Hier kommen Auto-Gewerkschafter aus den USA und Deutschland zusammen

Hier kommen Auto-Gewerkschafter aus den USA und Deutschland zusammen

Wissen Das Transatlantic Labor Institute in Tennessee, eine gemeinsame Gründung der IG Metall und der Schwestergewerkschaft UAW, fördert den Wissensaustausch mit den Südstaaten, wo viele deutsche Autofirmen angesiedelt sind.

Die amerikanische Arbeitsrechtlerin Wilma Liebman ist enttäuscht. Viele Arbeiter  hatten gehofft, dass mit der Ansiedlung deutscher Unternehmen in den Südstaaten der USA auch der Geist der Mitbestimmung Einzug hielte, erklärt die ehemalige Richterin bei der obersten US-Behörde für Arbeitsbeziehungen. Sie spricht auf einer Konferenz  vor rund 60 deutschen und amerikanischen Betriebsräten und Gewerkschaftern Ende August in Spring Hill, Tennessee.

Sobald jedoch amerikanische Gewerkschaften deutsche Tochterunternehmen gewerkschaftlich organisieren wollten, verhielten sie sich nicht anders als die japanischen oder koreanischen Mitbewerber, deren Ziel es ist, gewerkschaftsfrei zu bleiben. Niedrige Löhne, üppige Subventionen und keine Gewerkschaften – damit werben die Südstaaten der USA um Investitionen der internationalen Autoindustrie.

Patriotisch: UAW-Gewerkschafter am Labor Day 2016

BMW und Daimler sind hier seit vielen Jahren vertreten. Volkswagen siedelte sich 2011 in Chattanooga, Tennessee, an. Drumherum haben sich deutsche Zulieferer angesiedelt. Neben den 35000 Beschäftigten bei deutschen Autobauern arbeiten bereits 77000 Menschen bei Auslandstöchtern der Zulieferer. Bis jetzt ist jedoch keines der deutschen Autowerke gewerkschaftlich organisiert. Gleiches gilt für die überwiegende Zahl der Zulieferer. Die IG Metall und die amerikanische Autogewerkschaft UAW haben deshalb eine engere Zusammenarbeit beschlossen.

„Wir dürfen nicht bei Solidaritätsbekundungen stehen bleiben“, erläutert Wolfgang Lemb, Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands der IG Metall. Er ist für die transnationale Gewerkschaftsarbeit zuständig. „Niedriglöhne und schlechte Bedingungen üben auch Druck auf die Arbeitsstandards in Deutschland aus. Es ist auch in unserem Interesse, wenn sich die Bedingungen in den Südstaaten verbessern.“

Es ist auch in unserem Interesse, wenn sich die Bedingungen in den Südstaaten verbessern.
Wolfgang Lemb

Gemeinsam hoben IG Metall und UAW im November 2015 das Transatlantic Labor Institute (TLI) mit Sitz in Spring Hill, Tennessee, aus der Taufe. Im Mai 2016 nahm es seine Arbeit auf. Das deutsch-amerikanische Institut residiert in einem flachen Ziegelbau mit Satteldach, ein Vorbau mit Säulen schmückt den Eingang. Das TLI soll eine Denkfabrik und eine Bildungseinrichtung sein. Außerdem soll es für einen kontinuierlichen Informationsfluss zwischen Deutschland und den USA sorgen.  Das Institut macht persönliche Kontakte auf der betrieblichen Ebene möglich. Die Konferenz im August war dazu der Auftakt. Im Oktober folgt eine Konferenz in Berlin.

Aus Deutschland waren rund ein Dutzend Betriebsräte und Gewerkschafter der IG Metall in die Südstaaten gereist. Allesamt kommen sie von namhaften Unternehmen wie ThyssenKrupp, ZF, Bosch oder Continental. „Korrekte Informationen zu erhalten ist für deutsche Betriebsräte oft schwer“, erläutert Carsten Hübner, Direktor des TLI und Gastgeber der Konferenz. Wenn Betriebsräte Kontakt mit dem Management eines Werkes in den USA aufnehmen wollen, dann bekommen sie oft zu hören: Das geht nicht. Die Manager beziehen sich dann auf das Neutralitätsgebot im US-Arbeitsrecht.

Rezepte aus der Giftküche

Diese Vorschrift besagt, dass Unternehmen sich bei einer Kampagne zur gewerkschaftlichen Erschließung neutral verhalten müssen. Manager interpretieren sie allerdings gerne so, dass sie nicht einmal mit Gewerkschaften sprechen dürften. „Sie erwecken gegenüber den Konzernzentralen in Deutschland häufig den Eindruck, dass man per Gesetz verpflichtet sei, Organisierungsbemühungen der Belegschaft entgegenzutreten“, so Hübner.

Transatlantisches Duo: Gary Casteel (UAW) und Wolfgang Lemb (IG Metall)

Das sei jedoch grundsätzlich falsch : „So etwas stammt direkt aus der Giftküche gewerkschaftsfeindlicher Wirtschaftskanzleien und Lobbyisten und hat mit der Rechtslage nichts zu tun“, meint Hübner.  IG-Metall-Vorstandsmitglied Wolfgang Lemb, der die Konferenz gemeinsam mit UAW-Hauptkassierer Gary Casteel eröffnet hatte, wird noch deutlicher: „In einer Reihe von Fällen müssen wir wohl davon sprechen, dass schlicht gelogen wird. Das ist nicht akzeptabel.“

Ein Konferenzteilnehmer in Spring Hill kündigte vor diesem Hintergrund an, unmittelbar nach seiner Rückkehr das bisherige Verhalten des US-Managements und die Frage der Neutralität zum Thema zwischen Betriebsrat und Konzernleitung zu machen. Dabei solle die tatsächliche und nicht die vermeintliche Rechtslage auf den Tisch kommen.

Die IG Metall kennt das Phänomen schon länger: Manager, die sich hierzulande im Rahmen der Mitbestimmung bewegen, arbeiten im Ausland mit allen Tricks. Lemb: „Man darf dem Management nichts glauben.“  Ein aktuelles Beispiel für die schwierigen Verhältnisse ist das Werk des deutschen Zulieferers Kirchhoff van-Rob in Lansing, Michigan, erläutert TLI-Direktor Hübner. Dort habe sich das lokale Management mit allen Mitteln gegen eine Interessenvertretung für die Beschäftigten gestemmt.

Allerdings ohne Erfolg. Wenige Tage vor der deutsch-amerikanischen Konferenz gewann die UAW eine Gewerkschaftswahl mit 60 zu 43 Stimmen. Kirchhoff ist in Deutschland ein bekannter Name, Arndt Kirchhoff ist Präsident der Metall-Arbeitgeber in NRW. Wesentlich weniger konfliktreich übrigens verlief die Gewerkschaftswahl beim kanadischen Autozulieferer Magna in Spring Hill, die fast zeitgleich über die Bühne ging. Ohne Druck seitens des Managements entschieden sich die Beschäftigten für eine Vertretung durch die UAW – mit 192 zu 1.

Fotos: UAW, TLI


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