Jugend mischt mit beim Europäischen Gespräch

Jugend mischt mit beim Europäischen Gespräch

Stiftung Dunya Ballout ist eine von 20 Stipendiaten, die sich aktiv beim „Europäischen Gespräch“ der Böckler-Stiftung am 27. und 28. April einbringen. Warum fährt sie nach Brüssel?

Dunya Ballout, Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung

Als Sie sich das erste Mal um die Teilnahme am Europäischen Gespräch bewarben, waren Sie noch ganz neu im Umfeld gewerkschaftlicher Debatten. Warum wollten Sie da hin?

Genau deswegen. Ich studiere an der Schnittstelle von Politik und Wirtschaft, das Thema Arbeit auf europäischer Ebene interessiert mich ohnehin. Und ich wollte wissen, wie es im gewerkschaftlichen Kontext diskutiert wird.

Beeindruckt hat mich die Debattenkultur.

Und, wie wird es diskutiert?

Eine einheitliche Antwort gibt es nicht – das war meine erste Lehre. Den Auftakt machte im vergangenen Jahr der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, der unter dem Titel „Europe can do better“ massiv die europäische Sparpolitik kritisierte. Das war beeindruckend, den zu erleben. In den Workshops danach, zur Mitbestimmung in Europa, wurde deutlich, dass die Teilnehmer vor ganz verschiedenen Hintergründen diskutieren – Mitbestimmung ist eben in Slowenien anders als in Frankreich. Wirklich beeindruckt hat mich die Debattenkultur. Da war viel Raum für Persönliches, für die Ich-Perspektive; verbunden mit starkem Interesse am Gegenüber: „Bei uns ist das so und so; wie ist das bei euch?“ Das ist nicht selbstverständlich.

Nobelpreisträger Joseph Stiglitz mit jungen Teilnehmern des Europäischen Gesprächs 2016.

Dieses Jahr steht das ungleiche Wachstum in Europa im Fokus und es werden Gegenvorschläge gemacht, um das soziale Europa zu stärken. Wie schätzen Sie den Rechtspopulismus ein, der auch einem Zerfall der Europäischen Union das Wort redet?

Das Phänomen des Rechtspopulismus beschäftigt mich sehr; ich bin auch in der bundesweiten Social-Media-Kampagne „Kleiner Fünf“ und als Multiplikatorin in Schulen aktiv. Mein Eindruck ist: Die ungleichen Lebensverhältnisse in Europa sind seit einigen Jahren Thema. Neu ist, dass es so stark um Teilhabe geht. Immer mehr Menschen haben das Gefühl, nicht mitmachen zu können. Zu sagen, wer sich ausgeschlossen fühlt, wählt rechts, ist sicher zu einfach. Dennoch muss dieser Tendenz begegnet werden. Gewerkschaften haben da eine große Verantwortung. Und sie können viel bewegen, wenn es darum geht, Menschen einzubeziehen. Ich bin wieder sehr gespannt auf die Diskussion in Brüssel.

Bereiten Sie sich auf das Europäische Gespräch eigentlich extra vor?

Wir Stipendiaten von der Hans-Böckler- und Friedrich-Ebert-Stiftung treffen uns zwei Tage vorher zu einem Vorbereitungsseminar. Dieses Jahr reden wir mit der SPD-Europaabgeordneten Jutta Steinruck – zufällig kenne ich sie, sie wohnt im Wahlkreis meiner Eltern. Sie ist wirklich eine überzeugte Europäerin,  mit dem Schwerpunkt Arbeitnehmerrechte in der EU. Gerade da ist es schwer einen Konsens zu finden, von daher bin ich sehr gespannt auf die Diskussion. Im Anschluss sprechen wir mit Vertretern der Arbeitnehmerkammer Wien. Mit diesem Input gehen wir dann in die Arbeitsgruppen, die sich entlang unserer Studienfächer sortieren, und bereiten uns vor.

Wenn Sie bisher zwar nicht gewerkschaftlich, aber anderswo politisch aktiv waren: Wissen Sie, ob es einen Schlüsselmoment für Ihr politisches Interesse gab?

Ich komme aus einer politischen Familie, meine Mutter ist sehr feministisch bewegt. Und mein Vater ist Libanese, dadurch habe ich die ersten zehn Jahre meines Lebens in Dubai und dem Libanon verbracht. Die Unterschiede zwischen dem Libanon und Deutschland haben mich vermutlich am meisten geprägt. Seit ich denken kann, ist mir sehr bewusst wie unterschiedlich Leben verlaufen können – je nachdem, in welche Welt man hineingeboren wird. Und was das gewerkschaftliche Engagement angeht: Es klingt ein bißchen komisch. Aber ich bin noch vor Ort in Brüssel letztes Jahr ver.di-Mitglied geworden. Und habe dann auch mein erstes Praktikum beim Bundesvorstand gemacht.

Fotos: Horst Wagner (Stiglitz)


WEITERE INFORMATIONEN

Zur Person 

Dunya Ballout studiert Politikwissenschaften mit dem Nebenfach VWL an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seit 2015 ist sie Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) über das so genannte „ergänzende Verfahren“, das sich an begabte, gesellschaftspolitisch engagierte und – bis dahin – nicht gewerkschaftlich aktive Studierende richtet. Am 27. und 28. April nimmt die 22-jährige zum zweiten Mal am Europäischen Gespräch der Hans-Böckler-Stiftung in Brüssel teil, zu dem neben Vertretern der EU, Wissenschaftlern und Gewerkschaftern auch Stipendiaten der HBS und der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) eingeladen werden.

Das Europäische Gespräch 2017: European Dialogue 2017. Europe: Rewrite The Rules For Shared Prosperity. Mit u. a. Barry Eichengreen, Professor für Ökonomie und politische Wissenschaften, University of California, Berkeley. Donnerstag, 27. April, ab 12.30 und Freitag, 28. April, ab 9.30 Uhr im Livestream verfolgen. Oder auf Twitter mit dem Hashtag: #EUdialogue17

Andrew Watt, Abteilungsleiter des Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), über die Römischen Verträge, die Brexit-Entscheidung und den Weckruf für Europa (PDF).

Das Europäische Gespräch 2016: „Europe Can Do Better“. Dokumentation mit Videos, Fotos und einigen Redeskripten


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