Der Brau-Künstler von Kassel

Der Brau-Künstler von Kassel

Portrait Altstipendiat Erik Schäfer hat in Kassel eine Bar eröffnet, die Kunst in den Alltag holen soll – und das nicht nur während der documenta. Dazu gibt es selbst gebrautes Bier.

Alle fünf Jahre geschieht in Kassel etwas Seltsames. Wenn die nordhessische Stadt, wie jetzt gerade wieder, zum Schauplatz der Weltkunstausstellung documenta wird, dann ist plötzlich allüberall Kunst. In allen Winkeln und Ecken sprießen Ideen, Geschäfte werden zu Galerien, Kirchen zeigen Kunstwerke, jeder will irgendwie mitmachen beim großen Spektakel. Kunst und Alltag gehen eine untrennbare Liaison ein – bis die documenta nach 100 Tagen wieder vorbei ist.

Gleichzeitig Brauerei und Galerie

Erik Schäfer reicht das nicht. Der Absolvent der Kasseler Kunsthochschule und ehemalige Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung will die Sphären dauerhaft zusammenbringen. Zusammen mit einem Freund, dem auf erneuerbare Energien spezialisierten Ingenieur Johannes Alt, eröffnete er im vergangenen Herbst in Kassel eine Bar, die gleichzeitig auch Brauerei und Galerie ist. Und ein Kunstprojekt: Mit dem Konzept für die „Braumanufaktur Steckenpferd“ schloss der 29-Jährige sein Kunststudium als Meisterschüler ab.

Wir hängen nicht nur einfach ein paar Bilder auf, wir versuchen, künstlerisch zu intervenieren.
Erik Schäfer

„Wir sind nicht einfach nur eine Bar, die ein paar Bilder aufhängt“, erklärt Schäfer. „Wir versuchen, künstlerisch zu intervenieren.“ Untergebracht in einer vor Jahren geschlossenen Metzgerei, will das Etablissement zur kulturellen Belebung des Wohnquartiers beitragen, eines einstigen Arbeiter- und Amüsierviertels, das, obschon zentral gelegen, seit Langem ein Schattendasein fristet. Künstler und Nicht-Künstler, Alteingesessene und Besucher, Jüngere und Ältere sollen einander begegnen. Und das gelinge: „Leute, die mit Kunst eigentlich nichts zu tun haben und nur wegen des Biers kommen, müssen auf dem Weg zum Klo durch den Galerieraum – und sprechen dann doch den Künstler an.“

Erik Schäfer an der Theke des Steckenpferd bei der Arbeit. (Foto: Nicolas Wefers und Holger Jenss)

Erik Schäfer an der Theke des Steckenpferd bei der Arbeit.

Schlicht Spaß am Bierbrauen

Als „soziale Plastik“ versteht Schäfer sein Projekt. Doch er denke dabei weniger an die Theorie von Joseph Beuys als an die Praxis von Jörg Immendorff, der 1984 das Künstlercafé „La Paloma“ in Hamburg gründete. „Ich war nie der große Kunst­theoretiker“, sagt Schäfer. Und außerdem, das verhehlt er nicht, gibt es für das „Steckenpferd“ auch noch einen ganz anderen Grund: Er und sein Mitstreiter haben schlicht Spaß am Bierbrauen. Drei Sorten Craft Beer haben sie bislang kreiert. Ihr Klassiker ist ein Pale Ale und heißt „läuft“ – und das tut es auch: Etliche andere Kasseler Kneipen und Geschäfte nahmen das Bier schon in ihr Sortiment auf.

Das Stipendium hat mir eine große Freiheit gegeben, mich zu entwickeln.
Erik Schäfer

Man könnte auch sagen: Es läuft für die beiden Brau-Künstler. Dass Erik Schäfer diesen Weg gehen konnte, verdankt er auch der Hans-Böckler-Stiftung. Aus einem kleinen Ort im Odenwald stammend, war er bereits als Jugendlicher politisch und kulturell aktiv. Er engagierte sich in einer Anti­fa-Gruppe, im von ihm mitbegründeten „Odenwälder Bündnis gegen Rechts“, in internationalen Theaterprojekten. Die Förderung durch die Stiftung war die Anerkennung dafür. Und auch wenn er materiell nur Büchergeld bezog: Die ideelle Unterstützung, die Netzwerke, das Türenöffnen – das, meint Schäfer, sei „unbezahlbar“ gewesen. „Das Stipendium hat mir eine große Freiheit gegeben, mich zu entwickeln.“

Das Pale Ale „läuft“ und selbst hergestellter Bierlikör der Braumanufaktur Steckenpferd. (Foto: Nicolas Wefers und Holger Jenss)

Das Pale Ale „läuft“ und selbst hergestellter Bierlikör der Braumanufaktur Steckenpferd.

Noch braucht der Kulturunternehmer einen Nebenjob fürs Überleben, aber das soll sich bald ändern. Der documenta-Sommer, so hofft Schäfer, wird seiner Bar-Galerie-Brauerei Schub verleihen. Geplant sind Konzerte, Comic-Workshops und wechselnde Kunstausstellungen, gipfelnd in einer Schau der Meisterklasse seines Kunstprofessors. Werke von 35 Meisterschülern auf neun Quadratmetern? Klar geht das, sagt Schäfer. Man muss es nur probieren. Es scheint sein Lebensmotto zu sein.

Aufmacherfoto: Nicolas Wefers und Holger Jenss

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Interview 6 Minuten lesedauer