Konfliktträchtiger Arbeitsalltag

Konfliktträchtiger Arbeitsalltag

Rezension Es geht um Überlastung und Missachtung, um Abstieg und Prekarität – Arbeitskonflikte, die bis ins Privatleben reichen. In seiner ambitionierten Publikation widmet sich der Soziologe Mathias Heiden der Aufdeckung verdeckter Konflikte in der Arbeitswelt.

Kernthese dieses Buch ist ein grundlegender Wandel der Arbeitskonflikte seit den 1980er Jahren: Sie sind, so der Autor, individualisierter und alltäglicher geworden. Zwar haben Industriesoziologen, wie etwa Ralf Dahrendorf, schon früher den „verdeckten“ oder „umgeleiteten“ industriellen Konflikt analysiert, ihn nach Meinung Heidens aber eher als „Rest- oder Fortsetzungskonflikt der industriellen Beziehungen im Kleinen“ behandelt. Im Fordismus seien die Konflikte um Arbeit in der Regel kanalisiert, institutionalisiert und von „normierten Konfliktarenen absorbiert“ worden, während sich heute „die Streitgegenstände von Arbeitskonflikten immer weiter zurück in den Alltag zu verlagern“ scheinen.

Der Autor spricht von „überbordenden Konfliktpotenzialen“, deren häufiges Hintergrundmotiv der „Verschleiß von Arbeits- und Lebenskraft“ im Zuge von Rationalisierungsmaßnahmen und Flexibilitätsanforderungen sei. Die Konflikte manifestieren sich in Form von Kritik und Widersetzung. Kritik kann als Widerspruch, Protesthaltung, auch als persönlicher Streit in Arbeitszusammenhängen (etwa bei der Gruppenarbeit) auftreten. Widersetzung äußert sich in individueller Leistungszurückhaltung, in krankheitsbedingten Fehlzeiten, freilich auch – wie in einem der drei untersuchten Betriebe – in Initiativen zur Betriebsratsgründung.

Im Rahmen eines von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Forschungsprojekts an der Uni Kassel lieferten dem Autor leitfadengestützte Experteninterviews in drei Betrieben das empirische Material (Industrie-, Dienstleistungs-, Dachdeckerbetrieb). Befragt wurden 28 arbeitspolitische Akteure (Geschäfts- und Personalleiter, Betriebsräte und Gewerkschaftsvertreter sowie Verantwortliche des betrieblichen Gesundheitswesens) und 73 in der Produktion Beschäftigte. Gefragt wurden erstere zu  Belastungen, denen die  Beschäftigten ausgesetzt sind, sowie nach Initiativen, die deren Arbeits- und Lebenskraft erhalten sollen.

Die Gruppe der Beschäftigten wurde nach ihren spezifischen Belastungs- und Frustrationserfahrungen und ihrem Konflikthandeln gefragt. Doch davon gewinnen wir leider nur ein schemenhaftes Bild. Trotz des reichhaltigen empirischen Materials ist eine bedauernswerte Lücke zu beklagen: Die Konfliktformen werden zwar identifiziert und benannt, es fehlen jedoch anschauliche Schilderungen von konkreten Konfliktverläufen. Wenn es sich schon um „verborgene“ Konflikte handelt, dürfte uns das Narrativ einer anschaulichen Rekonstruktion der „massiven Alltagskonflikte“ nicht vorenthalten bleiben.

Die 390-seitige Studie besteht zur Hälfte aus theoretischen Erörterungen und zur anderen Hälfte aus der Auswertung der empirischen Untersuchung. Der „kopflastige“ theoretische Teil ist wohl darauf zurückzuführen, dass es sich bei der Publikation um eine Doktorarbeit handelt. Folgt ein Autor den universitären Anforderungen an eine solche Arbeit, geht dies häufig zulasten ihrer Lesbarkeit. Den Konflikt zwischen beiden Ansprüchen hat leider der Leser auszubaden.

Foto: Karsten Schöne

Nächster Artikel

Lisa Kosok, Professorin in der HafenCity

Portrait 3 Minuten lesedauer