Die Provenienzforscherin

Die Provenienzforscherin

Portrait Mit Akribie spürt Melanie Jacobi in Schleswig-Holstein Kunstgegenstände auf, die im Nationalsozialismus als Raubkunst illegal erworben wurden.

Ehrwürdig – besser lässt sich der Arbeitsplatz von Melanie Jacobi kaum beschreiben. Schloss Gottorf, hoch im Norden in Schleswig-Holstein gelegen, war einst herzogliche Residenz, später Sitz der dänischen Statthalter. Heute beherbergt das Barockschloss unter anderem das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte. Gemälde, Grafiken und andere Kunstgegenstände aus vielen Jahrhunderten werden dort präsentiert.

Hier, im noblen Schloss Gottdorf, ist das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte untergebracht. (Foto: Udo Fischer)

Einige davon haben allerdings eine dunkle Geschichte. Ab 1933 verübten die Nationalsozialisten den größten Kunstraub der Geschichte. Erpressung und Beschlagnahmungen, jedes Mittel wendeten die Nazis und ihre Helfer an, um sich die Kunstgegenstände von Juden und Regimegegnern anzueignen. „Die Sammlung der Hamburgerin Emma Budge war ein solcher Fall“, erklärt Melanie Jacobi. „Als Budge 1937 starb, sahen sich ihre Erben gezwungen, rund 1400 Kunstwerke in zwei Auktionen zu verkaufen. Die Nazis haben sich den gesamten Erlös unter den Nagel gerissen.“

Die Arbeit verlangt Intuition und Geschick bei der Recherche

Mit der Geschichte dieser Kunstsammlung ist Jacobi bestens vertraut. Die 26-jährige hat für ihre Masterarbeit an der Universität Kiel nachvollzogen,  wohin Kunstgegenstände aus der Sammlung Budge verkauft worden sind und wie sie teilweise wieder zurückgegeben wurden. Ein vorheriges Praktikum auf Schloss Gottorf, während dessen sie erstmals mit dem Budge-Fall in Kontakt kam, sollte sich später auszahlen. Seit Juli 2017 arbeitet Jacobi dort als Provenienzforscherin. Sie dokumentiert die Herkunft und die Vorbesitzer. Dabei kommt zu Tage, welche Kunstwerke möglicherweise zu Unrecht in den Fundus des Museums aufgenommen wurden.

Hofer-Werk „Frau mit Geranie“ von 1923: In der NS-Zeit verlieren sich die Spuren, bis es 1948 im Museum auftaucht. (Foto: Udo Fischer)

Wie aber lässt sich der Ursprung, die Provenienz, eines Kunstgegenstands ermitteln, der vor vielen Jahrzehnten angekauft worden ist? Einerseits durchforscht Jacobi die Bestände nach Objekten von verdächtigen Personen, vor allem Kunsthändlern, die von der Verfolgung der Juden profitiert haben. Darüber hinaus hilft die Intuition. „Bisweilen habe ich das Gefühl, das mit einem Gegenstand etwas nicht stimmt“, sagt Jacobi.  Dann ist Geduld gefragt, weil die Quellenlage meist schlecht ist: Jacobi studiert Zugangsverzeichnisse, alte Auktionslisten wie auch Datenbanken, kontaktiert andere Forscher und untersucht die Kunstgegenstände selbstauf weiterführende Hinweise.

Wie schwierig Nachweise zu erbringen sind, selbst wenn es starke Indizien gibt, zeigt die „Frau mit Geranie“, ein Ölgemälde des Expressionisten Karl Hofer aus dem Jahr 1923. Einst gehörte es dem Kunstsammler Max Selig, der in der Reichspogromnacht 1938 sein gesamtes Hab und Gut verlor. In der NS-Zeit verliert sich die Spur des Gemäldes. Ein paar Jahre nach dem Krieg, 1948, gelangt es dann als „herrenloses Kunstgut“ in den Besitz des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums.

Auf der Rückseite der „Frau mit Geranie“ klebt noch das Etikett des Kunsthändlers Alfred Flechtheim. Solche Signaturen liefern Hinweise auf die Provenienz. (Foto: Udo Fischer)

Unter welchen Umständen es die Privatsammlung von Max Selig verließ, ist unbekannt. Ebenso, aufgrund fehlender schriftlicher Nachweise, ob es wirklich Raubkunst ist. Es spricht aber einiges dafür. „Wir streben stets eine für beide Seiten gerechte und faire Lösung mit den Nachkommen an“, bekräftigt Jacobi. Woher stammt Jacobis Interesse an dem Thema?  „Ich habe mich schon immer für Gemälde begeistert“, sagt die Wissenschaftlerin, die als erste aus ihrer Familie eine Universität besucht hat. „Zunächst vor allem aus dem Barock, jetzt immer mehr für die Moderne.“ Und auch mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus hatte sich Jacobi bereits in der Schule beschäftigt.

Mit 26 steht Melanie Jacobi am Beginn Ihrer beruflichen Karriere

In Göttingen und Kiel hat die gebürtige Schleswig-Holsteinerin ihr Studium der Kunstgeschichte und Archäologie absolviert. Gefördert wurde sie dabei von der Hans-Böckler-Stiftung. Auch darüber hinaus ist sie gewerkschaftlich engagiert: als Mitglied der ver.di Jugend. Mit 26 Jahren steht Melanie Jacobi am Beginn ihrer Karriere. Ob sie bereits weitere Pläne hat? „Ich würde gerne promovieren“, so Jacobi.

Melanie Jacobi im Archiv: Hier finden sich vielleicht erste Spuren. (Foto: Udo Fischer)

Und danach? „Die Arbeit mit den Kunstobjekten reizt mich sehr, deshalb könnte ich mir gut vorstellen, weiter in einem Museum zu arbeiten.“ Möglicherweise auch als Provenienzforscherin. Für die Nachkommen der im Nationalsozialismus Verfolgten sind die Ergebnisse dieser Tätigkeit nicht nur eine moralische Genugtuung. Aus Schloss Gottorf konnten bislang unter anderem fünf historische Wandteppiche an die Erben von Emma Budge restituiert werden.

Aufmacherfoto: Udo Fischer

Nächster Artikel

Stellvertreterpolitik ist passé

Rezension 1 Minute lesedauer