Digital, aber nicht sexy

Digital, aber nicht sexy

Rezension Neben den vielen Büchern, die die Verheißungen digitalter Technik feiern, gibt es auch skeptischere Stimmen. Eine davon ist Matthias Martin Becker.

Hier schreibt einer, der selbst in Fabriken, Callcentern und als Clickworker gearbeitet hat. Auch aus  eigenen Erfahrungen leitet der Journalist Matthias Martin Becker, Jahrgang 1971, seine Zweifel an den hochtrabenden Plänen zu Industrie 4.0 und künstlicher Intelligenz ab. Effizienzsteigerungen durch Roboter in der Pflege und Computer in der Bildung hält er für soziale und ökonomische Irrwege. „Rationalisierung ohne Sinn und Verstand,“ so sein Urteil am Ende des Buches, das gründlich recherchiert und spannend zu lesen ist. Es ist all denen als Lektüre empfohlen, die die Auswirkungen der digitalen Techniken auf die Arbeitswelt realistisch einschätzen wollen.

„Der Kardinalfehler der neuen Automatisierungsdebatte besteht darin, technische Möglichkeiten mit tatsächlichen Arbeitsprozessen zu verwechseln“, schreibt Becker. Schon immer haben Unternehmen versucht, ihre Beschäftigten zu kontrollieren – und schon immer haben die Arbeitenden Wege gefunden, das System auszutricksen. So machen es sich heute manche Callcenter-Mitarbeiter nach dem Einloggen erst einmal unterm Schreibtisch bequem. Auch die Vorstellung, Roboterassistenten beschleunigten die menschliche Arbeit, erweist sich oft als Illusion: Viele Maschinen stoppen, wenn ihnen jemand zu nahe tritt und umkreisen Personen in der Nähe weiträumig – und das kostet Zeit.

Bemühungen zur Automatisierung und das Streben nach künstlicher Intelligenz haben eine lange Tradition. Immer wieder erwiesen sich die angekündigten Effekte als übertrieben, wie Becker nachweist. Trotzdem ist absehbar, dass sich die neuen Techniken rasant ausbreiten und viele Arbeitsplätze kosten werden. Einfache Tätigkeiten werden noch langweiliger und anstrengender, viele Fähigkeiten und Fertigkeiten verkümmern. „Worin der Gewinn der Gewinner eigentlich besteht, ist weniger klar“, schreibt Becker.

Künftig entscheiden Maschinen über die Kreditvergabe. Die Bankangestellten teilen den Kunden lediglich das Ergebnis mit, dessen Zustandekommen sie nicht durchschauen, das sie aber trotzdem rechtfertigen müssen. Die Algorithmen, die den Programmen zu Grunde liegen, sind nur der Chefetage bekannt. Auch das mittlere Management wird entmachtet. Parallel kannibalisieren Plattformen den Handel und viele Dienstleistungsbranchen.

Becker ist kein Maschinenstürmer. Er erinnert uns aber daran, das entscheidend ist, wer die Technik gestaltet – und mit welchem Ziel. Gegenwärtig dienen die Neuerungen vor allem dazu, die Arbeit zu verdichten, zu entleeren und die Ausbeutung zu steigern.


Matthias Martin Becker: Automatisierung und Ausbeutung. Was wird aus der Arbeit im digitalen Kapitalismus?, Promedia Verlag, 239 Seiten, 19,90 Euro


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