Ich verkaufe Lose für die spanische Blindenlotterie

Ich verkaufe Lose für die spanische Blindenlotterie

Mein Arbeitsplatz Laura Hernanz Arranz, 40, ist blind. Sie verkauft in der Avenida General Perón 38 in Madrid Lose der ONCE-Lotterie. Aufkleber am Kiosk zeugen von ihrem gewerkschaftlichen Engagement.

„Mein  Kiosk steht an einer sehr belebten Straße. Ich habe einige gute Stammkunden, aber wenig Laufkundschaft. Nur wenn Real Madrid spielt, dann verkaufe ich gut. Das Stadion des Vereins ist gleich um die Ecke.  Die Fans glauben, dass auch sie Glück mit dem Los haben, wenn ihr Verein gewinnt. Die Menschen sind sehr abergläubisch. Jeder Vorwand ist gut, um zu spielen.

Seit elf Jahren mache ich diese Arbeit, die ich eigentlich nie machen wollte. Geboren bin ich in einem kleinen Dorf nördlich von Madrid. Um mir eine Ausbildung an der Schule der Blindenorganisation ONCE zu ermöglichen, zogen meine Eltern in die Hauptstadt. Ich habe Journalismus studiert und einen Master als Radiojournalistin absolviert. Aber eine Arbeit als Journalistin habe ich nie gefunden.

Einmal hat Laura Hernanz Arranz Lose verkauft, die später 35.000 Euro pro Stück gewannen.

Als ich anfing zu verkaufen, hatte ich den Kiosk noch nicht. Da habe ich an verschiedenen Stellen auf der Straße verkauft, in sehr schlechten Stadtteilen. Ich erinnere mich an eine Straße, wo es furchtbar war. Falschgeld war an der Tagesordnung. Gefälschte Lotteriescheine, um Gewinne zu kassieren, ebenso. Ich wurde angepöbelt, bedroht. Hier ist es viel ruhiger. Es ist ein reicherer Stadtteil.

Ich habe einen Festvertrag und gehöre damit zu einer aussterbenden Spezies. Denn Unternehmen, die einen arbeitslosen Behinderten einstellen, werden vom Staat nur am Anfang bezuschusst. Auch die ONCE macht davon Gebrauch. Sie vergibt immer mehr zeitlich befristete Verträge, die sie dann nicht verlängert, um eine andere Person einzustellen und erneut Zuschüsse zu kassieren.

Früher, in einem schlechteren Stadtviertel, waren Falschgeld und manipulierte Lose an der Tagesordnung.

Wir haben durch die Krise viele Kunden verloren. Wer gerade so über die Runden kommt, spart an Überflüssigem. Lose gehören dazu. Hinzu kommt die neue Geschäftspolitik der ONCE. Die Organisation wurde gegründet, um den Blinden zu helfen. Mit der Lotterie finanziert die ONCE ihre soziale Arbeit, Schulen und Behindertensport. Wer Mitglied wurde, hatte das Recht, Lotterie-Lose zu verkaufen, auch wenn er keinen Vertrag hatte.

Vor drei Jahren wurde das per Gesetz geändert. Jetzt dürfen auch nicht-behinderte Personen Lose verkaufen. Die ONCE nutzt das, um ihr Angebot zu erweitern, neue Lotterien ins Leben zu rufen. Diese werden in Supermärkten, Tankstellen, auf der Post oder online angeboten. Die ONCE macht uns damit Konkurrenz. Die Folge: Wir erreichen die Verkaufsziele, die uns gesteckt werden, nicht. Es drohen Abmahnungen und die Entlassung.

Einmal habe ich einen großen Gewinn verkauft. Ich erinnere mich noch immer an die Nummer, die 51600. Ich hatte ein Blatt mit zehn Losen. Acht davon  habe ich verkauft. Jeder gewann 35.000 Euro. Die zwei Lose, die übrig geblieben waren, habe ich leider annulliert, statt sie selbst zu kaufen. 70.000 Euro wären das gewesen. Die Kunden sagen häufig: „Wenn ich gewinne, komm ich vorbei, um mich zu bedanken.“ Von den Acht, die damals gewonnen haben, kam nur einer.

Fotos: Reiner Wandler

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