Der Islam wird heimisch in Europa

Der Islam wird heimisch in Europa

Rezension Nilüfer Göles Buch über den europäischen Islam bietet einen differenzierten Blick auf die Religion, die die europäischen Gesellschaften herausfordert.

Das moderne Europa hat sich verändert und verändert sich – auch durch die Muslime, die hier leben. Die in Ankara geborene Soziologin Nilüfer Göle, die seit 2001 als Professorin an der Pariser Uni lehrt, untersucht, wie sie leben. Seit den 1980er Jahren, schreibt Göle, werde sei die „muslimische Religiosität“, die zuvor auf die Lebenswelt der Migranten beschränkt schien, im gesamten gesellschaftlichen Leben Europas auszumachen: „Der Islam wird im öffentlichen Leben Europas sichtbar.“

Die Kontroversen um den Islam sind zu einem entscheidenden Faktor für die Diskussion um die normative Ausrichtung der europäischen Gesellschaften geworden. Zugleich setzen sich die Muslime von den Interpretationen des Islams in ihren Herkunftsländern ab. Es entsteht ein neues Geflecht von Religionen und Kulturen; Europa entwickelt sich in unerwartete Richtungen.

Der Streit um die Verhüllung der Frau dominiert die Debatte um Islam und Integration. Göle, die an der Pariser Uni lehrt, stellt für den Umgang mit der Verschleierung zwei unterschiedliche Positionen gegenüber. Frankreich und Deutschland hätten sich für einen „didaktischen Laizismus“, entschieden. Im März 2017 hat der Europäische Gerichtshof geurteilt, dass ein Kopftuch-Verbot am Arbeitsplatz unter bestimmten Bedingungen zulässig sein kann. Großbritannien habe sich dagegen für den „angelsächsichen Multikulturalismus“ entschieden. Hier, wie in den USA und Südamerika, sei das Kopftuch kein öffentliches Thema.

Die Autorin plädiert für Toleranz im Umgang mit dem Islam und einen „Horizont der Möglichkeiten“. Wer den Nährboden des Extremismus eindämmen wolle, schreibt Göle, der müsse nach Chancen des gesellschaftlichen Miteinanders suchen und die Unterschiede nicht zu einer Collage, sondern zu einem Gewebe verarbeiten.“ Muslime sind zu europäischen Bürgern geworden. “Der Mut, die Privatsphäre zu verlassen und in seiner Besonderheit Gesicht zu zeigen“, sei – nach Hannah Arendt – der beste Beweis für eine angewandte Staatsbürgerschaft.

Leider merkt man dem Buch beim Lesen an, dass es eine Forschungsarbeit ist. Wer das aber akzeptiert, erhält kluge Argumente für die Verteidigung eines Europas, das nur stark sein kann, wenn es offen bleibt.

Aufmacherfoto: Karsten Schöne


Nilüfer Göle: Europäischer Islam. Muslime im Alltag Berlin, Wagenbach 2016, 304 Seiten, 24 Euro


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