Im Museum der Genossenschaften

Im Museum der Genossenschaften

Reportage Hoch über den Dächern Hamburgs thront im  11. Stock des Gewerkschaftshauses seit 2014 das Genossenschaftsmuseum. Neue Exponate findet der Leiter vor allem bei Online-Auktionshäusern wie Ebay.

„Wir sind das einzige Museum in Hamburg, das die Geschichte der Arbeiterbewegung erzählt“, erklärt Burchard Bösche. Der gelernte Jurist ist Leiter des im Jahr 2004 gegründeten Museums, hat mehr als 3000 Ausstellungsstücke aus  über 170 Jahren Genossenschaftsgeschichte präsentiert: illustre Streichholzschachteln, Seifenverpackungen aus der untergegangenen DDR, Schnapsflaschen mit sogenanntem „Kumpeltod“, Krüge für Kautabak und andere heute teils exotisch wirkende Produkte, mit denen Genossenschaften ihre Mitglieder versorgt haben. Dazu allerlei andere Gegenstände wie Registrierkassen oder Werbeschilder.

Bereits die älteste deutsche Verbrauchergenossenschaft, die Lebensmittel-Assoziation in Eilenburg aus dem Jahre 1850, hatte das Ziel, ihre Mitglieder mit Waren und Lebensmitteln in guter Qualität und zu günstigen Preisen zu versorgen. „Von ihren Wurzeln her haben Konsum- und Produktivgenossenschaften eine Menge mit den Gewerkschaften gemeinsam“, sagt Bösche, der selbst fast 20 Jahre lang für die Gewerkschaft NGG tätig gewesen ist, „nämlich die Lebensbedingungen der Arbeiter zu verbessern.“

Auf Einkaufstour bei Ebay

Woher aber bezieht das Museum seine riesige Menge an Ausstellungsstücken? „Einen Großteil haben wir bei Ebay gekauft“, so Bösche. „Wir suchen dort jede Woche seit fast 15 Jahren. Es wird zwar immer weniger angeboten, aber man findet immer noch schöne Sachen.“ Ein Kauf auf dem virtuellen Flohmarkt kann teuer werden. „Wir haben da zum Beispiel alte Schuhcremedosen“, sagt Bösche. „Die können schon mal 20 Euro kosten – das Stück.“ Als Quelle für Relikte der Alltagskultur ist das Auktionshaus für Sammler und Wissenschaftler längst eine Fundgrube.

Zwei Stichworte gibt der Museumsleiter immer wieder auf der Suche bei Ebay ein: „Konsum“ und „GEG“. Die in der Hansestadt Hamburg ansässige GEG, die Großeinkaufsgesellschaft Deutscher Konsumgenossenschaften, die in über 50 eigenen Fabriken produzierte, machte Hamburg einst zum Genossenschaftszentrum Deutschlands. Genauso wie der 1899 als Reaktion auf den gescheiterten Hamburger Hafenarbeiterstreik von 1896/97 gegründete Konsum-, Bau- und Sparverein „Produktion“. Die kurz „Pro“ genannte Vereinigung avancierte später zu einer der größten Konsumgenossenschaften der Welt mit annähernd 250 000 Mitgliedern und 500 Läden, eigener Fleischwarenfabrik und einer Großbäckerei.

Kleine Bibliothek: Burchard Bösche hat viel Literatur gesammelt. (Foto: Peter Frischmuth)

Die Rolle der Genossenschaften für die deutsche Sozialgeschichte ist aber noch bedeutsamer. „Sie waren unter anderem Wegbereiter des Flächentarifvertrages“, erklärt Burchard Bösche. Die „Pro“ unterstützte ihre Mitglieder zusätzlich auch bei Arbeitskämpfen. Aus einem Notfonds erhielten Arbeiter bis zu 100 Mark, um weiter in den Läden der Genossenschaft während eines Streiks einkaufen zu können.

Auf rund 160 Quadratmetern finden die Besucher so allerlei Details um die Geschichte der Genossenschaften von ihren Anfängen bis in die Gegenwart. Und auch der Arbeiter- und Bauernstaat findet besonderen Platz. “Die DDR war in einem viel höheren Maß genossenschaftlich organisiert, als wir das im Westen wahrgenommen haben“, so Bösche.  „Wir haben eine Sammlung, wie es keine zweite in Deutschland gibt.“ Eine Sammlung, die fast 200 Jahre Wirtschafts- und Sozialgeschichte erzählt.

Dieses Emaille-Schild war ein Schnäppchen

„Der Konsumverein Vorwärts ist keine Gemeinschaft der Reichen, aber er kann eine reiche Gemeinschaft werden, wenn alle Verbraucher zweck- und zielbewusst zusammenarbeiten.“ So wirbt ein großes Emailleschild, das heute im Hamburg ausgestellt ist. „Dieses Schild habe ich vor knapp zehn Jahren für 50 Euro gekauft“, erinnert sich Burchard Bösche, „und es dann mit der Bahn von Dresden hierher geschafft.“

Emailleschild des Konsumvereins "Vorwärts": Bei Sammlern heiß begehrt (Foto: Peter Frischmuth)

Keine leichte Aufgabe, immerhin besteht das Schild aus schwerem Eisenblech. Aber es war ein Schnäppchen: „So etwas wird gelegentlich für 1000 Euro aufwärts angeboten.“ Der Konsumverein „Vorwärts“ selbst war 1888 für Dresden und Umgebung gegründet worden. Bekannt ist die Genossenschaft in der sächsischen Elbmetropole immer noch für das Gebäude aus Rotklinker, in dem einst ihre Fleischverarbeitungsfabrik untergebracht war. 1927 bis 1930 im Stil der Neuen Sachlichkeit von dem Architekten Kurt Bärbig errichtet, steht das nach der Wiedervereinigung entkernte Haus heute unter Denkmalschutz.

Eine Büste für einen  Kaufmann und Politiker

Vor der Büste von Henry Everling, der Hamburger Bürgerschaftsabgeordneter, Senator und  Geschäftsführer diverser konsumgenossenschaftlicher Betriebe war, bleibt Bösche stehen. „Wir sollten die genialen Kaufleute der Genossenschaftsbewegung und damit auch der Arbeiterbewegung stärker würdigen“, sagt er. Everling, eigentlich gelernter Gold- und Silberschmied, modernisierte während des Ersten Weltkrieges für die Konsumgenossenschaft „Pro“ die Fleischkonservenfabrikation und leistete damit auch einen Beitrag zur Versorgung des deutschen Heeres.

Hölzerne Büste von Henry Everling: Erinnerung an einen guten Kaufmann (Foto: Peter Frischmuth)

„Everling war aber noch viel bedeutender“, so Bösche. „Er hat 1916 mitten im Ersten Weltkrieg im Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften eine Diskussion für eine öffentliche Verbraucherinteressenvertretung losgetreten.“ Dank Everling wurde nach Kriegsende mit der Hamburger Konsumentenkammer die Urmutter unserer heutigen Verbraucherorganisation begründet, so der Museumsleiter.

Seit 1933 von den Nationalsozialisten entmachtet, bestellte die britische Besatzungsmacht Everling nach dem Zweiten Weltkrieg zum Generalbevollmächtigten für den gesamten Komplex der Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumgesellschaften. „Um die Hungerkrise nach dem Krieg zu bewältigen, baute Everling in kurzer Zeit die Fischfangflotte der Gemeinwirtschaftlichen Hochseefischerei GmbH auf“, so Bösche. „In Genossenschaftskreisen galt er als unsterblich“, sagt der Museumsleiter mit einem Schmunzeln. „Das erwies sich aber als Irrtum.“ Everling starb 1960 hochbetagt.

Seltene Aufsichtsratsprotokolle

Einen besonderen Schatz erhielt das Museum durch Zufall zum Kauf angeboten: Das Protokollbuch des Aufsichtsrats der Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine verzeichnet die Sitzungen dieses Kontrollgremiums von der konstituierenden Sitzung bis in die 30er Jahre hinein. Wie kaum eine andere Quelle gibt es Aufschluss darüber, wie sich die GEG in diesem Zeitraum entwickelte. „Da hat sich jemand gemeldet, der das gern verkaufen wollte. Woher er es hat, weiß ich nicht. Ich hätte für das Buch am Ende auch 1000 Euro hingelegt“, sagt Burchard Bösche. „Aber ich habe es für 100 Euro bekommen.“

Im Protokollbuch des Aufsichtsrats der GEG: Hier sind Entscheidungen des höchsten Kontrollgremiums festgehalten. (Foto: Peter Frischmuth)

Auch einen zweiten Glücksfund konnte Bösche dem Fundus  einverleiben. „Ich habe hier auch das Bilanzbuch der GEG von der Gründung 1894 an. Das hatte jemand irgendwann einfach in den Müllcontainer geworfen“, so der Leiter des Genossenschaftsmuseums. „Eine Buchhalterin hat es rausgeholt. Und 30 Jahre lang aufbewahrt und später hier abgegeben.“ Neben Ebay sind so Schenkungen eine zweite Quelle an neuen Ausstellungsstücken. „Natürlich hat man nicht immer so ein Glück“, betont Bösche. „Manchmal kommen aber sehr alte Menschen hierher, die früher bei der `Pro´ oder der GEG gearbeitet haben. Und die finden es natürlich toll, dass wir hier auch über die Exponate ihre Geschichte erzählen können.“

Kaffeetüten – Mustermappe

„Das Tütenkleben ist ja traditionell eine Aufgabe für Zuchthäusler“, erklärt Bösche. In derartige Tüten wurden lose Lebensmittel wie Kaffee oder Tee zum einfacheren Transport und zur Aufbewahrung verpackt. Die Konsumgenossenschaften lehnten allerdings Erzeugnisse ab, die von Strafgefangenen produziert worden waren. „Zum einen, weil dies eine Form der Zwangsarbeit ist“, so Bösche. „Zum anderen, weil diese Tätigkeit unter Tarif bezahlt wurde und auch heute noch wird.“

Kaffeetüten: Eine klassische Gefängnisarbeit - aber nicht bei der Genossenschaft (Foto: Peter Frischmuth)

Deswegen ließen die Konsumgenossenschaften solche Tüten in gewaltigen Stückzahlen von ihrer in Hamburg ansässigen Verlagsgesellschaft mit modernsten Maschinen herstellen. „Das Verfahren war so hochautomatisiert, dass die Verlagsgesellschaft die Tüten mindestens genauso günstig, wenn nicht günstiger herstellen konnte als selbst die Zuchthäuser“, erzählt Bösche. „Das hier ist eine Mustermappe mit der die Handelsvertreter der GEG dann rumgezogen sind, um sie zu vertreiben.“ Die Verlagsgesellschaft wurde übrigens von Heinrich Kaufmann aufgebaut, nach dem auch die Stiftung benannt ist, die das Genossenschaftsmuseum unterhält.

Kautabak-Töpfe aus Nordhausen

Im Museum aufbewahrt werden auch Töpfe für Kautabak, hergestellt für die GEG-Kautabakfabrik in Nordhausen. „Genauso wie bei uns in Hamburg sind dort 1901 die Arbeiter ausgesperrt worden“, erklärt Bösche. Die Männer sollten so gezwungen werden, aus der Gewerkschaft auszutreten. Stattdessen gründeten die vor die Tür gesetzten Beschäftigten ihre eigene Produktivgenossenschaft.

Steinzeugtöpfe der Kautabakfabrik Nordhausen: Genussmittel aus genossenschaftlicher Produktion (Foto: Peter Frischmuth)

Weil für die Herstellung des Kautabaks keine besonders teuren Maschinen nötig waren, war der Aufbau einer Produktion schnell gelungen. „Die Arbeiter machten nun ihren ehemaligen Arbeitgebern Konkurrenz“, so Bösche. Die Fabrikanten wehrten sich auf ihre Weise: „Sie haben die Tabakgroßhändler daran gehindert, die neue Genossenschaft zu beliefern.“ Es war für die Arbeiter also außerordentlich schwierig, an Tabak für die Verarbeitung zu kommen. Die Kautabakarbeiter-Genossenschaft war aber trotzdem erfolgreich. „Gut zwölf Jahre lieferte sie an die GEG, dann wurde sie sogar von ihr übernommen“, erklärt Bösche.

Seife aus der DDR

Die Menschen in der DDR wuschen ihre Hände mit Seife aus dem sächsischen Riesa. Unter anderem mit der bekannten Marke „Nautik“. Was viele hingegen nicht wussten: Die Seifenfabrik in Riesa, die jetzt Teil der sozialistischen Planwirtschaft war, war ursprünglich die erste Produktionsstätte, die die GEG 1910 selbst errichtet hatte, statt sie von anderen Genossenschaften zu übernehmen. „Seife war ja ursprünglich ein relativ teures Produkt“, erklärt Burchard Bösche, „denn sie wurde handwerklich produziert“.

Historische Seifenverpackungen: Die Nautik-Seife hat ebenfalls genossenschaftliche Wurzeln. (Foto: Peter Frischmuth)

Die industrielle Fertigung senkte die Preise erheblich und erwies sich für die GEG als sehr profitabel. „Solche Seifen kaufen wir aber kaum noch bei Ebay“, sagt Bösche. „Wir haben schon so viel davon.“

Wenn die Geschäfte der Konsumgenossenschaften gut liefen, investierten sie in das Allgemeinwohl. Die Hamburger Genossenschaft „Pro“, die mit der Fleischerzeugung für das Heer große Gewinne erzielt hatte, eröffnete nach Kriegsende auf Betreiben ihres Geschäftsführers Henry Everling in Haffkrug an der Ostsee ein Kindererholungsheim für Genossenschaftsfamilien. Das Haus gibt es noch immer. Allerdings ist es jetzt ein Ferienhaus für Senioren.

Aufmacherfoto: Peter Frischmuth


WEITERE INFORMATIONEN

Hamburger Genossenschafts-Museum

im Gewerkschaftshaus (11. Stock)

Besenbinderhof 60

20097 Hamburg

www.kaufmann-stiftung.de

Öffnungszeiten:

Dienstag 14.00–17.00 Uhr

Mittwoch 14.00–17.00 Uhr

Donnerstag 14.00–17.00 Uhr

oder nach Vereinbarung

Der Eintritt ist frei

Führungen lassen sich unter 040-28 00 30 50 buchen.

Mittlerweile bietet das Museum auch die Vorführung von Filmen zur Genossenschaftsgeschichte an.


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