Junge Gewerkschaftssekretäre: Was wir wollten, was wir wurden

Junge Gewerkschaftssekretäre: Was wir wollten, was wir wurden

Portrait Vor acht Jahren, während der Wirtschafts- und Finanzkrise, stellten wir angehende Gewerkschaftssekretäre der IG Metall und der IG BCE vor. Was wurde aus ihren Idealen? Wir haben einige von ihnen noch einmal besucht.

Der Abgesandte der Geschäftsleitung will Kerstin Meindl auf dünnes Eis locken. „Sagen Sie mal“, fragt er die Gewerkschaftssekretärin, die vor der in langen Stuhlreihen sitzenden Belegschaft für die Gründung eines Betriebsrats wirbt, „was ist denn, wenn ein Mitarbeiter nichts taugt? Genießt auch so jemand den Schutz des Betriebsrats?“ Die Antwort folgt prompt: „Der Betriebsrat vertritt die Interessen aller Arbeitnehmer – völlig unabhängig von der Frage der Leistungsfähigkeit.“ „Es wäre ja völlig widersinnig, wenn ein Mitarbeiter, der beispielsweise unter gesundheitsschädigenden Bedingungen arbeitet, vom Betriebsrat keine Hilfe erwarten könnte, nur weil er nicht zu den Topleistern zählt.“

50 Beschäftigte haben sich im Konferenzsaal der Freiburger Niederlassung des Schweizer Gebäudeautomations-Spezialisten Sauter AG versammelt. Ein wichtiger Schritt zur Gründung eines Betriebsrats steht an: die Wahl des Wahlvorstands. Kerstin Meindl, Gewerkschaftssekretärin aus der Freiburger IG-Metall-Geschäftsstelle, hat den Mitarbeitern erklärt, welche Rechte und Pflichten ein Betriebsrat hat und warum eigentlich jedes Unternehmen eine solche Interessenvertretung haben sollte. Einige Vertreter der Geschäftsleitung sind auch unter den Zuhörern; die Initiatoren des Betriebsrats haben sie ausdrücklich eingeladen. Durch geschickte Fragen versuchen die Manager ein wenig Wasser in den von Meindl kredenzten Wein zu gießen. Viel ausrichten kann ein Betriebsrat ja doch nicht – so ihr Tenor in Richtung der Belegschaft.

Kerstin Meindl ist Gewerkschaftssekretärin in der Freiburger IG Metall-Geschäftsstelle. (Foto: Wolfgang Roloff)

Derart handzahm präsentieren sich Arbeitgeber längst nicht immer, erzählt die Gewerkschaftssekretärin später. Die Geschäftsführung eines Freiburger Autozulieferers beispielsweise hatte die Belegschaft regelrecht gegen eine Betriebsratsgründung aufgehetzt. „Raus mit der IG Metall!“, skandierten wütende Beschäftigte, als Meindl auf den Hof fuhr. Transparente mit der Aufschrift „Wir wollen keinen Betriebsrat!“ ragten gen Himmel. Die wackeren Betriebsrats-Initiatoren hatten Angst, von ihren aufgestachelten Kollegen verprügelt zu werden.

An diesem Sommernachmittag bleibt alles friedlich; nach einer Stunde ist der Wahlvorstand im Amt und Kerstin Meindl zufrieden. Betriebsrats-Gründung Nummer 17 innerhalb von zwei Jahren ist auf einem guten Weg.

„120 Entlassungen, da fährste mal hin“

Vor gut acht Jahren, in einem Report über angehende Gewerkschaftssekretäre der IG Metall und der IG BCE (Ein Bund fürs Leben, Mitbestimmung 4/2009) las man den Namen der Freiburger Gewerkschaftssekretärin schon einmal in diesem Magazin. Kerstin Meindl, damals noch bei der IG BCE, hatte ein Traineeprogramm begonnen. Die anderthalbjährige Spezial-Ausbildung für Politische Sekretäre war und ist bis heute ein wichtiger Teil der Verjüngungs-Offensive. Schließlich scheiden jährlich einige Dutzend „Hauptamtliche“, die in den 70er Jahren zur Gewerkschaft gestoßen sind, über die Altersteilzeit aus.

Mit galoppierender Globalisierung, flexiblen Schicht- und Arbeitszeitmodellen, Leih- und Zeitarbeit, der Lockerung einst eherner Tarifbindungen und den divergierenden Erwartungen einer zusehends heterogenen Mitgliederschaft sahen sich die Trainees mit neuen Anforderungen an die Rolle des Gewerkschaftssekretärs konfrontiert.

Im Angesicht der Wirtschafts- und Finanzkrise mussten einige von ihnen gleich zu Beginn ihrer Praxis-Einsätze schlechte Nachrichten verkünden. Mit den Worten „Da ist der Bezirksleiter am Apparat“, reichte man einem von ihnen am ersten Tag das Telefon, „der hat schon ‘nen Job für Dich, ein Betrieb mit 120 Entlassungen, da fährste jetzt mal hin.“

Nadine Boguslawski sah in ihrer Entscheidung für eine Laufbahn als hauptamtliche Gewerkschafterin auch „eine Möglichkeit, dem kapitalistischen Arbeitgeber zu entfliehen“. Dem hatte die heute 40-Jährige zuerst als ungelernte Bandarbeiterin gedient, später als Auszubildende zur Industriemechanikerin, dann wieder in der Produktion. Über die Jahre war sie immer mehr in gewerkschaftliche Aufgaben hineingewachsen, als Jugendvertreterin, Vertrauensfrau, VK-Leiterin und Betriebsrätin. Doch ihr gewerkschaftliches Berufsleben als fleißige Dienstleisterin zu verbringen, so wie manche Mitglieder sich das wünschen, reichte ihr eindeutig nicht.

„Als Gewerkschaftssekretärin sollte man immer auch ein wenig die Gesellschaft verändern wollen“, war damals ihr Anspruch. Den verteidigt sie auch heute noch, als Expertin für Tarifpolitik in der IG-Metall-Bezirksleitung Baden-Württemberg. In ihrem Büro hängt das berühmte Plakat „35 Stunden sind genug“ von Gertrude Degenhardt, das den langen Marsch für die Verkürzung der Arbeitszeit künstlerisch verarbeitet.

„Durch Tarifpolitik wurde Arbeitszeit reduziert –  dadurch veränderte sich auch die Gesellschaft“, ist Boguslawski überzeugt. „Das passiert überall, wo wir Arbeit gestalten und für Menschen bessere Arbeits- und Lebensbedingungen schaffen.“ Der Erfolg des steten Ringens zeigt sich oft nur im Detail: nach einer langen Verhandlungsnacht beispielsweise, „alle sind total übermüdet, und beide Seiten gehen erhobenen Hauptes aus dem Saal. Die Kolleginnen und Kollegen freuen sich, dass sie mit einem guten Tarifergebnis und einer starken Gewerkschaft etwas für die Mitglieder, die Beschäftigten und den Standort erreicht haben – und ich durfte das unterstützen.“ Mit Genugtuung registriert Nadine Boguslawski, die gern auch mal eine kämpferische Warnstreik-Rede hält, dass die Außenwahrnehmung der Gewerkschaftsarbeit seit der Wirtschafts- und Finanzkrise „sich spürbar zum Positiven verändert hat“. „Damals haben wir in den Betrieben schnell und hochflexibel reagiert, um Verlagerungen und Entlassungen zu verhindern“, sagt sie. So dass das „Klischee der beschränkten Betonköpfe und Dogmatiker“ definitiv nicht mehr zu halten gewesen sei. „Und das ist in vielen Köpfen angekommen und haften geblieben. Heute sind wir diejenigen, die gemeinsam mit unseren Mitgliedern die Zukunft mitgestalten.“

Prozessmanager in der Zentrale

Michael Schmitzer sitzt Nadine Boguslawski schräg gegenüber und hört aufmerksam zu. Eigentlich müsste er ihre Standpunkte gut kennen. Schließlich sind die beiden seit einiger Zeit verheiratet. In der Frankfurter Vorstandsverwaltung der IG Metall leitet Schmitzer seit zweieinhalb Jahren das Ressort Junge IG Metall. Er definiert sich als „Knotenpunkt im Netzwerk“. Er organisiert die politische Arbeit für 234 000 Mitglieder unter 27 Jahren, koordiniert dabei sieben Bezirke und 155 Geschäftsstellen und sorgt mit seinem Team dafür, dass die Prozesse und Kampagnen laufen wie geschmiert. So beispielsweise zum jährlichen Ausbildungsstart und alle zwei Jahre zu den Wahlen zur Jugend- und Auszubildendenvertretung, wenn es darum geht, „eine große Menge junger Leute, die sich erstmals für die JAV-Arbeit interessieren, betriebspolitisch handlungsfähig zu machen“.

Die Gewerkschafter Michael Schmitzer und Nadine Boguslawski sind seit einiger Zeit miteinander verheiratet. (Foto: Wolfgang Roloff)

Was steht im Betriebsverfassungsgesetz, im Jugendarbeitsschutzgesetz, im Berufsbildungsgesetz? – all das müssen die JAV-Novizen ja wissen. Auf der letzten Jugendkonferenz vor zwei Jahren wurden über 100 Arbeitspakete beschlossen. Insbesondere der Beschluss zur Konzentration auf Auszubildende und dual Studierende in der Kampagnenarbeit habe viel an seiner Arbeit verändert. Schmitzer und seine Leute stehen dafür, dass diese Anliegen der Delegierten bis zur nächsten Konferenz 2019 möglichst vollständig abgearbeitet werden. Momentan ist schon über die Hälfte der Beschlüsse erledigt.

„Dadurch wird Gewerkschaft für die jungen Leute erlebbar“, ist der bestens vernetzte Sekretär überzeugt. „Sie haben auf einer Jugendkonferenz ihre Hand für einen Antrag gehoben und erleben dann, wie der Auftrag Schritt für Schritt umgesetzt wird.“ Allerdings ist sich Schmitzer auch bewusst, welchen Preis solch ein Job in der Zentrale hat.  „Wir haben bei den Leuten vor Ort zu sein“, hatte er als Trainee postuliert. Genau dieser direkte Kontakt zur Basis fehlt ihm nun in seiner alltäglichen Arbeit.  Natürlich freut sich Schmitzer für die Leute vor Ort, wenn junge Arbeitnehmer in einem Betrieb erstmals  eine JAV gebildet haben. Doch sein Erfolgserlebnis ist ein anderes: „Dass die verschiedenen Prozesse erfolgreich und termingerecht durchgeführt werden.“

Von ihm wird man noch hören

Jörg Kammermann sagte damals bei der abendlichen Gesprächsrunde der IG-BCE-Trainees Sätze wie „Die Überzeugung ist der Motor für die Anwendung von Wissen.“ Da schauten die anderen verdutzt. Der gelernte Prozessleitelektroniker, der lange bei der BASF in Ludwigshafen arbeitete und dann Volkswirtschaft studierte, ist heute stellvertretender Vorsitzender des Landesbezirks Bayern. Damit hat er von allen damaligen Trainees den wohl größten Schritt auf der gewerkschaftsinternen Karriereleiter gemacht.

Jörg Kammermann ist stellvertretender Landesbezirksleiter der IG BCE Bayern. (Foto: Werner Bachmeier)

Kammermann ist Verhandlungsführer für die Tarifbereiche Hohl- und Kristallglas sowie Feinkeramik und außerdem verantwortlich für die Mitgliederentwicklung und Kampagnen. Von ihm wird man ganz sicher noch hören. Er hat erheblich in seine Laufbahn investiert und – neben dem vollen Job – einen Masterstudiengang in Wirtschaftspsychologie absolviert; das stärkt seine Kompetenz in den Bereichen Führung und strategische Entscheidungsfindung. Die Bodenhaftung hat er trotzdem nicht verloren. Am meisten freut er sich, wenn er etwas für „seine“ Beschäftigten erreichen konnte.

Kürzlich gelang es ihm, einen Haustarifvertrag in einem Unternehmen abzuschließen, das noch nie tariflich gebunden war. „Da gibt es Leute, die seit 20 Jahren neun Euro die Stunde verdienen“, erzählt Kammermann. „Jetzt bekommen die unteren Lohngruppen in einem ersten Schritt endlich sieben, acht Prozent mehr. Dafür bin ich Gewerkschaftssekretär.“

Was ihn ärgert ist die „Free-Rider-Mentalität“ vieler Beschäftiger. „Wir haben viele Betriebe, denen es sehr gut geht und wo die Arbeitsbedingungen vorbildlich sind – auch dank unserer Arbeit.“ Ausgerechnet dort stoße man, sobald das Thema Gewerkschaft angesprochen wird, auf ein ausgeprägtes Mitnahmedenken. “ ‚Wozu denn Gewerkschaft?‘, heißt es da, ‚ich krieg die Tariferhöhung doch auch so‘. Das sind Momente, da fragt man sich: Bist du dafür heute um sechs Uhr aufgestanden?“

Armando Dente ist begeistert

Dass genau diese Mitnahmementalität bei „seinen“ Azubis gar nicht erst aufkeimt, dafür sorgt im Landesbezirk Westfalen der IG BCE Armando Dente. Die Gewerkschaft bietet für Azubis eine Sprachreise nach Kapstadt an – für 999 Euro inklusive Vollpension. Dafür kriegt man normalerweise nicht mal den Flug. „Du bezahlst nur ein Viertel des regulären Preises“, erklärt Dente den jungen Leuten an diesem Beispiel das Solidarprinzip, „den Rest steuert die IG BCE, das heißt unsere Mitglieder bei. Du kannst deinen persönlichen Benefit nur abgreifen, weil die Solidargemeinschaft das Ganze trägt.“ Der 38-Jährige, dessen Großvater 1951 als einer der ersten „Gastarbeiter“ aus Sardinien ins Ruhrgebiet kam und der seine jetzt dreijährige Tochter gleich am Tag nach ihrer Geburt bei der Gewerkschaft angemeldet hat, verantwortet im Landesbezirk unter anderem die Bereiche Bildung und Jugend.

Armando Dente arbeitet beim Landesbezirk Westfalen der IG BCE. (Foto: Karsten Schöne)

„Kein Arbeitstag ist wie der andere“, schwärmt der gelernte Energieanlagenelektroniker, der sich an der Akademie der Arbeit das theoretische Rüstzeug holte. „Ich hab‘ den geilsten Job der Welt. Noch besser ist allenfalls Rockstar oder Fußballprofi – aber nur bei Schalke.“ Sein Bilanz: Von den neuen Azubis im Landesbezirk reihen sich jedes Jahr mehr als 80 Prozent bei der Gewerkschaft ein. Auch ein Projekt zur Rekrutierung von Chemie- und Biologie-Studierenden, die bislang, wenn sie nach dem Studium in den Unternehmen anfingen, für die Gewerkschaft nur noch schwer zu erreichen waren, läuft sehr erfolgreich. In den vergangenen zweieinhalb Jahren wurden schon 270 Studenten für die IG BCE gewonnen.

Dente macht keinen Hehl daraus, dass er im breiten politischen Spektrum der Gewerkschaften nicht zu den Klassenkämpfern gehört. Als auf einem Seminar während seines Vortrags eine junge Kollegin aufstand und ihn fragte, ob er sich denn mit den Kapitalisten verbünden wolle, antwortete er: „Ja, wenn meine Leute dadurch einen guten Job kriegen oder ihren Arbeitsplatz behalten, dann hab‘ ich doch alles richtig gemacht.“

Was kann wichtiger sein als neue Mitglieder?

Kerstin Meindl, die ihr Traineeprogramm bei der NGG begonnen hatte und die ersten vier Jahre als Gewerkschaftssekretärin bei der IG BCE verbrachte, wechselte vor  knapp fünf Jahren zur IG Metall.  Auf ihrer alten Stelle hatte die Volljuristin das wissenschaftliche Arbeiten vermisst; auch für die Rechtsberatung blieb wenig Zeit. In einer renommierten Wirtschaftsanwaltskanzlei könnte die Expertin für Arbeits- und internationales Privatrecht locker das Doppelte verdienen. Aber Geld und Karriere reizen sie nicht. „Ich finde meinen Job total spannend“, sagt sie, „man muss immer kreativ sein und auf Situationen ad hoc reagieren.“ Der eine Betrieb hat Kurzarbeit, der zweite will Personal abbauen, im dritten steht die Gründung eines Betriebsrats an.

Besonders die Zusammenarbeit mit den Betriebsräten sorgt dafür, dass keine Routine aufkommt. „Manche preschen vor, dass einem schwindling wird, andere tun sich schwer damit, Entscheidungen allein zu treffen; da ist eine intensive Betreuungsarbeit notwendig.“ Bei manchen Betriebsräten fällt es ab und an auch schwer, die Ruhe zu bewahren. So wie kürzlich bei den Kollegen in einem Betrieb, wo die IG Metall eine Beschäftigtenbefragung platziert hatte. Meindl führte viele gute Gespräche mit den Mitarbeitern und stellte immer wieder die Grundsatzfrage: „Du bist doch schon Mitglied bei uns, oder?“ Sie verteilte allerdings nicht gleich Beitrittserklärungen, sondern verabredete mit dem Betriebsratschef, dass er sich in den folgenden Tagen darum kümmert.

Als sie nach einer Woche anrief, sagte der Betriebsrat: „Ach ja, die Aktion kam super an, zwei oder drei waren vorgestern bei mir im Büro. Die wollten eintreten, aber ich hatte gerade keine Zeit. Sie sollen ein andermal wiederkommen.“ Meindl spürte, wie ihr die Zornesröte ins Gesicht stieg. „Die kommen zu Dir ins Büro und wollen bei uns eintreten und du schickst sie wieder weg?“, faltete die sonst ausgesprochen umgängliche Sekretärin den Mann zusammen. „Ja, bist du denn von Sinnen? Die kommen kein zweites Mal.“ – „Na ja“, versuchte sich der Betriebsrat zu rechtfertigen, „ich hatte ‘ne Besprechung mit der Personalabteilung.“ – „Wie kann denn das wichtiger sein als neue Mitglieder? Ich erwarte von Dir, dass du den beiden hinterhergehst.“ Die Kopfwäsche war kurz, heftig – und erfolgreich. „Einen Tag später hatte ich die beiden Beitritte.“

Aufmacherfoto: Wolfgang Roloff

Nächster Artikel

Lear Corporation Wismar: Harter Weg zum besseren Schichtmodell

Betriebsrat 4 Minuten lesedauer