Gemeinsam leben oder gemeinsam sterben

Gemeinsam leben oder gemeinsam sterben

Rezension Der jüngst verstorbene Soziologe Zygmunt Bauman war einer der klugen zornigen alten Männer seiner Zunft. In seinem letzten Buch seziert er die Flüchtlingskrise.

Es gibt nur wenige Autoren, die angesichts der verstörenden internationalen Lage in diesen Tagen den Blick für große Zusammenhänge nicht verlieren und versteckte Verbindungen klar und deutlich aufzeigen können. Der im Januar mit 91 Jahren verstorbene britisch-polnische Soziologe Zygmunt Bauman zählte ohne Zweifel zu ihnen, wie sein jüngstes Buch „Die Angst vor den anderen“ einmal mehr beweist.

Denn der im vorigen Herbst erschienene „Essay über Migration und Panikmache“ ist viel mehr als eben das. Bauman nimmt die Flüchtlingskrise nur zum Anlass, die eigentlichen Krisen unserer Zeit abzuhandeln. Das Buch zeichnet ein so klares wie drastisches Bild der globalen Gegenwart, in der Flucht und Migration ebenso wie die Zunahme von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit nichts weiter als Symptome einer rasenden und einseitigen Globalisierung sind, die soziale, ökono­mische und kulturelle Strukturen grundlegend und überall verändert.

Die Stigmatisierung der Fremden als Sicherheitsrisiko sei nur ein „Taschenspielertrick“ der Herrschenden, um die eigene Ratlosigkeit zu kaschieren und überfällige Kurswechsel weiter aufzuschieben. Bauman scheint mit seinem letzten Werk ein weiteres Mal die nähere Zukunft vorwegzunehmen, wenn er lange vor der Wahl Donald Trumps von einer „Aufteilung der Welt“ in eine „saubere, gesunde und sichtbare Welt“ und einen „dunklen, kranken und unsichtbaren Rest“ schreibt, die zwangsläufig zu „gegenseitigem Misstrauen, Entfremdung und einer Verschärfung der Lage“ führe.

Als hellsichtig erscheint auch sein im Jahr 2000 erschienenes Hauptwerk „Flüchtige Moderne“ („Liquid Modernity“), in dem er  exterritorial und mobil gewordene Machtstrukturen beschreibt und unter anderem vom Krieg als der „Fortsetzung des globalen Freihandels mit anderen Mitteln“ spricht und die zunehmende kapitalistische Durchdringung aller Lebensbereiche beschreibt. Die Verflüssigung aller Zugehörigkeiten und Gewissheiten im fortgeschrittenen Kapitalismus war sein Lebensthema, das er in vielfacher Variation aufgriff, von „Liquid Life“ über „Liquid Fear“ bis zu „Liquid Times“.

Dass ihn die Themen Flucht und Migration nie losließen, mag auch biografische Gründe gehabt haben. Denn der 1925 in Westpolen geborene Zygmunt Bauman musste selbst 1939 vor den Nazis nach Moskau und 1968 vor den antisemitischen Hetzkampagnen der polnischen Kommunisten nach Israel fliehen. 1971 erhielt er einen Ruf der Universität im britischen Leeds, wo er bis zu seinem Tod lebte.

Das Mindeste, was von seinen Werken bleiben dürfte, ist die historische Kontingenz, die immer mehrere Möglichkeiten zulässt. So beschrieb er den Holocaust nicht als Ausnahme, sondern als immanente, wenngleich schlimmste Möglichkeit der westlichen Moderne. Und so war bis zuletzt sein Blick auf die Flüchtlingskrise: „Die Menschheit befindet sich in der Krise – und es gibt keinen anderen Ausweg als die Solidarität zwischen den Menschen.“

Die Migranten erscheinen mithin in der Tradition Hannah Arendts als „Avantgarde“ einer künftigen Weltgesellschaft, und Bauman lässt keinen Zweifel daran, worum es in seinen Augen geht: „Um gemeinsames Leben oder gemeinsamen Tod.“

Foto: Karsten Schöne


Zygmunt Bauman: Die Angst vor den anderen. Ein Essay über Migration und Panikmache. Berlin, Suhrkamp Verlag 2016. 124 Seiten, 12 Euro


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