Digitalisierung: "Narrative entwickeln, was das für die Arbeit eines jeden bedeutet"

Digitalisierung: "Narrative entwickeln, was das für die Arbeit eines jeden bedeutet"

Interview Künstliche Intelligenz, die Rolle von Algorithmen in der Arbeitswelt sowie Alternativen zu Google, Amazon oder Facebook – über diese Themen diskutiert die Hans-Böckler-Stiftung am 2. und 3. Mai auf der re:publica 2018. Im Vorfeld sprachen wir mit Andreas Gebhard, Geschäftsführer der größten Internetkonferenz Europas.

Herr Gebhard, die erste re:publica gab es 2007. Jetzt, im Jahr 2018, wird in Deutschland noch immer über die großen Defizite beim digitalen Umbau der Gesellschaft gesprochen. Warum ist das so?

Es gibt ein tiefgreifendes Unverständnis über die Art des gesellschaftlichen Umbaus, der mit der Digitalisierung einhergeht. Bislang wird das Thema überwiegend rein technisch betrachtet – da geht es um Tools, Apps oder Ergänzungen zu bestehenden technischen Systemen. Die Digitalisierung ist aber weit mehr, sie sorgt für eine fundamentale Veränderung der Gesellschaft. Viele der neuen Mechanismen, die wir derzeit beobachten – die Manipulationen der Öffentlichkeit in Wahlkämpfen, fake news oder wie Unwahrheiten durch den wachsenden Populismus salonfähig werden – haben damit zu tun, dass weder Bürger noch Institutionen auf ihre neuen Rollen vorbereitet sind. Während der Industrialisierung haben sich Arbeiter schnell zu Gewerkschaften zusammengeschlossen, weil sich die Lebensbedingungen radikal veränderten. Solche Institutionen, die sich nun mit dem digitalen Thema beschäftigen und Druck machen, gibt es derzeit nicht. Die Veränderungen lösen Ängste aus, werden aber nicht adressiert. Die Politik duckt sich weg.

Welche Institution könnte denn eine solche Aufgabe übernehmen?

Das ist eine gute Frage. Es gibt für einen normalen Arbeiter, Angestellten oder auch Akademiker derzeit eigentlich keine größeren Institutionen, um über das Thema Digitalisierung zu sprechen. Man kann zwar zu Gruppen gehen, die einen technischen Fokus haben – aber das war es dann auch schon. Es gibt auch keine kommunalen Institutionen oder Orte, wo man die neuen Technologien und die damit verbundenen  Veränderungen verstehen kann und wo einem geholfen wird. Das muss gar nicht super fancy sein, sondern es reichen niedrigschwellige Angebote. Wir als Macher der re:publica finden diesen Mangel erstaunlich und veranstalten deshalb am 5. Mai ein digitales Volksfest, um die Inhalte unser Konferenz auch einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und für diese ansprechbar zu sein.

Andreas Gebhard bei der Eröffnung der re:publica 2017 (Foto: re:publica / Gregor Fischer / CC BY-SA 2.0 (s.u.))

Was bedeuten diese Beobachtungen für die Arbeit der Gewerkschaften?

Die Digitalisierung ist eine grundsätzliche Veränderung – sowohl im privaten Bereich wie auch am Arbeitsplatz. Die Rolle der Gewerkschaften könnte sein, überhaupt einmal einen großen Rahmen zu entwerfen und zu beschreiben, was die Veränderungen für die eigenen Mitglieder, aber auch für die Bürger im Allgemeinen bedeuten. Eigentlich müssten die Gewerkschaften nun im großen Stil Leute – egal welchen Alters – rekrutieren, die sich tiefgreifend mit der Materie beschäftigt haben.

Es gibt solche Anstrengungen – etwa die Kommission Arbeit der Zukunft, die die Hans-Böckler-Stiftung initiiert hat. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass uns die Arbeit nicht ausgeht. Die Gewerkschaften versuchen, ihre traditionellen Werte zu erhalten und gleichzeitig die junge, digital denkende Generation anzusprechen.

Das ist nicht eine Frage des Alters, sondern der Einstellung. Es gibt sehr viele junge Leute, die ein Interesse an einer stringenten, langfristigen Erwerbsbiografie haben. Derzeit ist die Realität aber nicht so. Das bedeutet, das Bedürfnis nach einer nicht so fragilen Welt ist altersunabhängig. Die starke Sozialpartnerschaft zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern hat bislang individuelle Entscheidungen abgenommen und große Sicherheit geboten. Dieses Konstrukt bröckelt immer mehr. Die Gewerkschaften müssen sich entscheiden, was sie zukünftig in den Mittelpunkt stellen wollen. Ist es Arbeit oder ein glückliches Leben der Mitglieder? Wenn es bei der Arbeit bleiben wird, dann wird es immer in den etablierten Strukturen der vergangenen 150 Jahre verbleiben. Wenn das gute Leben in den Mittelpunkt wandert, bekommt man hingegen eine ganz andere Perspektive.

Viele Jobs in der Plattform-Ökonomie sind relativ prekär und bieten häufig alles andere als gute und faire Arbeitsplätze. Das ist aus Gewerkschaftssicht nichts Neues, sondern was Altbekanntes.

Ich meinte nicht die Arbeitsbedingungen, sondern andere Parameter, die mit der Digitalisierung einhergehen: Schnelligkeit, Flexibilität, Agilität, kleine Teams. Gewerkschaften müssen als Institution nicht nur ansprechbar sein für die Beschäftigten, die Angst vor einem Jobverlust durch die Digitalisierung haben. Gewerkschaften sollten auch vermitteln und eine wichtige Rolle übernehmen. Sie sollten Narrative entwickeln, was der digitale Umbau für die Arbeit eines jeden bedeutet. Das ist eine Riesenaufgabe.

Die Frage ist doch, erleichtert die neue Technologie das Leben jener, die die Produktionsmittel besitzen oder jener, die bislang diese Jobs ausgeübt haben?

Nun haben viele Arbeitnehmer Angst, durch Digitalisierung ihren Job zu verlieren. Was antwortet man da als Arbeitnehmerorganisation?

Die Angst ist absolut berechtigt, die Entwicklung geht an die Fundamente der Sozialen Marktwirtschaft. Daher müssen Gewerkschaften an mehreren wesentlichen Punkten Arbeitnehmer für die tiefgreifenden Veränderungen sensibilisieren. Es wird meiner Ansicht nach weniger Arbeit geben, deshalb müssen wir an das Thema Grundsicherung herangehen und die sozialen Systeme an die Entwicklung anpassen. Und es bedeutet einen Sinneswandel in der gesellschaftlichen Wahrnehmung des Werts der Arbeit. Wir müssen ein Gesellschaftssystem bauen, wo alle partizipieren können, wo aber gleichzeitig alle weniger arbeiten werden. Das ist natürlich schwierig für eine Arbeitnehmervertretung. Dennoch muss der Fokus sich verschieben, sonst fährt man als große gesellschaftliche Institution – und damit auch als Gewerkschaft – aufs Abstellgleis.

Auf dem sogenannten Townhall Meeting gab Andreas Gebhard zusammen mit Tanja und Johnny Haeusler erste Einblicke ins Programm der re:publica 18. (Foto: re:publica / Britta Pedersen / CC BY-SA 2.0 (s.u.))

Die Hans-Böckler-Stiftung unterstützt zwei Veranstaltungen auf der re:publica. In einem Panel wird es um künstliche Intelligenz und die Rolle von Algorithmen in der Arbeitswelt gehen. Machen Algorithmen viele Jobs bald überflüssig – und wie wird sich durch sie der Charakter der Arbeit verändern?

Das hat viele Aspekte. Zunächst einmal ist es doch gut, wenn die Maschinen die Arbeit übernehmen. Das erleichtert das Leben vieler. Die Frage ist jedoch, erleichtert die neue Technologie das Leben jener, die die Produktionsmittel besitzen oder jener, die bislang diese Jobs ausgeübt haben? Im Moment profitieren die Arbeitgeber, aber grundsätzlich ist es eine gute Sache, wenn monotone, langweilige oder Tätigkeiten ohne jede Kreativität abgelöst werden. Andererseits müssen wir sehr intensiv darüber diskutieren, wer die Maschinen kontrolliert.

Als Gewerkschaft könnte man die Algorithmen mit Vorgaben aus Mitarbeitersicht mitprägen.

Für viele Beschäftigte ist die Aussicht, dass ein Algorithmus darüber entscheidet, ob und wie sie in einem Betrieb arbeiten, eine Horrorvision.

Das verstehe ich. Aber warum sehen wir das nur negativ? Wenn es darum geht, die besten Fähigkeiten eines Mitarbeiters zu beurteilen, könnte der Einsatz von Algorithmen doch eine positive Entwicklung sein. Wenn nicht mehr individuelle, persönlich gefärbte und damit möglicherweise auch irrationale Entscheidungen eines Personalchefs für die Jobentscheidung verantwortlich sind. Als Gewerkschaft könnte man die Algorithmen mit Vorgaben aus Mitarbeitersicht mitprägen. Eigentlich kann man da nicht dagegen sein.

Thema der zweiten Veranstaltung sind sogenannte community based communities und genossenschaftliche Plattform-Kooperativen, um bewusst Gegenplattformen gegen die digitalen Monopole von Google, Facebook & Co. zu schaffen und so für eine demokratischere Arbeitswelt zu sorgen. Ist das eine realistische Hoffnung?

Ich wünschte, es wäre so. Das Bedürfnis nach solchen Alternativangeboten ist in der Gesellschaft nicht wirklich da. Wir haben ein typisches Henne-Ei-Problem: Es gibt dafür noch keine Angebote, deshalb ist das Bedürfnis derzeit noch nicht stark entwickelt.

Wieviel Zeit bleibt der Gesellschaft noch, sich an den Prozess der Digitalisierung zu adaptieren?

Keine. Und es gibt auch keinen Grund, warum man warten sollte.

Andreas Gebhard mit Andrea Nahles auf der re:publica 2017 (Foto: re:publica / Christian Ditsch / CC BY-SA 2.0 (s.u.))

Zum Abschluss zur re:publica selbst. Kritiker werfen der Veranstaltung inzwischen Beliebigkeit vor, sie sei viel zu schnell gewachsen.

Ich finde, wir sind organisch gewachsen. Beim ersten Mal im Jahr 2007 waren 700 Leute dabei, bei der letzten re:publica waren es rund 9500. Wir sehen unsere Aufgabe darin, eine möglichst große Vielfalt und Bandbreite zu schaffen, um bei dem Thema abzubilden, was passiert. Das kann man blöd finden. Für uns ist das aber nicht schlimm. Wir sehen uns als ein Zeitgeistdokument der digitalen Gesellschaft.

Spötter sagen, die Konferenz verkomme immer mehr zur Industrieschau.

Schon die erste re:publica 2007 ist von Firmen wie IBM und Google gesponsert worden. Neu ist das also nicht. Richtig ist aber, dass wir natürlich mehr Geschäftspartner dabei haben, die die Veranstaltungen bezahlen. Mit der Größe gehen auch die Kosten durch die Decke. Wenn wir die Industriepartner nicht hätten, könnten wir die jetzigen Eintrittspreise nicht halten. Dennoch nehmen wir diesen Punkt ernst und bemühen uns in allen Bereichen, dass es kein klassisches Branding hat. Es gibt einen Code of Partnership, wir versuchen eine gute Balance hinzubekommen.

Fotos v.o.n.u.: re:publica / Vassilis Ververidis; re:publica / Britta Pedersen; re:publica / Gregor Fischer; ; re:publica / Christian Ditsch; Alle unter CC BY-SA 2.0


WEITERE INFORMATIONEN

Andreas Gebhard, 43, ist Geschäftsführer der re:publica GmbH und zählt zum insgesamt vierköpfigen Gründerteam der Veranstaltung. 2007 schuf seine Firma newthinking communications gemeinsam mit der Spreeblick KG die re:publica, ursprünglich ein Treffen von Bloggern in Berlin. Parallel zur Organisation der re:publica unterstützt Andreas Gebhard mit seiner Firma CBO inzwischen junge Start Ups und berät Unternehmen und Institutionen bei der Umsetzung von Digitalisierungsstrategien.

Expertenkommission „Arbeit der Zukunft“ und der Abschlussbericht „Arbeit transformieren“ (PDF)

Die Session „Platform Cooperatives and Commons-based Communities: Viable Alternatives to Digital Capitalism?“ findet am 2.5. um 19.45 Uhr auf Bühne 8 statt.

Die Session „Algorithmen: Zu Risiken und Nebenwirkungen – fragen Sie Ihren Informatiker“ am 3.5. um 17.30 Uhr auf Bühne 5.

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Rezension 2 Minuten lesedauer