Die Putzfrau aus "Anne Will"

Die Putzfrau aus "Anne Will"

Rezension Im Fernsehen wurde Susanne Neumann zur Mahnerin für soziale Gerechtigkeit. Jetzt gibt es sie auch als Buch.

Dass die IG BAU für ein Buch von Bastei-Lübbe wirbt, kommt selten vor. Die Lebensgeschichte und die politischen Bekenntnisse von Susanne Neumann sind eine solche Ausnahme. Wer ihren Namen nicht kennt, kennt sie als die Putzfrau, die bei „Anne Will“ zu Gast war und Sigmar Gabriel die Meinung sagte: „Warum bleibt ihr Sozis bei den Schwatten?“ Bastei-Lübbe, sonst für eher seichte Belletristik bekannt,  hat sie mit dem Ghostwriter Andreas Hock, einem Beststellerautor, zusammengespannt, der mit „Susi“ vier Tage in ihrer Heimatstadt Gelsenkirchen verbracht hat.

Hock als Koautor sorgt für eine exzellente Lesbarkeit. Man erfährt, wie Neumanns Leben verlaufen ist und dass es nicht einfach war. Und man versteht, warum die Gewerkschaft für sie so etwas ist wie eine Lebensversicherung.  Als sie 1977 im Gelsenkirchener DGB-Haus zu putzen anfängt, halbiert sich zwar ihr Lohn, weil hier nur mit Sozialversicherung gearbeitet wird. Dafür verschafft ihr der Kreisvorsitzende Walther Bornemann („King of Curry und somit auch der Hausherr vom ganzen Arbeiterpalast“) einen Hausmeisterjob und lässt für ihre Familie eine 113-Quadratmeter-Wohnung bauen.

„Noch nie hatte ich einen solchen Vertrauensvorschuss von einem Fremden bekommen“, sagt sie. Es gibt einige solcher Schlüsselerlebnisse. Es ist ihre Gewerkschaft, die IG BAU, die sie ermutigt, dem Arbeitgeber die Unterschrift zu verweigern, als der sie nötigen will, für einen Generalschlüssel im Verlustfall eine Konventionalstrafe von 15.000 Mark zu akzeptieren. Zum Buch gehören auch Susanne Neumanns Liebesgeschichten, in denen Gewerkschafter eine Rolle spielen.

An solchen Stellen ist man gerührt, denn Neumann resümiert, was das Leben liebenswerter macht und was eher hinderlich ist. Die politischen Bekenntnisse sind allerdings oft schlicht. Manchmal haben sie Stammtischniveau. Etwa, wenn Susanne Neumann Bundespolitiker als „Berliner Machtverteilerclique“ denunziert, wenn sie schreibt, Schröder habe aus Deutschland „ein Billiglohnland“ gemacht oder behauptet, in Deutschland gebe es Zigtausende Renter, die Pfandflaschen sammelten, um sich einmal in der Woche eine warme Mahlzeit leisten zu können. So etwas kann man schwer ernst nehmen.

Trotzdem ist dieses Buch ein lesenswertes und aktuelles politisches Buch. Denn es dokumentiert eine Stimmung an der SPD-Basis, die von einer tiefen Unzufriedenheit mit der großen Koalition geprägt ist. Neumann hat mit ihrem Auftritt bei Anne Will ein Quäntchen dazu beigetragen, dass der Kanzlerkandidat der SPD jetzt Martin Schulz heißt und nicht Sigmar Gabriel. Wenn es so ist, dann wäre das – um den letzten Satz ihres Buches aufzunehmen – „doch ’ne ganze Menge für eine Putzfrau.“

Foto: Karsten Schöne


Susanne Neumann. Frau Neumann haut auf den Putz. Warum wir ein Leben lang arbeiten und trotzdem verarmen. Köln, Bastei Lübbe, 225 Seiten, 11,99 bis 15 Euro


Nächster Artikel

Palästinensischer Clubsound

Das politische Lied 3 Minuten lesedauer