Erst der Knochenjob, dann die knappe Rente

Erst der Knochenjob, dann die knappe Rente

Rezension Das Schwarzbuch „Rente mit 70“ lässt Menschen zu Wort kommen, die ihr Geld nicht am Schreibtisch verdienen.

Die Menschen werden immer älter, also können sie auch länger arbeiten – so lautet die simple Rechnung vieler Wirtschaftsprofessoren, Politiker und Lobbyisten. Sie verrichten ihre Tätigkeiten allerdings in ergonomisch schonender Weise, während viele Berufe mit starken körperlichen Belastungen einhergehen.

„Wir finden, ein Blick in die tägliche Arbeitsrealität ist überfällig: damit wird plastisch greifbar, warum für viele Beschäftigte die Rente mit 70 geradezu eine Bedrohung darstellt.“ So begründen Annelie Buntenbach, Markus Hofmann und Ingo Schäfer vom DGB-Bundesvorstand die Herausgabe des Schwarzbuchs „Rente mit 70“. Darin kommen mehr als 40 Personen zu Wort, die die Anforderungen ihres Alltags schildern. Darüber hinaus gibt es zu einzelnen Problemen kurze Informationstexte.

Immer mehr Menschen bestellen Tierfutter per Post – für die Zusteller bedeutet das, bis zu 30 Kilogramm schwere Pakete oft mehrere Stockwerke hoch zu schleppen. Selbst kleine Kühlschränke werden heute als Paket verschickt. Im Supermarkt gibt das Rollband an der Kasse eintönige Bewegungen vor, anderswo müssen die Verkäuferinnen ständig stehen oder knien. „Schonarbeitsplätze gibt es im Einzelhandel gar nicht! Und es gibt auch nicht überall Bereiche, wo man sich zwischendurch mal ein wenig erholen kann“, berichtet eine Betriebsrätin.

In der Autoindustrie ist Gruppenarbeit weitgehend abgeschafft. Jetzt herrscht das ganzheitliche Produktionssystem, das den Beschäftigten wieder jeden Handgriff bis ins Detail vorschreibt und bei dem jede Sekunde verplant ist. Um Teile im Motorraum einzubauen, müssen sich die Beschäftigten ständig bücken, anderswo erfordert die Montage Überkopfarbeit mit sechs Kilogramm schweren Schraubern.

Was, wenn es nach einem harten Arbeitsleben trotzdem nicht reicht? Im Landkreis Fulda arbeiten heute 24 Prozent der Vollzeiterwerbstätigen für weniger als 10 Euro pro Stunde. „In Konsequenz wird uns das in zehn bis fünfzehn Jahren riesige Probleme durch Altersarmut bringen,“ warnt Rolf Müller, ehemaliger Betriebsratsvorsitzender des Klinikums Fulda.

Schon heute beziehen mehr als eine halbe Million Menschen über 65 Jahre Grundsicherung. Die Zahl wird in Zukunft steigen. Petra Vogel, Reinigungskraft in einem Bochumer Krankenhaus, wird nach 40 Arbeitsjahren 656 Euro Rente zu erwarten haben. Ob sie die 460 Euro Warmmiete dann noch zahlen kann, weiß sie nicht. „Es ängstigt mich schon sehr,“ sagt die 59-Jährige, die stolz darauf ist, dem Staat nie auf der Tasche gelegen zu haben.

Das Schwarzbuch ist ein Fundus konkreter Erfahrungen aus der Arbeitswelt. Die lebendigen Texte haben die Anmutung von Gesprächsprotokollen. Andererseits hätte man sich gelegentlich eine stärkere Strukturierung gewünscht. Manche Abschweifungen wie die differenzierte Analyse des Gurkenangebots in der Gartenbauzentrale Papenburg führen völlig ab vom Thema. An anderer Stelle streifen die Interviewpartner spannende Themen, über die man gerne mehr Informationen gehabt hätte – etwa die Vorbilder für eine Einheitsrentenversicherung für Selbständige, Arbeitnehmer und Beamte im Ausland.

Entstanden ist ein vielfältiges Mosaik über jenen Teil der Arbeitswelt, der sich nicht am Schreibtisch abspielt. Wer systematische Informationen zur Rentendebatte sucht, ist hier falsch. Wer dagegen der Meinung ist, dass die soziale Realität eine wichtige Grundlage politischer Entscheidungen sein sollte, dem sei das Buch zur Lektüre empfohlen.

Foto: Karsten Schöne


Annelie Buntenbach, Markus Hofmann, Ingo Schäfer (Hg.): Rente mit 70. Ein Schwarzbuch. Christoph Links Verlag. 192 Seiten, 15 Euro


Nächster Artikel

Der Brau-Künstler von Kassel

Portrait 3 Minuten lesedauer