Innogy-Aus: E.on und RWE ordnen den Markt neu

Innogy-Aus: E.on und RWE ordnen den Markt neu

Thema Warum teilen die Konkurrenten E.on und RWE ein Unternehmen auf, das RWE erst 2016 an die Börse brachte? Und warum stimmen die Gewerkschaften zu, obwohl fast 5000 Jobs auf dem Spiel stehen?

Es war ein Börsengang der Superlative. Als im Oktober 2016 RWE seine Ökostromtochter Innogy an die Börse brachte, war der Jubel groß. Der größte Börsengang Europas seit dem Jahr 2000 spülte Milliarden in die Kassen von RWE und schien die goldene Zukunft eines Konzerns zu symbolisieren, der bis dahin vor allem mit Kohle und Atomstrom sein Geld verdiente. Doch schon beim Börsengang zweifelten Experten, ob der neue Börsenstar wirklich eine Zukunft hätte. Sie sollten Recht behalten.

Nach dem Deal soll E.on mehr als 70 000 Beschäftige haben, RWE mehr als 20 000. Eon verdoppelt die Zahl seiner Kunden auf rund 45 Millionen, während RWE zu einem der größten Stromerzeuger Europas wird. Es könnten rund 5000 Jobs gestrichen werden.

Im März – nur anderthalb Jahre nach dem Börsengang – kam der nicht minder spektakuläre Fall von Innogy. An jenem Tag verkündeten die Energiekonzerne RWE und E.on  gemeinsam eine Neuordnung ihrer Energiegeschäfte. Dafür wird Innogy als Unternehmen in seiner bisherigen Form aufgespalten und Geschäftsteile in einer komplexen Tauschaktion auf beide Konzerne verteilt. Eon übernimmt von Innogy das Geschäft mit Stromnetzen und dem Vertrieb von Strom. RWE konzentriert sich hingegen auf die Stromproduktion und erhält im Gegenzug das Geschäft mit erneuerbaren Energien und Gasspeichern von E.on.

Innogy-Windfarm vor der englischen Küste: ein gigantisches Tauschgeschäft (Foto: Innogy)

Mit der Übernahme der Ökostromanlagen von Eon und Innogy, darunter auch Offshore-Windräder in der Nordsee, wächst die Erzeugungskapazität von RWE bei den erneuerbaren  Energien auf insgesamt acht Gigawatt. Nach eigenen Angaben wird RWE, das bisher auf die traditionelle Energieerzeugung setzte, damit Europas drittgrößter Ökostromproduzent.

Letztes Gespräch: Die Vorstandsvorsitzenden von RWE, Rolf Martin Schmitz (links) und Johannes Theyssen (E.on) vor der entscheidenden Pressekonferenz (Foto: AP Photo/Martin Meissner)

Die Transaktion soll bis zum Jahr 2020 abgeschlossen sein und könnte nach bisherigen Schätzungen zu einem Abbau von 5000 Jobs führen. Entsprechend groß ist derzeit die Unruhe unter den Innogy-Beschäftigten. In einem Schreiben an die Innogy-Beschäftigten unterstrich der Gesamtbetriebsrat seine Forderung nach einem Ausschluss von betriebsbedingten Kündigungen. Ver.di-Chef Frank Bsirske und IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis unterstützten – trotz der befürchteten Auswirkungen auf die Beschäftigung – in einer gemeinsamen Presseerklärung die Transaktion, weil sie für beide Unternehmen vorteilhaft wäre und die richtige Antwort auf die großen Herausforderungen der Energiewende sei. Die Zustimmung der Gewerkschaften freut E.on-Chef Johannes Teyssen. Die Gewerkschaften hätten das Signal verstanden, dass dies im Energiesektor die „beste Zukunft für eine nachhaltige Beschäftigung“ sei.

Der Deal kommt ausländischen Interessenten zuvor

Nun, es sind wohl eher ganz pragmatische Gründe, warum sich ver.di und IG BCE auf den Deal einlassen. „So haben wir jetzt zwei große und mitbestimmte deutsche Energieversorger, das  war uns wichtig für die Zukunft der Beschäftigten in der Energiebranche. Die Alternative wäre schlechter gewesen“, sagt Andreas Scheidt, im ver.di-Bundesvorstand für Energiepolitik zuständig. Er spielt damit auf Berichte an, wonach ausländische Unternehmen Interesse an einem Kauf von Innogy gehabt hätten. „Unsere Befürchtung war, dass es dann zu einer Verlegung des Hauptsitzes ins Ausland gekommen wäre, mit all den bekannten Problemen für die Mitbestimmung.“

RWE-Braunkohlenkraftwerk (in Neurath): Bisher lag der Fokus auf traditioneller Energieerzeugung. (Foto: Karsten Schöne)

Für ihre generelle Zustimmung zu der Transaktion erwarten beide Gewerkschaften nun grundlegende Zugeständnisse beider Unternehmen, etwa den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen, die Fortgeltung bestehender Tarifverträge und die Sicherung der paritätischen Mitbestimmung. „Wir haben in den vergangenen Wochen viele Gespräche geführt und sind deshalb optimistisch. Sowohl E.on als auch RWE brauchen uns für den Neuordnungsprozess. Ohne die Beschäftigten werden beide Unternehmen dieses Geschäft nicht hinbekommen“, sagt Scheidt. Er spricht damit auch eine delikate Situation an, die durch die beschlossene Neuordnung entsteht und mit der Beschäftigte und Vorstand von Innogy umgehen müssen. Grund: Bis zum Abschluss des Umbaus sind E.on und Innogy Konkurrenten im Markt.

Zusätzlich erschwert wird die ohnehin komplizierte Aktion durch die jüngsten Erschütterungen im Innogy-Vorstand. Innogy-Chef Peter Terium hatte im Dezember 2017 nach einer Gewinnwarnung seinen Posten räumen müssen. Anfang März wurde Finanzchef Bernhard Günther bei einem Säureattentat schwer verletzt und schwebte zeitweilig in Lebensgefahr. Inzwischen konnte er das Krankenhaus verlassen. Zum neuen Vorstandvorsitzenden wurde auf der Hauptversammlung am 24. April der bisherige Personalvorstand Uwe Tigges bestellt, der seit Dezember schon übergangsweise auch als CEO fungierte. Bis 2012 war er Konzernbetriebsratschef bei RWE. In den aktuellen Deal war Tigges offenbar aus rechtlichen Gründen nicht eingeweiht.

Ver.di will einen langfristigen Kündigungsschutz

Tigges wollte sich aktuell nicht dazu äußern, wie es nun konkret bei Innogy mit dem Abbau von Jobs weitergehen soll. Doch E.on-Vorstandschef Johannes Teyssen und RWE-Chef Rolf Schmitz deuteten bereits Entgegenkommen an, denn in den drei beteiligten Unternehmen ist die Belegschaft gut organisiert. Und so versprach Johannes Teyssen, dass  „bislang keine betriebsbedingten Kündigungen geplant sind. Und wir sind optimistisch, dass das so bleiben wird“, sagt der E.on-Vorstandsvorsitzende. Darauf vertrauen will ver.di aber nicht und setzt auf belastbare Absprachen.

„Wir haben beide Unternehmen inzwischen angeschrieben und sie zu Tarifverhandlungen aufgefordert. Da aus unserer Sicht die Einsparungen erst ab 2020 wirksam werden, wollen wir einen langfristigen Kündigungsschutz erreichen. Dazu nehmen wir Verhandlungen auf“, so Andreas Scheidt. Dennoch räumt auch er ein, dass die Gespräche mit der Belegschaft von Innogy nicht einfach seien. „Natürlich haben die betroffenen Beschäftigten Zukunftsängste. Viele kritische Fragen kann man logischerweise jetzt noch nicht beantworten. Wir werden nicht locker lassen. Aber für die Klärung der Fragen braucht es Geduld, dafür werben wir gerade in der Belegschaft.“

Ein einer gemeinsamen Erklärung unterstützen ver.di-Chef Frank Bsirske und IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis den Deal. Die Gewerkschaften setzen aber nicht auf bloße Versprechen. Sie verlangen belastbare Absprachen.

Ein wichtiger Aspekt für die Gewerkschaften ist auch die Sicherung der Mitbestimmung, denn mit Innogy wird ein Unternehmen verschwinden, das bislang stark mitbestimmt war. Gleichzeitig wächst Eon um geschätzt rund 40 000 Mitarbeiter. „Natürlich wollen wir diese neuen Mitarbeiter im E.on-Aufsichtsrat ausreichend vertreten sehen. Das sehen wir ein“, kündigt Andreas Scheidt an.

Ver.di-Gewerkschafter Scheidt: Die Gewerkschaft zieht mit – und verlangt Garantien für die Mitarbeiter. (Foto: ver.di)

Die Geschäfte werden neu sortiert

Bleibt die Frage, warum E.on und RWE überhaupt eine satte Kehrtwende vollziehen, obwohl beide Unternehmen nach dem Atomausstieg und beschlossener Energiewende sich erst vor wenigen Jahren neu organisiert hatten. Während RWE sich weiterhin auf das klassische Geschäft mit konventionellen Kraftwerken konzentrierte und seine vergleichsweise geringen Aktivitäten in den erneuerbaren Energien in die neue Tochter Innogy auslagerte, war E.on den entgegengesetzten Weg gegangen und behielt erneuerbare Energien, Vertrieb und Netze im Konzern. Kohle- und Gaskraftwerke gingen an die Tochter Uniper, die wie Innogy ebenfalls 2016 an die Börse ging. Beide Töchter dümpelten jedoch wirtschaftlich vor sich hin und gerieten schnell in den Fokus ausländischer Kaufinteressenten. Teyssen stieß deshalb im September 2017 den E.on-Anteil an Uniper an den finnischen Versorger Fortum ab.

Innogy-Ladestation (in Berlin): Jetzt holt sich RWE den Ökostrom zurück. (Foto: dpa)

Plötzlich arbeiten zwei Unternehmen, die sich vor kurzem noch bitter als Konkurrenten bekämpften, zusammen und sortieren einvernehmlich ihre Geschäfte neu – die Zustimmung der Kartellbehörden vorausgesetzt. Die Gründe dafür dürften wohl mehrere sein: Zum einen wird die Struktur im Energiesektor durch die Energiewende immer kleinteiliger, andererseits drängen ausländische Mitbewerber auf den Markt. Da gilt es, sich rechtzeitig neu aufzustellen und an die veränderte Lage anzupassen.

Das scheint es, geht zusammen besser als allein. Ob der Deal, der die junge und imagemäßig gut positionierte Innogy vom Markt verschwinden lässt, tatsächlich zum Befreiungsschlag für die beiden Energiekonzerne wird, wird sich zeigen müssen. Für Unruhe bei Verbraucherschützern und kleinen Ökostromerzeugern sorgt der Deal aber allemal.

Aufmacherfoto: imago/Deutzmann


WEITERE INFORMATIONEN

Der Deal im Detail

E.on übernimmt den RWE-Gesellschafteranteil von 76,8 Prozent an Innogy und bekommt den Zugriff auf die umsatzstarken Verteilnetze.

Der Bereich erneuerbare Energien von Innogy mit rund 3000 Mitarbeitern wird wieder bei RWE eingegliedert.

Als Ausgleich für die Übernahme von Innogy erhält RWE eine Minderheitsbeteiligung von 16,67 Prozent an E.on.

Zusätzlich zahlt RWE 1,5 Milliarden Euro an E.on.

Viele zusätzliche Informationen zum Thema finden sich auch bei ver.di

Aktuelle Informationen vom 11.5.2018: E.ON, Innogy und RWE: Tarifpolitische Grundsatzerklärung

In einer Verhandlung am Freitag, den 11.05.2018, haben sich die Unternehmensführungen von E.ON, Innogy und RWE unter Beteiligung der Konzernbetriebsräte mit der Gewerkschaft ver.di und der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) auf eine tarifpolitische Grundsatzerklärung zur geplanten Transaktion zwischen E.ON und RWE verständigt.


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