Kapitalbeteiligung in Gestaltungsmacht ummünzen

Kapitalbeteiligung in Gestaltungsmacht ummünzen

Debatte Was soll man von Belegschaftsaktien halten und davon, dass der gemeinsam erarbeitete Gewinn auch mit den Arbeitnehmern fair geteilt würde? Dass diese Idee nicht utopisch ist, zeigt eine aktuelle Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung.

Wer profitiert eigentlich von der Digitalisierung? „Who owns the robots rules the world“, schrieb der amerikanische Ökonom Richard B. Freeman. Nach seiner Logik sollten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Miteigentümer der Roboter werden. So könnten die Gewinne aus der Automatisierung fairer verteilt werden. Aber ist es wirklich ein guter politischer Rat, die Spirale aus Kapitalmarktlogik und Digitalisierung weiter zu befördern, indem man die Arbeitnehmer/-innen zu Aktienbesitzern macht?

Kaum eine Diskussion in der Kommission „Arbeit der Zukunft“ der Hans-Böckler-Stiftung verlief derart kontrovers wie diejenige zu den Chancen und Risiken der Mitarbeiterkapitalbeteiligung: Inwiefern sollte die materielle Beteiligung der Erwerbstätigen an den Unternehmen stärker institutionalisiert werden? Befürworter sahen gerade angesichts des rasanten technologischen Wandels große Chancen darin, Arbeitnehmer/-innen am Wachstum des Faktors Kapital zu beteiligen. Sie erhoffen sich positive Auswirkungen auf die Verteilungsgerechtigkeit. Auch sei eine Kapitalbeteiligung im Fall von Sanierungs- und Krisenfällen höchst sinnvoll, wenn sie durch die Tarifvertragsparteien begleitet werden.

Wenn Arbeitnehmer/-innen sich mit eigenem Geld engagieren, steigt die Chance auf Weiterführung des Unternehmens und auf Rettung der Arbeitsplätze. Diese Perspektive rechtfertige den partiellen und vorübergehenden Verlust an Einkommen. Auch wenn es Beispiele für auf diese Weise gerettete Unternehmen gibt, wiesen Gegner darauf hin, dass sich gerade bei Insolvenzen das Risiko für Arbeitnehmer/-innen maximiert: Betrieb pleite, Geld weg, Arbeitsplatz verloren. Außerdem seien ganze Berufsgruppen wie der öffentliche Dienst oder Soloselbstständige ausgeschlossen.

Für Gewerkschaften ist klar: „Teilhabe am Haben und am Sagen“ läuft über Tarifvertrag und Mitbestimmung. Aber was spricht dagegen, darüber hinaus den gemeinsam erarbeiteten Gewinn fair zu teilen? In einer Welt finanzmarktgetriebener Unternehmensfinanzierung könnte durch Kapitalbesitz in Arbeitnehmerhand eine zusätzliche Barriere gegen Kurzfristorientierung und die überzogenen Renditeinteressen aktivistischer Investoren aufgebaut werden. Arbeitnehmer/-innen sind an langfristiger Unternehmensperspektive interessiert. Wenn sie nennenswerte Aktienanteile halten, dann könnten sie sich zusammentun und gemeinsam mit ihrer Mitbestimmung im Aufsichtsrat stärkeren Einfluss auf Unternehmensentscheidungen nehmen. Ein zusätzlicher Charme dieser Idee liegt darin, dass sie in den zunehmend global organisierten Unternehmen ihre Kolleginnen und Kollegen im Ausland einbeziehen können. Denn Mitbestimmung endet bekanntlich an der nationalen Grenze.

Wenn die beiden Stiefschwestern Mitbestimmung und Mitbesitz wüssten, was sie gemeinsam können, würden die Anhänger des liberalen Shareholder-Values nervös.
Norbert Kluge, Leiter der Abteilung Mitbestimmungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung

Dass eine solche Idee nicht utopisch ist, zeigt eine aktuelle Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung: Belegschaftsaktien haben in großen deutschen Unternehmen seit Jahrzehnten Tradition, wie bei Siemens, TUI oder Volkswagen. Doch nur in wenigen Fällen gelingt es, Stimmrechte über Belegschaftsaktionärsvereine wirksam zu bündeln. Hier liegt eine Machtressource brach. Norbert Kluge, Leiter der Abteilung Mitbestimmungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung, bringt es auf den Punkt: „Wenn die beiden Stiefschwestern Mitbestimmung und Mitbesitz wüssten, was sie gemeinsam können, würden die Anhänger des liberalen Shareholder-Values nervös.“ Es ist Zeit, aus der Chance eine Stärke zu machen.

Aufmacherfoto: picture alliance


WEITERE INFORMATIONEN

Christina Schildmann leitet die Forschungsstelle „Arbeit der Zukunft“ der Hans-Böckler-Stiftung.

Abschlussbericht der Kommission „Arbeit der Zukunft“: Arbeit transformieren! Denkanstöße der Kommission „Arbeit der Zukunft“ (PDF)

Thomas Stegner/Rainer Sieg/Norbert Kluge: Belegschaftsaktionäre in deutschen Großunternehmen. Herausforderungen und Chancen für die Mitbestimmung. Reihe Mitbestimmungsreport, Nr. 38. Düsseldorf 2017. Als PDF kostenlos hier herunterzuladen.


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