Der Ostexperte

Der Ostexperte

Portrait Felix Ackermann forscht am Deutschen Historischen Institut in Warschau über Gefängnisse in Polen und machte seinen litauischen Führerschein zum Buch.

Schon als Schüler, die Mauer war nicht lange zuvor gefallen, zog es Felix Ackermann nach Osten: „Ja, klar“, freute er sich über einen Schüleraustausch nach Polen, während seine Altersgenossen am liebsten in die USA aufbrachen. Ein paar Jahre später studierte der Ostberliner in Frankfurt an der Oder, und zwar nicht mit dem Regionalexpress pendelnd, sondern mit einem WG-Zimmer im polnischen Slubice.

Heute steht „Pracownik naukowy – Wissenschaftlicher Mitarbeiter“ auf seinem Türschild; gleich daneben hängt eine historische Landkarte Polens an der Wand. Willkommen im Deutschen Historischen Institut Warschau, einem von zehn Instituten, an denen, finanziert vom Bundesbildungsministerium und getragen von der Max Weber Stiftung, deutsche Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaftler im Ausland forschen.

Unter hohen Decken und einem Kronleuchter arbeiten sie zu viert in einem großzügigen Raum, in dem Felix Ackermann außer einem Gemälde mit Hirsch mehr als 20 Regalmeter eigene Bücher untergebracht hat. Alles mitzunehmen, Literatur, Möbel, Spielzeug, Fahrräder, hat seine Familie sich zum Prinzip gemacht, erzählt der 39-Jährige: „Unsere Sachen und unsere Sprache – das ist das, was wir an Heimat haben.“

„Unsere Sachen und unsere Sprache, – das ist das, was wir an Heimat haben.“

Tatsächlich zog es Felix Ackermann nach dem von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studium der Kulturwissenschaften 1999 bis 2003 in Frankfurt und London in die Ferne: zur Promotion nach Grodno in Weißrussland, später als Gastwissenschaftler des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) nach Litauen. An der European Humanities University (EHU) in Vilnius baute er ein Zentrum für Deutschlandstudien auf – an einer Universität, die 2004 in Weißrussland verboten worden und gleichsam ins Nachbarland geflüchtet war, um weiter in Freiheit leeren und forschen zu können.

Historiker Felix Ackermann: „Ständig dazulernen – das ist wirklich Luxus.“ (Foto: Rolf Schulten)

Als dort die Spannungen zwischen Leitung und Mitarbeitern immer größer wurden, engagierte sich Felix Ackermann in der Gewerkschaft EHUnion. „An einer Exiluniversität im fernen Litauen schloss sich gleichsam der Kreis“, erzählt er jetzt in Warschau. „Jahre nach meiner Zeit als Böckler-Stipendiat habe ich am eigenen Leib erlebt, wie wichtig ein organisiertes Recht auf Mitbestimmung ist.“

Was ihm – nebst seiner Familie mit drei Kindern, die zwischen Berlin und Vilnius zur Welt kamen – sonst noch widerfahren ist, kann man in einem Buch nachlesen. „Mein litauischer Führerschein“ heißt es – und handelt außer von vielen Versuchen, bis er Letzteren in der Hand hielt, von kurzweilig-intelligenten Blicken auf Europa von dessen östlichen Rändern aus. Der Wissenschaftler und der Autor gehen gut zusammen, denn erstens arbeitete Felix Ackermann bereits als Studierender nebenbei als Journalist. Zweitens folgt seine Forschung dem Konzept der „angewandten Kulturwissenschaft“ – was in etwa bedeutet, zu forschen, sich der Öffentlichkeit zu stellen und mit dem, was er von dort zurückbekommt, weiterzuforschen.

Von Warschau aus forscht er nun zu Gefängnissen in Polen und Litauen – und damit dazu, wie Staaten ihre Macht nicht nur durch Übernahme von Bildungsstätten und Infrastruktur sichern, sondern auch Gefängnisse als Orte der „Territorialisierung“ begreifen. Drei Jahre mit – bei positiver Evaluation – Option auf weitere drei Jahre läuft sein Vertrag – eine passable Strecke. Warum er sich die Unstetheit des Forscherlebens – jedenfalls bis ihn eines Tages hoffentlich eine Professur ereilt – antut? Ackermann: „Weil ich ständig dazulerne. Und das ist wirklich Luxus.“

Aufmacherfoto: Rolf Schulten

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