wird das Wachs, das aus Braunkohle gewonnen wird, hinter Glas mit Alkohol verestert. Nur ein leicht scharfer Geruch liegt noch in der Luft.

Alexander Böck ist länger als eine Woche geblieben. Inzwischen arbeitet er seit 25 Jahren im Industriepark in Gersthofen bei Augsburg. Als er anfing, gehörte der Standort noch zur Hoechst AG und wurde dann von dem Schweizer Konzern Clariant übernommen, einem der Weltmarktführer in der Spezialchemie.

Alexander Böck, Tagschichtmeister und BR-Mitglied, arbeitet seit 25 Jahren in Gersthofen. (Foto: Karsten Schöne)

Mit den Jahren wurden auch die Anlagen und Prozesse optimiert und angepasst. „Es wurden auch immer wieder Arbeitsplätze abgebaut“, berichtet Böck, der auch im Betriebsrat ist. Dann kam die Wirtschaftskrise. „Damals war es ja fast in Mode, in Kurzarbeit zu gehen“, scherzt Böck.

Die Schuppen und Granulate aus dem Montanwachsbetrieb in Gersthofen sind in der ganzen Welt bei vielen Herstellern beliebt – hier hergestellte Spezialwachse werden beispielsweise in der Autoindustrie zur Herstellung von Kunststoffteilen genutzt oder in Politurmitteln verwendet.

Steigende Produktion, stagnierende Beschäftigung

Seit gut zehn Jahren steigt die Produktionsmenge kontinuierlich. „Nur neue Kollegen wurden keine eingestellt“, sagt Böck. „Wenn dann noch einer krank geworden ist, wurde es in der Schicht oft ganz schön eng.“ Viele Schichtmeister, die ja den Gesamtüberblick über die Anlage behalten sollen, mussten dann einzelne Maschinen selbst steuern oder den Produktionsausstoß anpassen. Der Stress nahm immer mehr zu.

Die Arbeitsbelastung war einfach zu hoch, die Stimmung unter den Kollegen richtig schlecht.
Betriebsratsvorsitzende Richard Tschernatsch

„Vor ein paar Jahren war die Stimmung unter den Kollegen richtig schlecht“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Richard Tschernatsch. „Die Arbeitsbelastung war einfach zu hoch.“ Der Betriebsrat forderte daher immer wieder, mehr Mitarbeiter einzustellen. Doch so richtig drang er damit nicht durch.

Bettina Dittrich, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende, Leonhard Unverdorben, Standortleiter, und Richard Tschernatsch, Betriebsratsvorsitzender (v.l.n.r.) auf dem Gelände der Clariant GmbH in Gersthofen. (Foto: Karsten Schöne)

Standortleiter Leonhard Unverdorben nickt: „Einstellen ist leicht. Aber wenn die Auftragslage dann wieder schlechter ist, will ich die Mitarbeiter nicht gleich wieder entlassen müssen.“ Denn das Geschäft der Clariant ist eng mit dem Weltmarkt verzahnt. Gerät die Konjunktur ins Stottern, sinkt auch die Nachfrage nach den Spezialchemikalien aus Gersthofen.

Doch der Betriebsrat gab nicht auf. Die Mitarbeitervertreter sammelten Daten und konnten zeigen, wie auf der einen Seite die Produktionsmenge in den vergangenen Jahren wuchs, während die Zahl der Beschäftigten sank. Im Ergebnis häuften sich die Überstunden auf den Arbeitszeitkonten der rund 300 Mitarbeiter am Standort. Schließlich sind und waren die Anlagen in Gersthofen sehr gut ausgelastet und laufen an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr.

Endlich wieder bessere Stimmung

Wie weit die Schere hier auseinanderging, überraschte sogar die Manager. So überzeugte der Betriebsrat schließlich auch die verantwortliche Geschäftsleitung. „Was sollten sie da auch noch sagen?“, fragt Tschernatsch. „Knallharte Fakten sind einfach die besten Argumente.“ Nach und nach schuf die Clariant in Gersthofen neue Stellen, inzwischen sind es im Produktionsbereich 16.

Die Betriebsräte wissen einfach, welche Probleme die Beschäftigten umtreiben.
Standortleiter Leonhard Unverdorben

Mit den neuen Kollegen wurde auch die Stimmung wieder besser. Beim Gespräch lachen Standortleiter Unverdorben und Betriebsratsvorsitzender Tschernatsch miteinander. Regelmäßig treffen sie sich zum Jour fixe. „Die Betriebsräte wissen einfach, welche Probleme die Beschäftigten umtreiben“, sagt Unverdorben. „Obwohl meine Tür immer offen steht, kommen sie mit ihren Beschwerden nicht unbedingt direkt zu mir.“

Den Austausch mit den Mitarbeitervertretern findet er daher ungemein wichtig. „Natürlich haben wir unterschiedlichen Rollen und Interessen“, sagt der Standortleiter. „Aber am Ende wollen wir ja alle, dass der Standort langfristig erfolgreich arbeitet, ausreichend Fachkräfte unsere Anlagen betreuen und wir innerhalb der Clariant ein wichtiger Produktionsstandort bleiben.“

Eine schnelle Eingreiftruppe zur Entlastung

Sicherlich war auch das konstruktive Verhältnis zwischen Geschäftsführung und Beschäftigten ein Grund, warum der Betriebsrat beim Thema Flexibilität der Standortleitung entgegen kam. Beide Seiten einigten sich nach intensiven Verhandlungen darauf, eine schnelle Eingreiftruppe zu schaffen, die bei Personalengpässen in den einzelnen Produktionsbetrieben aushilft.

Für den Betriebsrat war es durchaus eine Herausforderung, eine entsprechende Vereinbarung mit dem Unternehmen zu treffen und die Flexibilität so zu regeln, dass auch die Beschäftigten davon profitieren. Drei Beschäftigte arbeiten jetzt in der „flexiblen Chemikantengruppe“ (FCG) und decken so personelle Engpässe in den fünf Produktionsbetrieben ab.

Diese Beschäftigten bleiben immer mindestens vier Wochen in einem Betrieb (in der Praxis meistens länger). In der Regel werden sie einen Monat vor jedem Einsatz darüber informiert, wann sie in welcher Schicht und welchem Betrieb arbeiten. Zudem haben sie die Zusicherung, dass sie bevorzugt werden, wenn freie Planstellen besetzt werden. Kürzlich wurde so ein Kollege aus der FCG unbefristet übernommen.

Mit dem Ergebnis sind beide Seiten zufrieden. Schließlich lassen sich so viele Fehlzeiten auffangen, etwa wenn ein Kollege länger krank ist oder in Elternzeit geht. Die drei Beschäftigten in der FCG waren seit dem Start vor gut einem Jahr auch immer ausgebucht. „Wir könnten mehr davon gebrauchen“, sagt Unverdorben.

Gute Personalplanung als Dauerthema

Der Betriebsrat hat inzwischen auch die Personalplanung zu seinem Thema gemacht. Alle drei Monate trifft er sich mit der Standortleitung, der Personalabteilung und den Leitern der verschiedenen Abteilungen zum Personalstrukturgespräch. „Hier wird sich in den kommenden Jahren viel verändern“, sagt Tschernatsch. „Viele Kollegen werden in Rente gehen. Da ist es auch wichtig, dass mal jemand mit ihnen spricht, wann sie vorhaben, in ihren wohlverdienten Ruhestand zu gehen.“

Auch hier braucht man erst einmal solide Daten. Sollten die Zeiten wirklich schlechter werden, könnte man die Zahl der Beschäftigten sozialverträglich senken, indem man frei werdende Stellen einfach nicht besetzt. Doch dies ist nur ein Zukunftsszenario, auf das man vorbereitet sein will. Aktuell sorgt sich Tschernatsch viel mehr darum, dass die Clariant in Zukunft keine neuen Mitarbeiter findet. „Deshalb schauen wir genau darauf, dass auch genug neue Kollegen ausgebildet werden. Wir brauchen in unseren Anlagen ausgebildete Fachkräfte.“

Franziska Heidel, hier bei der Arbeit an einer Zentrifuge, hat kürzlich ihre Ausbildung zur Chemikantin abgeschlossen. (Foto: Karsten Schöne)

Aktuell werden nahezu alle Azubis übernommen. Die meisten verkürzen sogar ihre Lehrzeit, weil gerade dringend jemand gebraucht wird. So wie Franziska Heidel, die gerade ihre Ausbildung zur Chemikantin abgeschlossen hat. Sie arbeitet jetzt in einem Produktionsbetrieb für Additive, die Kunststofffolien, wie man sie in der Landwirtschaft verwendet, resistenter gegen die schädliche UV-Strahlung der Sonne machen und deren Lebensdauer verzehnfachen können.

In Zwölfstundenschichten arbeitet sie hier. Zusätzlich zur Anlagenbedienung mittels Prozessleitsystem gehört es unter anderem auch zu ihren Aufgaben, Störungen an einer Zentrifuge zu beseitigen, mit der ein in Wasser suspendierter Feststoff isoliert wird. Franziska Heidel steigt munter die Treppen in dem 18 Meter hohen Gebäude hoch. Als sie die verstopften Leitungen freiklopft, tropft ihr Schweiß von der Stirn. Es ist hier oben im Sommer ziemlich heiß. Klimatisieren lässt sich die Anlage einfach nicht. Das wäre räumlich gar nicht möglich. Aber dank dem Betriebsrat hat der Stress jetzt deutlich nachgelassen.


WEITERE INFORMATIONEN

Für das Projekt „Personalanpassung an Produktionsmengen, Altersstruktur und Elternzeiten“ ist der Betriebsrat der Clariant Plastics & Coatings (Deutschland) GmbH für den Deutschen Betriebsräte-Preis 2018 nominiert. Der Preis wird im Rahmen des Deutschen Betriebsräte-Tages verliehen, der vom 6. bis 8. November 2018 stattfindet.

Alles rund um den Betriebsrätepreis 2018


Aus unserer aktuellen Ausgabe

In eigener Sache: App wird eingestellt

Stiftung 1 Minute lesedauer