Jung und Betriebsrätin: So geht's

Jung und Betriebsrätin: So geht's

Betriebsrat Zwei junge Betriebsrätinnen erzählen, wie sie sich gegen die Älteren durchgesetzt haben. Wer keinen Mentor hat, braucht Glück und Durchsetzungskraft – oder scheitert.

Für Isabell Senff war die Arbeit in der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) der Einstieg in die Betriebsratsarbeit. Zudem ist sie bei ver.di engagiert. Die heute 28-jährige Zustellerin bei der Deutschen Post AG in Halle wurde vor sieben Jahren zum Mitglied in der JAV  ihrer Niederlassung gewählt und schaffte es wenig später in das konzernweite Gremium, die Gesamt-JAV.

Ein halbes Jahr vor den Betriebsratswahlen 2014 kam die Betriebsgruppenvorsitzende von ver.di auf sie zu: Zwei freigestellte Betriebsräte würden ausscheiden – ob sie sich vorstellen könne, als Betriebsrätin zu kandidieren und auch in die Freistellung zu gehen? Isabell Senff konnte. Heute gehört sie bei der Post zu den wenigen Betriebsratsmitgliedern unter 35 Jahren. Ganze 4,5 Prozent der rund 1400 Betriebsratsmitglieder des Unternehmens fallen unter diese Altersgrenze.

Noch ungewöhnlicher ist, dass Isabell Senff gleich zur freigestellten Betriebsrätin gewählt wurde. Sie kann ihre Arbeitszeit also komplett der Betriebsratsarbeit widmen. Offiziell bestimmen die Mitglieder des Gremiums, wer von ihnen freigestellt wird. Vorherige informelle Absprachen sind üblich. In der Niederlassung Halle, die 2300 Mitarbeiter beschäftigt, stellt ver.di 18 von 19 Betriebsräten, darunter alle sieben freigestellten. Damit hat die Betriebsgruppenvorsitzende von ver.di viel Einfluss.

„Mir wurde signalisiert, dass man sich als Jüngere erst einmal hinten anstellen soll.“

Nicht alle im Betriebsrat fanden die Unterstützung für Isabell Senff gut. In der Regel kann ein Betriebsrat erst dann auf eine Freistellung hoffen, wenn er vorher länger als normales Mitglied amtiert hat. „Dass man sich als Jüngere erst einmal hinten anstellen soll, wurde mir mehr oder weniger direkt signalisiert“, sagt Isabell Senff.

Ihr Weg zeigt: Ohne einen Mentor im Hintergrund hat man es als junger Mitarbeiter schwer, in einen Betriebsrat gewählt zu werden, wenn es Konkurrenz um die Plätze gibt. „Die Betriebsgruppenvorsitzende war von mir offenbar überzeugt“, sagt Isabell Senff. Durch ihre Zeit in der Auszubildendenvertretung hatte sie bereits Erfahrungen sammeln können. Dabei legte sie, so erzählt sie, Wert auf den direkten Kontakt: „Ich hatte unsere Azubis an den Berufsschulen abgeklappert und sie beim Unterricht in der Niederlassung besucht.“

Isabell Senff sieht ihre Betriebsratskarriere als Ausnahme von der Regel. Als Mitglied im ehrenamtlichen Vorstand der ver.di-Jugend ist sie gut vernetzt und kennt andere Beispiele: Sie berichtet von einem jungen Kollegen in einer anderen Post-Niederlassung, der 2014 als JAV-Mitglied für den Betriebsrat kandidieren wollte, bei dem Sitze frei wurden. Die JAV musste er aus Altersgründen verlassen.

Er hatte aber keinen einflussreichen Unterstützer für sein Anliegen. Ihm wurde, sagt Isabell Senff, aus dem Betriebsrat heraus signalisiert, dass Ältere erst einmal Vorrang hätten. Er bekam nur einen schlechten Listenplatz, wurde nicht gewählt und arbeitet heute wieder in Vollzeit als Zusteller, nachdem er als Jugendvertreter teilweise freigestellt war.

„Der Kollege hat bei der nächsten Betriebsratswahl womöglich keine Lust mehr, zu kandidieren. Wer in der JAV engagiert war, dann rausfliegt, kann nicht ein paar Jahre später auf Knopfdruck wieder aktiviert werden. So eine Niederlage macht ja etwas mit einem Menschen“, sagt Isabell Senff. Sie wünscht sich, dass Nachwuchs für Betriebsräte kontinuierlicher und frühzeitiger gewonnen wird – und dass nicht automatisch die Älteren bei Nachbesetzungen zum Zuge kommen.


Bettina Beer ist Industriemechanikerin bei der Maschinenfabrik Reinhausen und Mitglied des Betriebsrates.

Auch Bettina Beer, 25-jährige Industriemechanikerin bei der Maschinenfabrik Reinhausen in Regensburg, wurde als ehemaliges Mitglied der JAV in den 17-köpfigen Betriebsrat gewählt. Sie gehört dem Gremium als nicht freigestelltes Mitglied an. Beer erzählt: „Der Vorsitzende und die Stellvertreterin kamen auf mich zu, ich hätte aber auch ohne sie kandidiert.“ In ihrem Betrieb gilt die Personenwahl, Kandidaten müssen sich nicht vorher auf einer Wahlliste durchsetzen.

In ihrem Betrieb geht in den nächsten zehn Jahren die Hälfte der Betriebsräte in Rente. „Einige wenige Nachwuchskräfte werden aufgebaut. Das reicht aber nicht. Man muss mehr in die Breite gehen und früher ansetzen. Wenn es erst mit Mitte, Ende 30 losgeht, ist es zu spät“, sagt sie.

„Freigestellt zu werden ist für Jüngere nicht so attraktiv, weil die Entgeltgruppe eingefroren wird.“

Ein Hauptproblem sieht Bettina Beer in der Zweiteilung von freigestellten und nicht freigestellten Betriebsräten: „Das sind schon zwei verschiedene Klassen.“ Jüngere würden niemals am Stuhl eines Freigestellten sägen wollen und hätten in der Regel auch kein Interesse an einer Freistellung.

„Man will sich noch nicht festlegen und vielleicht beruflich noch eine andere Richtung einschlagen. Außerdem wird mit der Freistellung die Entgeltgruppe eingefroren, was für ältere Kollegen okay ist, für Jüngere aber nicht gerade attraktiv ist“, erzählt sie. So bleibe die Freistellung, die für ambitionierte Betriebsräte das Ziel ist, automatisch den Älteren vorbehalten.

Beer wünscht sich deshalb ein anderes Selbstverständnis unter Betriebsräten und Gewerkschaftern: „Eine Rückkehr aus der Freistellung wird immer noch als Versagen angesehen, so, als ob man es nicht gepackt hätte. Eine zeitlich begrenzte Freistellung für ein oder zwei Amtszeiten müsste viel mehr akzeptiert werden.“ In ihrer Firma, Maschinenbau Reinhausen, sind von den 17 Betriebsräten vier Mitglieder freigestellt.

Fotos: Dirk Laessig, Stefan Kiefer


WEITERE INFORMATIONEN

Der „Trendreport Betriebsrätewahlen 2014“ der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass das Durchschnittsalter der Betriebsräte weiter gestiegen ist. Waren 2010 knapp 52 Prozent über 45 Jahre alt, waren es vier Jahre später schon 56 Prozent. Nur knapp acht Prozent sind unter 35 Jahre alt. Über 40 Prozent der Metall-Betriebsräte befinden sich bereits in ihrer dritten Amtszeit.

Ralph Greifenstein, Leo Kißler, Hendrik Lange: Trendreport Betriebsrätewahlen 2014 (Zwischenbericht) , Marburg, August 2014


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