Fußball-Forscher: „Vereine stärken die Demokratie“

Fußball-Forscher: „Vereine stärken die Demokratie“

Thema Fabian Fritz erklärt, wie die Kommerzialisierung den Fußball verändert und was es mit der 50+1-Regel auf sich hat, die den Einfluss von Investoren begrenzt

Derzeit Russland, in vier Jahren Katar: Warum sucht sich der Fußball ausgerechnet Austragungsorte für seine Weltmeisterschaften, an denen es mit demokratischen Grundrechten nicht zum Besten bestellt ist?

Vor allem die Strukturen im Verband Fifa, der die Weltmeisterschaft austrägt, begünstigen diese Vergaben. Die Fifa mag nach außen noch demokratisch erscheinen, aber Entscheidungen auf oberster Ebene wurden von wenigen langfristig installierten Amtsinhabern im Sinne Einzelner getroffen, statt im allgemeinen Interesse. So ist es häufig, wo sich Macht verfestigt:  Mangelnde demokratische Strukturen ermöglichen Korruption.

Zumal es in den oberen Etagen des Fußballs um sehr viel Geld geht.

Ja, im Fall der WM-Vergabe hat das kommerzielle Interesse Einzelner gewiss eine Rolle gespielt. Die Kommerzialisierung  wirkt sich aber auch weiter unten aus. In vielen Vereinen sehen wir das, was wir „Verbetrieblichung“ nennen. Dabei konkurrieren Sportvereine immer häufiger mit kommerziellen Angeboten wie zum Beispiel Fitness-Studios. Wenn Vereine da mithalten wollen, brauchen sie Fachkräfte, die ebenso umfangreich einsetzbar sind wie die bei kommerziellen Anbietern. Die Folge: Ehrenamtliche werden durch Hauptamtliche ersetzt. Das Hauptamt aber entzieht sich der Kontrolle durch demokratische Prozesse.

In Deutschland ist es nicht möglich, dass ein Investor einen Klub kauft und dort allein das Sagen hat.

Wie sieht es denn mit demokratischen Prozessen in deutschen Profi-Fußballklubs aus?

Die Fans in Europa beneiden uns um unsere 50+1-Regel, gegen die Investoren derzeit allerdings klagen. Die Bestimmung besagt, dass Vereinsmitglieder mehr als die Hälfte der Stimmanteile in den als Unternehmen ausgegliederten Profiabteilungen behalten müssen. Diese Form der Mitbestimmung schützt unter anderem davor, dass wie in anderen Ländern ein Investor einen Klub kauft und dort alleine das Sagen hat.

Bei der betrieblichen Mitbestimmung hat der deutsche Profifußball aber noch Nachholdarf.

Ja, nur eine Handvoll Profiklubs hat einen Betriebsrat. Es gibt zwar keine Studien darüber, auffällig ist aber, dass diese wenigen Gremien gegründet wurden, als wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten der Klubs Jobverluste drohten. Über Behinderungen bei Betriebsratsgründungen ist nichts bekannt. Die Angestellten im sportlichen Bereich und in der Verwaltung sehen also wohl keine Notwendigkeit zur Mitbestimmung. Vielleicht deshalb, weil kaum ein Profiverein sich ein politisches Image gibt. Beschäftigte nehmen ihren Klub zu wenig als politischen Raum wahr.


ZUR PERSON

Fabian Fritz, Jahrgang 1987,  forscht an der Universität Hamburg zu Demokratiebildung und Sportvereinswesen. Er ist Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung und arbeitet über das Thema „Community Owned Sports Clubs“.  Er lehrt an der WiSo-Fakultät der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Seit 2016 hat er die pädagogische Leitung im  Vereinsmuseum des Fußballklubs FC St. Pauli inne.



Verspüren denn Fans das Bedürfnis mitzubestimmen?

Ja, viele fühlen sich von kommerzgetriebenen Klubspitzen entfremdet. Sie starten daher eigene Projekte. Wir beobachten, dass Fans sich mehr als früher in ihre Klubs einbringen, etwa mit Kampagnen gegen Rassismus. Sie begreifen Fußball zunehmend auch als politischen Raum.

In England haben Fans manche Clubs, die kommerzgetrieben waren, einfach neu gegründet.

Um sich möglichst weitreichende Mitsprachrechte zu sichern, gründen Fans in England ihre Lieblingsklubs neu.

Einer der Pioniere war der FC United of Manchester im Jahr 2005. Fans gründeten diesen Verein aus Protest gegen die Allmacht des Investors Malcolm Glazer. Der Amerikaner hatte ihren Traditionsklub Manchester United für 800 Millionen Pfund gekauft, um damit Rendite zu machen. Heute hat der FC United 3000 Mitglieder und spielt in der sechsten Liga. Mittlerweile gibt es 46 solcher von Fans neu gegründeten Fußballklubs.

Wodurch zeichnen sie sich aus?

In den Satzungen ist die Mehrheitsdemokratie verankert. In der Praxis gibt es dort mehr Mitgliederversammlungen und damit mehr Demokratie und mehr Mitbestimmung. Beim FC United   entscheiden Fans beispielsweise über das Design des neuen Trikots oder darüber, wie verschiedene Bereiche des Stadions gestaltet werden. Bei den Mitgliedern dieser Klubs steht das Gemeinwesen an erster Stelle. Viele übernehmen Ehrenämter, übrigens nicht nur im Klub, auch in der Gesellschaft. Es ist erwiesen, dass Menschen demokratische Prozesse im Klub lernen. Häufiger als andere Bürger wenden sie diese Prozesse im übrigen gesellschaftlichen Leben an. Ein ausgeprägtes Vereinswesen stärkt also den demokratischen Staat.

Wenn die 50+1-Regel fallen sollte, werden auch die deutschen Fans eigene Klubs gründen.

Können vom Fan geführte Klubs denn auch sportlich erfolgreich sein?

Mitglieder greifen nicht in den sportlichen Bereich ein. Sie bestimmen stattdessen die sportliche Führung durch einen Ausschuss. Ab diesem Zeitpunkt handeln Trainer, Manager und Sportdirektoren weitgehend unabhängig. Bisher sind mitgliedergeführte Klubs wohl auch deshalb genauso erfolgreich wie alle anderen. Allerdings sind sie auch noch jung. Die weitere Entwicklung bleibt also abzuwarten.

Sind solche Modelle auch in Deutschland denkbar?

Eines gibt es bereits mit dem HFC Falke, der sich 2014 als Reaktion auf die Umwandlung des Hamburger SV in eine Aktiengesellschaft neu gründete. Doch signifikant mehr Klubs, die von Fans gegründet werden, wird es wohl erst geben, wenn hierzulande die 50+1-Regel fallen sollte.

Foto: Cordula Kropke

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