LABOR.A - gelungener Wettstreit der guten Ideen

LABOR.A - gelungener Wettstreit der guten Ideen

Stiftung Die Mitbestimmung legt gute Grundlagen, um den digitalen Wandel gerecht zu gestalten. Trotzdem wird es dafür neue Arrangements, Rechtsverhältnisse und Institute brauchen – und viele neue Ideen. Das war ein Ergebnis der LABOR.A, zu der am 13. September knapp 600 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wissenschaft und Praxis nach Berlin kamen. Engagiert diskutierten sie auf Panels, in Workshops, Fishbowl-Diskussionen, auf einem Markt der Möglichkeiten und bei Ideenpitches die besten Konzepte für eine humane und mitbestimmte Arbeitswelt der Zukunft.

Das Café Moskau in Berlin glich am 13. September einem Bienenstock. Die erste „LABOR.A – Plattform Arbeit der Zukunft“ der Hans-Böckler-Stiftung ließ das Tagungshaus in allen Ecken und Enden vor Ideen „summen“:  Auf über 30 Einzelveranstaltungen, Sessions, Diskussionsrunden und Expertengesprächen ging es um die zentrale Frage, wie die sich rasant verändernde Arbeitswelt so gestaltet werden kann, dass alle von der Digitalisierung profitieren können.

Egal, wohin sich die knapp 600 Besucherinnen und Besucher an diesem Tag treiben ließen – diskutiert und präsentiert wurde eigentlich an jeder Ecke des Café Moskau etwas: Ob die Chancen für mehr demokratische Partizipation durch die neuen Technologien, das Revival der wissenschaftlichen Diskussion über die Humanisierung der Arbeitswelt angesichts des Einsatzes von künstlicher Intelligenz und Robotik, die neuen Aufgaben, denen sich Gewerkschaften und Betriebsräte stellen müssen – oder die unterschiedlichen Szenarien der Mitbestimmung in der Digitalisierung.

„Meet the Expert“ hieß es auf dem Markt der Möglichkeiten der LABOR.A. Dafür standen Fachleute der LABOR.A-Projektpartner und der Hans-Böckler-Stiftung zur Verfügung. (Foto: Stephan Pramme)

„Mit der LABOR.A wollten wir ausloten, wie sich die Anforderungen an Arbeit durch die Digitalisierung ändern, und wie wir Arbeit aufwerten können“, sagte Christina Schildmann, Leiterin der Forschungsstelle „Arbeit der Zukunft“ der HBS, die gemeinsam mit Lisa Schrepf mit der Organisation der Konferenz betraut war.  Die neue Plattform sollte Raum dafür geben, die Denkanstöße der Kommission „Arbeit der Zukunft“ der Hans-Böckler-Stiftung weiterzudenken, die im vergangenen Jahr präsentiert wurden. Mit ins Boot geholt hatte die Stiftung über 30 Kooperationspartner aus Universitäten, Thinktanks, Gewerkschaften, anderen Stiftungen und Verbänden.

„Der Wandel der Arbeitswelt erfordert neue Arrangements, Rechtsverhältnisse und Institute““, sagte Michael Guggemos, Geschäftsführer der Hans-Böckler-Stiftung, als er sich schon bei der Begrüßung am Morgen über ein mit Besuchern pickevolles Haus freuen konnte. Immer wichtiger würden in der aktuellen Entwicklung etwa Themen, wie das Bedürfnis der Beschäftigten nach mehr Arbeitszeitsouveränität. Der aktuelle Tarifabschluss der IG Metall in Baden-Württemberg sei grade in dieser Frage ein innovatives Beispiel, wie durch Gewerkschaften neue „Korridore der Möglichkeiten“ positiv genutzt werden können.

Lernen als inklusiver Teil der Arbeit

Um Beschäftigte für die Herausforderungen der Arbeitswelt der Zukunft stark zu machen, komme es auch auf passgenaue Bildung und Weiterbildung an, betonte Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall. In einer Podiumsdiskussion zu den Veränderungen, die durch Industrie 4.0 für die Personalpolitik anstehen, mahnte er an: „Lernen darf nicht eine Exklusivität derer sein, die sich ohnehin ständig über Neuerungen informieren müssen. Lernen muss ein inklusiver Teil von Arbeit sein.“ In den Betrieben wisse man noch zu wenig „über die realen Qualifikationen der Mitarbeiter jenseits der formalen Ausbildung“.  So sei es naturgemäß schwer, passgenaue Weiterbildung zu planen, so der IG-Metall-Vorsitzende.

„Hier kommt der Mitbestimmung und den Betriebsräten eine besondere Rolle zu, damit die Arbeitnehmer selbst bestimmen können, welche Daten von ihnen gesammelt werden“, ergänzte Julia Borggräfe, Mitglied der Stiftungskommission „Arbeit der Zukunft“ und  Leiterin der Abteilung Digitalisierung und Arbeitswelt im Bundesarbeitsministerium. Sie konstatierte einen deutlichen Wandel in der Arbeitsstruktur von Unternehmen. Es gehe immer weniger um Hierarchien, gefragt seien flexible Netzwerke und wechselnde Projektarbeit. „Agiles Arbeiten“ war hier das Stichwort – ein Begriff, der an diesem Tag auch in vielen anderen Diskussionen eine herausragende Rolle spielte.

Die LABOR.A setzte neben innovativen Themen auch auf neue Formate der Ideenvermittlung. Neben Sessions, Fishbowl-Diskussionen und Workshops, in denen das Publikum engagiert mitredete,  standen zwei „Ideenpitches“  auf dem Programm. Eine Reihe von Expertinnen und Experten stellte dabei im Fünf-Minuten-Takt ihre Konzepte vor, wie man Arbeit aufwerten könne, beziehungsweise wie sich Standards für eine Arbeitswelt im digitalen Wandel entwickeln ließen. Das Publikum wurde zur Jury und kreuzte auf Stimmzetteln ihren Favoriten an.

In Sessions, Fishbowl-Diskussionen und Ideenpitches beleuchteten die knapp 600 Teilnehmenden der LABOR.A, zentrale Fragen der Arbeitswelt der Zukunft – wie hier im Workshop „Demokratische Partizipation“. (Foto: Stephan Pramme)

Als beste Idee, um Arbeit aufzuwerten, kürte es den „Comparable Worth Index“ des Teams um Ute Klammer vom Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ). Die Forscherinnen haben ein Messinstrument entwickelt, mit dem Berufe konsequent geschlechtsneutral bewertet werden können. Damit belegen sie, dass nicht „der Markt“ die Bezahlung von Berufen festlegt, sondern Geschlechter-Klischees eine große Rolle spielen.

Im zweiten Ideenpitch ging es darum, Standards für die soziale Absicherung der wachsenden Zahl der Solo-Selbstständigen und Crowdworker zu entwickeln – formal sind sie Unternehmer, faktisch aber abhängig Beschäftigte ohne sozialen Schutz. Das Publikum befand dafür die „Digitale Soziale Sicherung“ (DSS) besonders geeignet, ein Konzept, das Enzo Weber vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vorstellte. Danach zahlen die digitalen Plattformen, die Crowdworker beschäftigten, einen festen Prozentsatz der Vergütung an Sozialversicherungsbeiträgen auf ein DSS-Konto ein. Die Beiträge werden an die jeweiligen nationalen Sozialversicherungen weitergereicht. Die unstete, superflexible Beschäftigungsform Crowdwork wäre so an die klassischen Sozialversicherungsversicherungssysteme angedockt.

Ungewöhnlich war auch der „Markt der Möglichkeiten“, auf dem sich immer wieder kleine Gruppen zusammenfanden: Hier präsentierten Expertinnen und Experten der LABOR.A-Partner ihre neuesten Forschungsergebnisse und stellten sich den Fragen der Besucher. Das Angebot „Meet the Expert“ war heiß begehrt. Fazit: Die Idee der LABOR.A, Praxis und Wissenschaft über die Fragen der Arbeit der Zukunft ins Gespräch zu bringen, ist gelungen. „Höchstwahrscheinlich“ werde eine weitere Auflage folgen, kündigte Geschäftsführer Guggemos an.

Aufmacherfoto: Stephan Pramme

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