Die Macht der ÖTV

Die Macht der ÖTV

Rezension Das neue Buch von Karl Christian Führer, in dessen Mittelpunkt der Gewerkschafter Heinz Kluncker  steht, ist keine Biografie. Es ist die Geschichte der Gewerkschaft ÖTV während des sozialdemokratischen Jahrzehnts.

Wie kaum ein anderer galt Heinz Kluncker als die Verkörperung gewerkschaftlicher Macht. Über 18 Jahre, von seiner Wahl im Juli 1964 bis zu seinem Rücktritt im Juni 1982, führte er als Vorsitzender unangefochten die ÖTV, die zweitgrößte Einzelgewerkschaft im DGB, und eine Vorgängerorganisastion der Gewerkschaft ver.di.

Kluncker festigte und modernisierte diese komplexe Organisation, die einem „Vielvölkerstaat“ glich, da sie Müllmänner, Krankenschwestern und Verwaltungsbeamte ebenso in ihren Reihen zählte wie Universitätsangehörige, Polizisten, Fernfahrer oder Seeleute. Er verantwortete auf dem schwierigen Feld des öffentlichen Dienstes eine Tarifpolitik, die zwischen den Erwartungen der Mitglieder und den haushalts- und wirtschaftspolitischen Vorgaben im Bund, den Ländern und Gemeinden zu vermitteln suchte.

Der Streik im Februar 1974, durch den gegen den entschlossenen Widerstand der öffentlichen Arbeitgeber eine Lohn- und Gehaltserhöhung von 11 Prozent durchgesetzt werden konnte, begründete seinen Ruf als ein ebenso geschickter wie gewichtiger „Gewerkschaftsboss“, der sogar für den Sturz von Bundeskanzler Willy Brandt einige Wochen später verantwortlich gemacht wurde.

Die Hans-Böckler-Stiftung hat ein Forschungsprojekt des Hamburger Historikers Karl Christian Führer zur Ära Kluncker finanziell unterstützt. Herausgekommen ist ein umfangreiches Buch. Es ist keine Biografie, auch wenn Heinz Klunckers Lebensweg bis 1964 kurz geschildert wird, sondern es ist im Grunde die Geschichte der Gewerkschaft ÖTV während des „sozialdemokratischen Jahrzehnts“ und füllt damit eine Lücke in der bundesdeutschen Geschichtsschreibung. Das Buch zeichnet die „Ära Kluncker“ detailliert, faktenreich und mit Blick auf wesentliche Problemkonstellationen und Entwicklungslinien nach.

Es zeigt vor allem auf eindrucksvolle Weise, wie schwierig die tariflichen Aushandlungsprozesse waren, die oft abschätzig mit dem Handel auf einem Bazar verglichen wurden.

Nicht nur dass die Forderungen sowohl auf Arbeitergeber- als auch auf Gewerkschaftsseite intern abgestimmt werden mussten, stellte eine nicht zu unterschätzende Organisationsleistung dar; auch die Bedingungen, unter denen Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst geführt werden, unterscheiden sich deutlich von denen der Privatwirtschaft: Die Arbeitgeber verfolgen nicht nur ökonomische, sondern nicht zuletzt auch politische Interessen, zudem ist die Öffentlichkeit von vornherein sehr viel stärker in die zentral geführten Auseinandersetzungen einbezogen, und die Fronten zwischen den Verhandlungspartnern sind überdies nicht eindeutig abgegrenzt, sondern durch gemeinsame Partei- oder Gewerkschaftszugehörigkeit miteinander verflochten.

Die Macht, die Heinz Kluncker im Allgemeinen zugeschrieben wurde, war dadurch begrenzt, und von einer gewerkschaftlichen Übermacht, die den Staat herausfordert und zu politisch nicht zu verantwortenden Abschlüssen nötigt, konnte ab der zweiten Hälfte der 1970er Jahre erst recht nicht mehr die Rede sein.

Wie Karl Christian Führer herausarbeitet, war der Streik vom Februar 1974 nicht nur von Bedeutung, weil erstmals in der Bundesrepublik flächendeckend im Öffentlichen Dienst ein Arbeitskampf ausgetragen wurde. Er war auch Ausdruck eines tiefgreifenden Umbruchs, der eng mit weltwirtschaftlichen Veränderungen verbunden war und auch dem sozialdemokratischen Konzept der Globalsteuerung die Grundlage entzog. Das Buch versteht sich insofern zu Recht als Beitrag zur allgemeinen Politik- und Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik, auch wenn durchaus relevante gewerkschaftliche Entwicklungen außerhalb der ÖTV nicht selten ausgeblendet werden.

Auf jeden Fall ist das Buch mit großem Gewinn zu lesen.

Foto: Karsten Schöne


Karl Christian Führer: Gewerkschaftsmacht und ihre Grenzen. Die ÖTV und ihr Vorsitzender Heinz Kluncker 1964 – 1982 Bielefeld, Transcript Verlag 2017, 649 Seiten, 49,99 Euro


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