Diese Böckler-Stipendiatin rettete eine alte Molkerei

Diese Böckler-Stipendiatin rettete eine alte Molkerei

Portrait Tatjana Tegel leitet eine kleine Meierei, hat aber große Pläne. Mit biologisch und ethisch einwandfreien Milchprodukten will sie die Lebensqualität von Bauern, Mitarbeitern und Konsumenten verbessern.

Es klingt wie ein Krimi-Klischee. „Mein Gärtner war es!“, sagt Tatjana Tegel und lacht. Vor drei Jahren erzählte er ihr von einer köstlichen Biomilch. Und dass der im Jahr 1891 gegründete Betrieb, in der sie verarbeitet wurde, vor dem Aus stände. Tegel probierte die Milch. Bald entwickelte sie nicht mehr ausschließlich Datenbanken am heimischen Schreibtisch, sondern übernahm zusätzlich die Geschäftsführung der Meierei Horst in Schleswig-Holstein, einer Genossenschaft mit zehn Mitarbeitern und großen Problemen.

Fast alle zuliefernden Bauern hatten die Meierei verlassen, nur zwei Biolandwirte hielten die Treue. Und planten eine Revolution. Statt wie althergebracht sollten nicht nur Bauern den Betrieb als Anteilseigner unterhalten, sondern auch Konsumenten. Zusätzlich setzten sie die Preise herauf, auch, um den Milchbauern ein existenzsicherndes Einkommen zahlen zu können. „Enkelsicher“ sollten die Höfe werden. „Es war ein Desaster“, erinnert sich Tegel. „Die Großhändler sind reihenweise abgesprungen.“

Die Milchkannen, die heute eingesetzt werden, bestehen aus Kunststoff. Eine übliche Größe sind 40 Liter.

Also aufgeben? Für Tegel keine Option. Stattdessen fuhr sie mit Horster Erzeugnissen quer durchs Land, besuchte Messen, Händler und Küchenchefs, um sie von der Qualität zu überzeugen: Regionale Milchprodukte aus Horst sind ohne Gentechnik hergestellt, die Kühe stehen auf der Weide, statt in Ställen als Milchmaschinen dahinzudämmern. Milch aus Horst wird lediglich bei rund 74 Grad Celsius pasteurisiert. Das schmeckt Kunden der Meierei besser als die auf bis zu 120 Grad Celsius erhitzte „Längerfrische“. „Wir vermarkten unsere Milch über die Qualität, nicht über den Preis“, bekräftigt Tegel.

Rückschauend hat sie sich für diese Tätigkeit bestens qualifiziert: Die heute 48-Jährige machte eine Lehre bei der Südzucker AG zur Industriekauffrau. Im Werk Rain, nicht weit von Donauwörth und ihrem Heimatdorf entfernt. Der Vater arbeitete bei dem Konzern bereits als Maurer. Wie er wurde die Tochter Mitglied der NGG. Bald war sie Jugendvertreterin, dann Gesamtjugendvertreterin, interessierte sich für Arbeitnehmerrechte, Umweltschutz und vor allem Ernährung.

Rezepte von Oma, Know-How von der Uni

„Meine Großmütter konnten zum Niederknien gut kochen“, erinnert sich Tegel. Das schmeckte entsprechend besser als viele der mit Zusatzstoffen versehenen Nahrungsmittel, die damals Einzug in die Warenregale hielten. „Viele Produkte machen doch nur noch satt. Mit Genuss hat das nichts mehr zu tun“, so Tegel. „Die Lebensmittelbranche geriet in einen Wettbewerb um die billigsten, statt um die bestmöglichen Produkte.“

Auch beruflich fühlte sich die Industriekauffrau nicht mehr wohl. Sie wollte das praktische Wissen durch ein Studium ergänzen. Schwierig für eine junge Frau ohne Abitur. Diese Möglichkeit bot die Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik. Tegel war zudem die erste aus ihrer Familie mit vier Kindern, die eine Universität besuchte.

Finanziell unterstützt wurde sie durch die Hans-Böckler-Stiftung. „Das war eine große Hilfe“, so die ehemalige Stipendiatin. „Ich werde immer dafür dankbar sein.“ Nach einer Reise um die Welt mit knappem Budget studierte sie Sozialökonomie mit den Schwerpunkten Betriebswirtschaft und Wirtschaftsinformatik, dem Abschluss folgte eine Promotion. Anschließend arbeitete sie in und um Hamburg herum rund 20 Jahre lang als selbstständige Datenbankentwicklerin und IT-Beraterin.

Meierei Horst eG

Ihre größte Herausforderung fand Tegel in Horst. Das Privatleben muss dahinter zurückstecken: „Seit zwei Jahren legen wir hier einen Monstermarathon hin. Zum Erhalt unserer  Meierei und der Produkte, die wie früher schmecken.“ Mit Erfolg. Immer mehr norddeutsche Supermärkte, Kantinen und Gastronomen beziehen Horster Milch. Die Joghurt- und Quarkproduktion wurde wiederaufgenommen, eine neue Meersalzbutter kreiert, eine Kräuterbutter folgt.

So rastlos Tegel bei der Kundengewinnung ist, so geduldig ist man in Horst bei der Herstellung. Joghurt, Quark und Butter werden in zeitintensiven Verfahren hergestellt, anders als bei vielen Konkurrenten. Der Unterschied lässt sich schmecken. Ob Tatjana Tegel in Horst richtig ist? „Absolut! Ich bin ein Genussmensch.“

Fotos: Peter Frischmuth

Aus unserer aktuellen Ausgabe

Wie die Mafia in Süditalien Flüchtlinge ausbeutet

Reportage 9 Minuten lesedauer