Laboratorium für Dialogkultur

Laboratorium für Dialogkultur

Reportage Die Beschäftigten des Motorradherstellers Ducati, Teil des VW-Audi-Konzerns, proben mithilfe der IG Metall Mitbestimmung auf Italienisch – und haben damit Erfolg.

Wer in diese Fabrik eintritt, sieht rot. Eine Gruppe rotlackierter Motorradtanks steht nebeneinander aufgereiht auf einer Plastikplane. Auch die Arbeitsanzüge und Polohemden der Arbeiterinnen und Arbeiter leuchten knallrot. Die Farbe ist ein Markenzeichen von Ducati, ebenso wie der röhrende Motor. Doch in der Halle, wo die Motoren mit dem charakteristischen Sound montiert werden, geht es eher leise zu. Nur ein regelmäßiges Klopfen ist zu hören und ab und zu ein Zischen. Auf den eingezeichneten Wegen fahren kleine Roboterwagen mit Montagesätzen. In den Ecken stehen Blumentöpfe mit Palmen.

Vieles in Bologna entsteht immer noch in echter Handarbeit. (Foto: Gianfranco Gallucci)

In der Fabrik in Borgo Panigale, einem Vorort von Bologna, bauen die Mitarbeiter unter anderem die Motoren für die Modelle Monster, Scrambler, Hypermotard und XDiavel zusammen – immer noch in Handarbeit. Wer diesen Job macht, verdient besser als andere Metallarbeiter in Italien. Die Ducati-Beschäftigen erhalten 20 Prozent mehr als den tariflichen Durchschnittslohn, der bei etwa 1300 Euro liegt. Dazu kommen verschiedene Prämien.

Es geht um eine einzigartige Form der gewerkschaftlichen Zusammenarbeit in Europa.
Volker Telljohann, Sozialforscher beim gewerkschaftlichen IRES-Institut

Ducati ist aber nicht nur deshalb etwas Besonderes in der Branche: Das Unternehmen ist auch das Laboratorium für ein italienisches Modell der Mitbestimmung und für eine neue Dialogkultur, die es kaum in einem anderen Betrieb jenseits der Alpen gibt. Seit 2012 gehört das Unternehmen zum deutschen VW-Audi-Konzern. Wie für alle Beschäftigten der Konzerntöchter garantiert dessen Charta der Arbeitsbeziehungen von 2009 der Belegschaft Beteiligungsrechte. Diese werden nun vom Ducati-Betriebsrat nach und nach bei dem italienischen Management eingefordert. Unterstützung bekommen sie dabei vom Europäischen Betriebsrat des Konzerns, dem Audi Europa Ausschuss – und der IG Metall.

„Es geht um eine einzigartige Form der gewerkschaftlichen Zusammenarbeit in Europa“, erklärt Volker Telljohann, Koordinator des Projekts in Bologna. 2014 unterschrieb die IG Metall Wolfsburg ein Abkommen mit den italienischen Metallern der Federazione Impiegati Operai Metallurgici (FIOM) in der Region Emilia Romagna. Dieses formalisierte ein transnationales Gewerkschaftsprojekt, das die Arbeit der Eurobetriebsräte „von unten“ ergänzen soll. Im November verlängerten die Kooperationspartner das Abkommen anlässlich eines Kongresses der FIOM bis 2022. In der Praxis probierten sie die Zusammenarbeit bereits beim Aufbau von Beteiligungsstrukturen bei Lamborghini aus. Der Sportwagenhersteller gehört seit 1998 zur VW-Gruppe.

Ducati, gegründet 1926, wurde vor sechs Jahren von VW-Audi übernommen. Seitdem laufen die Geschäfte gut. Der Umsatz ist im Bilanzjahr 2017 um 30 Prozent auf 736 Millionen Euro gestiegen. Während es 2012 noch rund 1000 Beschäftigte gab, sind es heute knapp 1600, inklusive Rennstall.

„Früher gab es dauernd Konflikte mit dem italienischen Management“, erzählt Salvatore Carotenuto, Arbeitnehmervertreter der FIOM und seit 36 Jahren bei Ducati beschäftigt. Zuletzt krachte es im Jahr 2010 bei dem so genannten „Seifenstreik“, als die Arbeiterinnen und Arbeiter sich weigerten, auf zehn Minuten Pause zum Händewaschen zu verzichten, „um die Rennfahrer zu finanzieren“, wie es damals in einem Flugblatt der FIOM hieß. Die Streichung der Pause hatte der damalige italienische Chef im Alleingang entschieden. Die Belegschaft und ihre Gewerkschaften wurden weder befragt noch informiert. „Das waren und sind eigentlich Methoden des Fiat-Konzerns“, so Carotenuto.

Die Geschäfte von Ducati laufen gut, und auch die Beschäftigten verdienen besser als andere Metallarbeiter in Italien. (Foto: Gianfranco Gallucci)

Bei Ducati sind solche Management-Alleingänge heute gar nicht mehr möglich. Die neueren Betriebsabkommen legen fest, dass alle Entscheidungen, die Arbeitszeiten betreffen, mit der betrieblichen Gewerkschaftsvertretung Rappresentanza Sindacale Unitaria (RSU) verhandelt werden müssen. „Konflikte wie den Seifenstreik gibt es nicht mehr“, sagt Carotenuto, einer der drei Vorsitzenden des Betriebsrats.

Seine Gewerkschaft, die FIOM, hat sich für das neue Beteiligungskonzept ins Zeug gelegt – zum Teil auch gegen den Widerstand der anderen beiden Metallgewerkschaften. Er hat so bei den letzten Betriebsratswahlen die absolute Mehrheit errungen. Gemäß der VW-Charta wurden paritätisch besetzte Arbeitsgruppen, Kommissionen genannt, gegründet. Mithilfe dieses neuen Instruments sollen Arbeiter, Techniker, Angestellte und Manager gemeinsam die Produktivität, die Qualität der Arbeitsplätze und die Qualifizierung der Beschäftigten verbessern. Carotenuto vertritt die Belegschaft in der Kommission „Prämien“. Die Diskussion und Erstellung der Tabellen ist ein zeitaufwendiges und kompliziertes Geschäft. „Aber am Ende kommt etwas dabei heraus“, sagt er. Das Prämiensystem ist heute prozentual weniger leistungsgebunden und garantiert einen höheren Festbetrag.

„Die industriellen Beziehungen bei Ducati haben sich in den letzten Jahren vollständig geändert“, erklärt Bruno Papignani, Vorsitzender der FIOM Emilia Romagna. Dabei haben die Erfahrungen bei Lamborghini eine wichtige Rolle gespielt. Allerdings gehe es um völlig unterschiedliche Produktionen. Bei Lamborghini sei man auf der Ebene 4.0 angekommen, bei Ducati werden Motoren noch per Hand zusammengebaut. „Daraus ergeben sich unterschiedliche Beteiligungsmodelle, die sich zwar an der deutschen Mitbestimmung orientieren, aber nicht zwangsweise mit ihr übereinstimmen“, so Papignani. Das liegt auch an den unterschiedlichen Strukturen der industriellen Beziehungen. Denn während die Mitbestimmung in Deutschland gesetzlich verankert ist, muss sie in Italien bei betrieblichen Tarifverhandlungen durchgesetzt werden.

Die Arbeiter profitieren von einem Prämiensystem, welches heute prozentual weniger leistungsgebunden ist, dafür aber einen höheren Festbetrag garantiert. (Foto: Gianfranco Gallucci)

Vor allem Papignanis Gewerkschaft, die kämpferische FIOM, setzt sich für das Dialogmodell ein. Das wundert viele in Italien. Bei Fiat wurde die Gewerkschaft unter der Ägide des jüngst verstorbenen Konzernchefs Sergio Marchionne von den Tarifverhandlungen ausgeschlossen. Bei Ducati baut sie Mitbestimmung auf. Papignani erklärt den Unterschied der Unternehmenskulturen: Während der Fiat-Konzern und seine Töchter Maserati und Ferrari die Löhne niedrig halten, wird bei Lamborghini und Ducati die höhere Qualifizierung entlohnt. Die unterschiedlichen Taktzyklen, mit mehr oder weniger anspruchsvollen Arbeitsvorgängen, spiegeln dies wieder. Während ein Zyklus bei Fiat eine Minute dauert, sind es bei Lamborghini 75 bis 90 und bei Ducati immerhin noch 15 Minuten. Hier entscheiden die Beschäftigten jetzt mit, wie viel Arbeitsschritte ein Zyklus umfasst.

Doch Beteiligungsinstrumente allein genügen nicht. „Die Leute müssen auch mit Kompetenzen ausgestattet werden, um damit umgehen zu können“, erklärt Volker Telljohann. Der Deutsche ist ein wichtiger Vermittler zwischen den unterschiedlichen Gewerkschaftskulturen. Er arbeitet als Sozialforscher beim gewerkschaftlichen IRES-Institut. Von Bologna aus koordiniert er auch das Kooperationsprojekt zwischen FIOM und IG Metall. Dieses ermöglicht gemeinsame Seminare, Personalaustausch und auch die gegenseitige Beobachtung von Tarifverhandlungen (s. Kasten).

„Ohne das Kooperationsprojekt wären wir nie so weit gekommen“, bestätigt Bruna Rossetti. Wie Carotenuto ist sie eine der Vorsitzenden des Betriebsrats. Sie vertritt die FIOM als Angestellte und arbeitet seit über 30 Jahren bei Ducati. Einer der größten Erfolge ist für sie, dass der Betriebsrat eine Liste der Beschäftigen von Zulieferfirmen erstellen konnte, die auf dem Werksgelände beschäftigt sind. „Nur so haben wir eine Chance, an diese Leute heranzukommen“, sagt sie.

Bruna Rossetti, Vorsitzende des Betriebsrats, arbeitet seit über 30 Jahren bei Ducati. (Foto: Gianfranco Gallucci)

Denn ein erklärtes Ziel des Kooperationsprojekts, in dem sie sich seit Jahren engagiert, ist die Vertretung entlang der Zulieferkette. Die ersten Fortschritte sind in den Betriebsräumen sichtbar. Früher mussten sich die Kolleginnen und Kollegen mit Werkverträgen mittags in einen abgetrennten Raum setzen, jetzt können auch sie in der feinen Ducati-Kantine essen. Dort trifft man sich und redet miteinander.

Die Stärke von Bruna Rossetti ist die Aufbauarbeit. Das hat sie auch in Thailand bewiesen. Dort wird im einzigen Auslandswerk von Ducati für den asiatischen Markt produziert. Die italienische Betriebsrätin hat praktische Hilfe geleistet, um mit den dortigen Gewerkschaften eine Belegschaftsvertretung aufzubauen. Unterstützt wurde sie dabei vor Ort auch von Personalchef Luigi Torlai. „Als Italiener bewegen wir uns heute bei Ducati in einer neuen Unternehmenskultur“, erklärt er. Und er ist überzeugt, dass im Betrieb beide Seiten davon profitieren.

Es gäbe eine neue Unternehmenskultur bei Ducati, so der Personalchef Luigi Torlai. (Foto: Gianfranco Gallucci)

Eine der wichtigsten neuen Vereinbarungen betrifft die Leiharbeiter – die es bei Ducati heute faktisch nicht mehr gibt. Denn nach 18 Monaten werden alle vom Betrieb übernommen. Dies ist nicht nur für Italien eine sehr fortschrittliche Regelung. „Gerade bei Themen wie Leiharbeit und Werkverträge können Deutsche und Italiener voneinander lernen“, meint Stefan Lücking von der Abteilung Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung. Er begleitet das Kooperationsprojekt seit 2011. Die Stiftung organisiert jährlich Fachtagungen mit dem IRES Emilia Romagna zum Erfahrungsaustausch. Die Mitbestimmung „all´italiana“ bei Lamborghini und Ducati hält er für eine einmalige Chance. „Gewerkschaft und Betriebsräte haben nicht einfach die deutsche Mitbestimmung übernommen, sondern die italienischen Vertretungsstrukturen weiterentwickelt und echte Verbesserungen für die Beschäftigten erreicht“, so Lücking.

Gerade bei Themen wie Leiharbeit und Werkverträge können Deutsche und Italiener voneinander lernen.
Stefan Lücking, Abteilung Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung

Bei Ducati haben Bruna, Salvatore und die anderen derweil eine weitere wichtige Etappe genommen: Im Oktober ist der betriebliche Tarifvertrag nach langen Verhandlungen erneuert worden. Die Arbeitnehmervertreter der FIOM setzten weitgehende Forderungen durch, vor allem den Ausbau der Mitbestimmung durch die Einrichtung eines „Beratenden Ausschuss für Beteiligung“. Das ist ein absolutes Novum für ein italienisches Unternehmen. Und die ersten, die es in die Praxis umsetzen, ist die Belegschaft mit den roten Hemden.

Aufmacherfoto: Gianfranco Gallucci


WEITERE INFORMATIONEN

Deutsch-italienische Kooperation

Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt: Von dem Kooperationsabkommen zwischen der IG Metall Wolfsburg und der FIOM Emilia Romagna profitieren die Belegschaften auf beiden Seiten. Entscheidend sind dabei die regelmäßigen Seminare, aber auch die praktische Erfahrung, wie Tarif- und Betriebsverhandlungen im jeweils anderen Land funktionieren.

Im vergangenen Winter haben sich die Betriebsräte von Ducati, Lamborghini und Audi mit Vertretern des Audi-Europaausschusses zu einem Seminar über Arbeits- und Gesundheitsschutz in Borgo Panigale getroffen. Die Deutschen stellten ihre Betriebsvereinbarung vor, die Italiener griffen diese in Teilen auf. Und die Gäste aus Deutschland konnten das komplizierte, italienische System kennenlernen. Erstmals wurde eine solche Veranstaltung von der Ducati-Geschäftsleitung finanziert.

Die Kooperation hat sich aber nicht nur intensiviert, sondern auch neue Fans gefunden – in Bayern. Im Frühjahr 2018 reisten die italienischen Betriebsräte und Gewerkschaftsvertreter zu einem Seminar nach Ingolstadt ins Audi-Hauptwerk. Das Thema waren Tarifverträge in multinationalen Konzernen. Johann Horn, erster Bevollmächtigter der IG Metall Ingolstadt, war dabei. Sein Fazit: „Es geht um eine neue Qualität von grenzüberschreitender Kooperation in Europa. Wenn sich zwei so starke Gewerkschaften zusammentun, kann etwas völlig Neues entstehen.“


Nächster Artikel

"Wir brauchen ein größeres Verständnis von digitalen Geschäftsmodellen"

Interview 5 Minuten lesedauer