Kolumbien: Unser Mann in Medellin

Kolumbien: Unser Mann in Medellin

Portrait Daniel Hawkins leitet die Forschungsabteilung der größten gewerkschaftlichen Bildungseinrichtung in Kolumbien – der Escuela Nacional Sindical.

Wenn Daniel Hawkins vom Schreibtisch aus dem Fenster schaut, schweift sein Blick über ein Häusermeer, das sich in der Ferne die Hänge der Anden hinaufzieht. Hier, in Medellín, leitet er die Forschungsabteilung der Escuela Nacional Sindical (ENS), der wichtigsten gewerkschaftlichen Bildungseinrichtung des Landes. Zur ENS kommen Männer und Frauen, die Rechtsberatung suchen. Gewerkschafter lernen hier die Grundlagen des Arbeitsrechts oder wie man Verhandlungen führt. „Leiter der Forschungsabteilung, das klingt groß“, sagt Hawkins, ein Australier mit freundlichem, direktem Blick, blauen Augen und kurzen Haaren. Tatsächlich teilt er sich das Büro mit zwei Kollegen.

Daniel Hawkins teilt sich sein Büro mit zwei Kollegen. (Foto: Diana Zuleta)

Eine Forschungsabteilung ohne Forschungsmittel

„Wir haben nicht die Mittel, eigene Forschung zu betreiben“, sagt Hawkins. „Deshalb versorgen wir die Gewerkschaften mit Informationen über den Arbeitsmarkt und Daten zu Unternehmen und Branchen, etwa zum Kohle- und Ölsektor.“ Sein Spezialgebiet sind internationale Freihandelsabkommen. Um zu vermeiden, dass sie Sozialdumping befördern, wurden in den Verträgen bestimmte Arbeitsrechte festgeschrieben. „Wir überwachen deren Umsetzung“, sagt Hawkins. „Wir wollen den Gewerkschaften zeigen, wie sie die Instrumente und Klagemöglichkeiten nutzen können.“

Neben Laptop und Whiteboard ist der Ventilator ein wichtiges Arbeitsgerät für Hawkins. (Foto: Martin Kaluza)

In Kolumbien ist genau das passiert, was TTIP-Gegner in Europa befürchten: Mehrere Konzerne haben den Staat auf Schadenersatz verklagt, weil er dafür verantwortlich sei, dass diese nicht ihre erwarteten Gewinne erzielen können, darunter der spanische Energiekonzern Gas Natural Fenosa oder America Movil, das Mobilfunkunternehmen des mexikanischen Milliardärs Carlos Slim. Auch der Schweizer Konzern Glencore, der in Kolumbien den größten Steinkohletagebau Südamerikas betreibt, hat über seine Tochterfirma Prodeco den Staat auf Schadenersatz verklagt.

„Einen institutionalisierten Arbeitskampf wie in Deutschland gibt es in Kolumbien nicht“

Hawkins kam mit 25 aus Sydney nach Kolumbien, das ist jetzt 16 Jahre her. Als seine damalige Frau 2004 mit einem Stipendium nach Deutschland ging, bewarb er sich bei der Hans-Böckler-Stiftung, machte dank der Förderung in Kassel einen Master und promovierte schließlich an einem von der Stiftung mitfinanzierten Kolleg zu globaler Sozialpolitik. „Einen institutionalisierten Arbeitskampf wie in Deutschland gibt es in Kolumbien nicht“, sagt Hawkins.

Medellin war früher für sein Drogenkartell und die hohe Kriminalität bekannt. Jetzt soll die Stadt ein Ort des Friedens werden. (Foto: Martin Kaluza)

Die meisten Gewerkschaften des Landes sind sehr klein, eine neu gegründete Gewerkschaft afrokolumbianischer Hausangestellter etwa hat nicht einmal 300 Mitglieder. Branchentarifverträge gibt es nicht, die meisten Menschen haben nicht einmal einen Arbeitsvertrag.

Noch immer ist die Gewalt gegen Gewerkschafter eine tödliche Gefahr

„Ein großes Problem ist die Gewalt gegen Gewerkschafter“, sagt Hawkins. „Zwar ist die Zahl der Morde zurückgegangen. Doch die Drohungen gegen Gewerkschaftsführer und ihre Familien lassen nicht nach.“ Die ENS sieht sich als Teil des Friedensprozesses in Kolumbien. Präsident Santos bekam 2016 den Friedensnobelpreis zugesprochen, die Regierung unterschrieb einen Friedensvertrag mit den FARC-Rebellen.

Hawkins mit Besuchern: Wer hier zur ENS kommt, braucht oft Hilfe oder Information. (Foto: Diana Zuleta)

„Bislang war es in Kolumbien immer so, dass Proteste unterdrückt wurden“, sagt Hawkins. „Doch der Friedensprozess hat uns gezeigt, dass die Regierung sich nun auch auf Verhandlungen einlässt.“

Wie geht es mit Hawkins weiter? Seine Stelle wird von Jahr zu Jahr verlängert. Ein Teil der Projekte der ENS mit internationalen Partnern wie dem DGB läuft wegen des Friedensprozesses aus – und damit ein Teil der Finanzierung. „Mir war es immer wichtig, nicht nur Arbeit vor Ort zu leisten, sondern international zu forschen“, sagt Hawkins. „Mit dieser Erfahrung kann ich auch anderswo unterkommen.“

Aufmacherfoto: Diana Zuleta

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Interview 6 Minuten lesedauer