Digitalisierung: „Betriebsräte müssten zehn Jahre voraus sein“

Digitalisierung: „Betriebsräte müssten zehn Jahre voraus sein“

Stiftung Bei der in Brüssel gemeinsam von der IG BCE und der Hans-Böckler-Stiftung organisierten Tagung „Besser geht’s mit.bestimmt“ drehte es sich dieses Jahr um „Big Data und die Macht der Algorithmen“.

Die Macht der Algorithmen verunsichert die Arbeitnehmerschaft. Entscheiden etwa schon bald nicht mehr Menschen, sondern automatisierte Personalmanagement-Tools über Karriere und Karriereknick? So könnte es kommen – schlimmstenfalls – wenn künstliche Intelligenz Daten von Arbeitnehmern sammelt, daraus Schlüsse zieht, und sich der Personalchef hinter diesen versteckt.

Wie das geht? Eine Maschine könnte den Blick des Beschäftigten auf die Website der Konkurrenz schon als Anzeichen für Abwanderungsgedanken deuten. Auch die schlaffe Körperhaltung, die das Tool über die Webcam am PC beobachtet, gefällt ihm nicht. „Innere Kündigung“ diagnostiziert es. Die Folge: Der Ruf des Angestellten ist dahin.

Wir werden über den Einsatz von Software im Unternehmen regelmäßig zu spät informiert.
Plenumsteilnehmer

Und bestenfalls? Bestenfalls verdammen Betriebsräte diese sogenannten Entscheidungsassistenzsysteme trotz der Gefahren nicht, sondern kontrollieren ihren Einsatz und überlegen, wie sie die neue Technik ihrerseits gewinnbringend einsetzen können. Das Problem: „Wir werden über den Einsatz von Software im Unternehmen regelmäßig zu spät informiert“, sagte einer der rund 50 Betriebsräte im Plenum. „Eigentlich müsste einer in jedem Betriebsrat immer zehn Jahre voraus sein.“

Doch von diesem ehrgeizigen Ziel ist die Unternehmensmitbestimmung trotz vielerlei Anstrengungen noch ein Stück entfernt. „Man hat das Gefühl, man läuft bei der Digitalisierung hinterher“, sagte Edeltraud Glänzer, stellvertretende Vorsitzende der mitveranstaltenden IG BCE.

Edeltraud Glänzer, stellvertretende Vorsitzende der IG BCE, führte in die Veranstaltung ein. (Foto: Juha Roininen)

Entwarnung kam postwendend vom Experten der Organisation Algorithm Watch, Matthias Spielkamp: Angesichts des rasanten Technologiewandels sei „hintendran normal“. Gut möglich aber, dass Edeltraud Glänzer demnächst anders fühlt, denn die Veranstaltung selbst und auch ihre Inhalte belegen: Die Akteure der Mitbestimmung setzen viele Hebel in Bewegung, um den Herausforderungen der Digitalisierung und der Algorithmen zu begegnen.

Wenn eine Kündigung aufgrund einer Datenanalyse erfolgt, muss der Mitarbeiter über das komplette Ergebnis dieser Analyse informiert werden.
Katharina Simbeck, Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin

Beispiel Entscheidungsassistenzsysteme: Hier wurde deutlich, dass die Arbeitnehmerschaft vehement auf Schulungen pocht, um den Umgang mit derartiger Software zu erlernen und Diskriminierungen von Menschen durch sie zu verhindern. Die zusätzliche Empfehlung: „Wenn eine Kündigung aufgrund einer Datenanalyse erfolgt, muss der Mitarbeiter über das komplette Ergebnis dieser Analyse informiert werden“, empfahl Expertin Katharina Simbeck, von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin.

Beispiel IG BCE: Die Gewerkschaft hat eine Digitalisierungsoffensive angekündigt und vier Themen definiert, für die nun genau herausgefunden werden soll, wie sich Digitalisierung konkret auf Betriebsebene auswirkt: Was bedeutet sie für die Ausbildung? Was für die Führungsstruktur und die Betriebsorganisation? Was für gesundes Arbeiten und was für flexibles Arbeiten? Im nächsten Jahr sollen die Ergebnisse veröffentlicht werden.

Matthias Spielkamp (l.) von AlgorithmWatch mit Michael Brocker vom WDR, der die Tagung moderierte (Foto: Juha Roininen)

Sie dürften auch für Arbeitgeber wichtig sein. Denn einerseits sei es wichtig, dass Arbeitnehmer auf Augenhöhe mit den Managern die digitale Strategie ihres Unternehmens kritisch begleiten. Andererseits müssten Arbeitgeber ihre Angestellten bei der Digitalisierung mitnehmen, sagte Thomas Meiers, Vorstandssekretär Digitalisierung bei der IG BCE. Sonst drohten Wettbewerbsnachteile.

Beispiel Internationalisierung: Weil mit der Digitalisierung zunehmend länderübergreifende Firmengeflechte entstehen, muss auch die Mitbestimmung Grenzen abbauen. Dieses Denken ist aber noch nicht überall verankert. „In Unternehmen mit nationalen und europäischen Betriebsräten (EBR) sehen sich die Gremien manchmal als Konkurrenten, sie müssten stattdessen miteinander arbeiten“, forderte Chantal Caron, die für die Internationale Gewerkschaftsföderation IndustrieAll die EBR-Politik koordiniert.

Chantal Caron koordiniert für die die Internationale Gewerkschaftsföderation IndustrieAll die EBR-Politik. (Foto: Juha Roininen)

Ein anderes Problem: Längst nicht jedes Land kennt die Mitbestimmung. Dortige Unternehmen haben keinen Ansprechpartner für einen deutschen Betriebsrat. Bemühungen gemeinsame Strukturen aufzubauen laufen daher manches Mal ins Leere – noch.

Gewerkschaften sind hier in Brüssel nicht präsent genug. Da wird zu wenig Lobby-Arbeit betrieben.
Dennis Radtke, Europa-Abgeordneter der CDU

Denn die IG BCE bewarb den „Appell für Europa“. Darin haben unter anderem 40 europäische Gewerkschaften die Forderung nach einer europäische Richtlinie eine Mitbestimmung in allen EU-Ländern digital unterschrieben. Dass es für die Gewerkschaften aber auch analog noch einiges zu tun gibt, verdeutlichte der Europa-Abgeordnete Dennis Radtke. Er warf ihnen vor „zu wenig PS auf die Straße zu bringen. Gewerkschaften sind hier in Brüssel nicht präsent genug. Da wird zu wenig Lobby-Arbeit betrieben.“

Aufmacherfoto: Juha Roininen

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