Lautloses Heer der Domestic Workers

Lautloses Heer der Domestic Workers

Thema Sie hüten Kinder und pflegen alte Menschen. Weltweit kämpfen die Domestic Workers um ihre Anerkennung als Lohnarbeiterinnen. Zunehmend vernetzen sich die NGOs der Unterstützerinnen, wie bei einem Treffen in Venedig.

Die Hausangestellte Myrtle Witbooi konnte lesen und schreiben. Das besiegelte ihr Schicksal. Denn eines Tages las sie in der Zeitung, dass manche weiße Hausherren ihren “Dienstmädchen” das Recht verweigerten, Besuch von Freunden und Verwandten zu empfangen. Sie ärgerte sich so sehr, dass sie einen Protestbrief an die Zeitung schrieb. “Warum sind wir anders? Warum gibt es keine Gesetze, die uns schützen?”, fragte sie und brach damit eine Lawine los, mit der sie nie gerechnet hätte. Es war das Jahr 1967, in Südafrika herrschte die Apartheid.

Myrtle Witbooi ist Vorstreiterin der globalen Bewegung der “domestic workers”. (Foto: Michaela Namuth)

Ein Zeitungsreporter war so beeindruckt von Myrtles Brief, dass er sie persönlich aufsuchte. Er überzeugte sie davon, ein Treffen mit anderen Hausangestellten zu organisieren und setzte einen Aufruf in die Zeitung. Es kamen 250, vor allem Frauen, und Myrtle Witbooi hielt eine Rede, die der Reporter für sie geschrieben hatte. “Ich entdeckte das Talent, vor anderen und für andere zu sprechen”, erzählt sie heute. Nach dem Fall des Apartheid-Regimes war das Arbeitsrecht für Hausangestellte das erste von der neuen Regierung verabschiedete Gesetz.

Die Südafrikanerin Myrtle Witbooi ist Vorstreiterin einer Bewegung, die in den vergangenen Jahren immer mehr Kraft gewonnen hat: die globale Bewegung der “domestic workers”. Auf Deutsch: Haushaltsarbeiter. Oder korrekter: Haushaltsarbeiterinnen – denn die überwältigende Mehrheit sind Frauen. Sie fordern Anerkennung als Beschäftigte. Ihre Themen sind Migration, Frauenarbeit, prekäre Beschäftigungs- und Lebensbedingungen und das Arbeitsrecht, das für sie nicht existiert.

Gig-Arbeiterinnen der ersten Stunde

Die Hausarbeiterinnen stehen im Zentrum der globalen Transformation, die derzeit unsere Arbeitswelt umkrempelt. Je mehr sich der Sozialstaat zurückzieht, desto dringender wird jemand gebraucht, der sich um Kinder, Kranke und Alte kümmert. Die Hausangestellten sind die Gig-Arbeiterinnen der ersten Stunde. Sie waren schon da, bevor es digitale Job-Plattformen gab, und sie kämpfen schon lang dagegen an, rechtlos und unsichtbar zu sein. Jetzt verbuchen sie erste Erfolge.

Es ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dass Hausangestellte nicht organisierbar seien.
Sabrina Marchetti, Koordinatorin des europäischen Forschungsprogramms DomEqual

2011 erhielt die Bewegung Auftrieb durch das Übereinkommen 189 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), das Hausangestellte als reguläre Lohnarbeiterinnen anerkennt. Einige von ihnen saßen mit am Verhandlungstisch. Ein Jahr später schlossen sie sich in der International Domestic Workers Federation (IDWF) zusammen, die heute über 500 000 Mitglieder in 50 Ländern zählt. Die meisten von ihnen sind in Vereinigungen, Genossenschaften und Gewerkschaften organisiert. Ihre Präsidentin ist Myrtle Witbooi.

“Es ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dass Hausangestellte nicht organisierbar seien”, erklärt Sabrina Marchetti, die das europäische Forschungsprogramm DomEqual koordiniert. Sie ist Soziologie-Professorin an der Ca‘ Foscari Universität in Venedig und hält von dort aus Kontakt mit Organisationen aus 20 Ländern. Im Rahmen des Programms organisieren sie und ihr Team auch Treffen, die den Frauen ein Forum bieten.

Das letzte fand im Juni in Venedig statt. In den Uni-Räumen direkt über dem Canal Grande diskutierten Hausarbeiterinnen, Aktivistinnen und Forscherinnen zwei Tage lang ihre Erfahrungen. Nur selten bietet sich Gelegenheit, diese Frauen aus aller Welt zu treffen. Sie hatten anderthalb Tage Zeit, um über ihren Alltag und ihre Arbeit zu sprechen und wie sie sich künftig gemeinsam organisieren wollen – während von draußen die Stimmen der Gondoliers und Reisegruppen in den Saal drangen.

Das Leben vieler Hausangestellter ist bis heute eine Hölle – in den Villen der Steinreichen von Monte Carlo bis Mexiko, aber auch in tristen deutschen Seniorenwohnungen, wo sie oft rund um die Uhr und für wenig Geld Pflegedienste leisten. Sie sind unsichtbare Hausgeister. Sie putzen, kochen und ziehen die Kinder anderer groß. Oder pflegen fremde Eltern, während ihre eigene Familie oft tausende von Kilometern entfernt lebt.

Nach ILO-Schätzungen verdienen über 67 Millionen Menschen weltweit ihr Leben als Hausangestellte. Ihre Zahl ist in den letzten 20 Jahren enorm gestiegen. Sie stellen heute zwei Prozent aller Beschäftigten dar, eine von 25 arbeitenden Frauen ist eine Hausangestellte. 11,5 Millionen von ihnen sind Migranten. In ihren Biographien geht es um das Alltagsleben ohne gültige Papiere und ohne Rechte, um die Isolation in einer Wohnung, um die Angst vor kostspieligen Arztbesuchen, um Vergewaltigung, Diskriminierung, Schuldenerpressung und die Trennung von den eigenen Kindern.

Biografie einer Filipina, die in London arbeitet

Für die Filipina Marissa Begonia war dies das Schlimmste in ihrem Leben. Als sie ihr Land verließ, ließ sie drei kleine Kinder zurück. „Ich wollte Geld verdienen, denn ich konnte es nicht mehr ertragen, dass sie Hunger hatten“, sagt sie. Sie verdingte sich als Hausangestellte in Hong Kong und Singapur und landete schließlich in London als eine der vielen hunderttausend sogenannten Overseas Filipino Workers. Sie wurde mehrmals Opfer von sexuellen Übergriffen in den Haushalten, in denen sie arbeitete.

Die Philippinin Marissa Begonia arbeitete in Hong Kong und Singapur, bevor sie in London eine Selbsthilfegruppe gründete. (Foto: Michaela Namuth)

Heute trägt sie selbstbewusst ein T-Shirt mit der Aufschrift „Justice for Domestic Workers“. Das ist der Name der Organisation, die sie vertritt. Sie erzählt, wie sie sich am eigenen Schopf aus der Misere herausgezogen hat. Der erste Schritt war die Gründung einer Selbsthilfegruppe vor zehn Jahren. „Wir waren damals zu acht“, erinnert sie sich. Heute hat die Vereinigung, kurz J4DW genannt, über 1000 eingeschriebene Mitglieder.

Marissa Begonia und die anderen organisieren an den Wochenenden Sprach- und Computerkurse und ärztliche und rechtliche Betreuung für ihre Kolleginnen. Sie können dafür die Räumlichkeiten der britischen Dienstleistungsgewerkschaft UNITE nutzen, wo viele von ihnen Mitglieder sind. Außerdem vertreten sie ihre Organisation bei internationalen Treffen wie der ILO-Arbeitskonferenz.

Ihre inzwischen erwachsenen Kinder hat Marissa Begonia nach London geholt. Aber sie muss sich immer noch als Hausangestellte verdingen. Zurzeit betreut sie wieder drei kleine Kinder. Die Arbeitszeiten kollidieren dauernd mit ihrem Engagement, obwohl dieses auch von ihren Arbeitgebern unterstützt wird. Marissa ist oft müde, aber sie will weitermachen. „Es ist jedes Mal ein Glücksgefühl, wenn wir jemanden aus einer verzweifelten und illegalen Situation befreien können“, sagt sie.

Marissa und die anderen werden bei ihrer Basisarbeit von den Forscherinnen, die meist auch Aktivistinnen der Bewegung sind, unterstützt. DomEqual und andere Projekte sind Teil eines Forschungsnetzes für die Rechte der Hausarbeiterinnen, kurz RN-DWR. Im Rahmen dieser Initiative entstand, unter Leitung der deutschen Forscherin und Uni-Professorin Helen Schwenken, ein Handbuch, das erklärt, wie man Interviews führt, um Informationen zu sammeln und Kontakte zu knüpfen. Durch ihre Erzählungen sollen die Frauen „Protagonisten ihrer eigenen Geschichten“ werden, so auch der Titel der Broschüre.

Denn eine Geschichte haben sie alle zu erzählen. Die Amerikanerin Ai-jen Poo kennt hunderte davon. Seit sie vor 20 Jahren das College verlassen hat, ist sie Aktivistin für die Sache der Hausarbeiterinnen. „Mich hat damals das lautlose Heer der farbigen Frauen beeindruckt, die Kinder durch Manhattan schoben, die offensichtlich nicht ihre eigenen waren“, erzählt sie.

Trotz Angst vor Repressalien entstand eine Gemeinschaft

Durch Treffen in kleinen Gruppen, an denen – trotz überlanger Arbeitszeiten und Angst vor Repressalien – immer mehr Frauen teilnahmen, entstand eine Gemeinschaft. 2007 gelang es diesen Gruppen, sich zu der National Domestic Workers Alliance zusammenzuschließen.

Die Amerikanerin und Aktivistin Ai-jen Poo ist überzeugt davon, dass von ihren Kämpfen viele profitieren werden. (Foto: Michaela Namuth)

Für Ai-jen Poo ist dies ein enormer Sieg. „Wir sind die einzigen in den USA, die arme weibliche Arbeiter organisieren“, erklärt sie. Poo ist überzeugt, dass von ihren Kämpfen und Errungenschaften alle profitieren werden, die sich künftig in der neuen prekären Arbeitswelt wiederfinden. „Es geht um uns, aber auch um die Zukunft der Arbeit“, sagt sie.

Das sehen die ILO und andere Arbeitsorganisationen inzwischen auch so. Für die italienischen Gewerkschaften ist Hausarbeit seit den Gründerjahren ein Thema. Sie schlossen bereits 1974 den ersten Tarifvertrag für Haushaltshilfen ab. In der christlichen Arbeitervereinigung ACLI gibt es seit den Nachkriegsjahren eine Gruppe für Haushaltshilfen. Diese ist heute auch im Netzwerk DomEqual aktiv.

Die „domestica“ ist vor allem bei den wohlhabenden Familien des Südens, aber auch in den Stadtvillen des Nordens bis heute ein verbreitetes Phänomen. Seit einigen Jahren nimmt – wie in anderen europäischen Ländern – die private Alterspflege durch Migrantinnen drastisch zu. Doch wird in den Privathaushalten vor allem schwarz gearbeitet und die Tarifpolitik verliert als Schutzinstrument an Bedeutung. Um die Schwarzarbeit ans Licht zu bringen, schlagen die italienischen Gewerkschaften jetzt die komplette Erstattung der Sozialversicherungsbeiträge für die Privathaushalte vor.

DGB: Privathaushalt aus der Schwarzarbeit holen

Derselbe Vorschlag findet sich auch in dem DGB-Positionspapier „Arbeitsplatz Privathaushalt“. Auch in Deutschland liegt der Anteil der Schwarzarbeit bei geschätzten 80 bis 90 Prozent. Das Thema Privathaushalt ist brisant.

„In diesem Bereich verändert sich der Arbeitsmarkt derzeit rasend. Es gibt auch immer neue Formen von Scheinselbstständigkeit“, erklärt Margret Steffen, Expertin für Gesundheitspolitik bei ver.di. Sie hat in dem Positionspapier den Teil über die Pflegekräfte geschrieben, deren Präsenz in deutschen Haushalten seit Jahren steil ansteigt.

Die Gewerkschaften sollten ausgetretene Pfade verlassen und neue Allianzen eingehen.
Karin Pape, Vertreterin des internationalen Frauennetzwerkes WIEGO und Europa-Koordinatorin des internationalen Hausarbeiterinnen-Bundes

Allerdings hat weder ihre noch eine andere deutsche Gewerkschaft bislang nennenswert Hausangestellte organisiert. Zwar existiert ein Tarifvertrag der NGG mit dem Netzwerk Haushalt. Doch insgesamt scheint das Thema in Deutschland – wo man darauf pocht, dass es für eine Gewerkschaft auch einen Betrieb zum „andocken“ geben muss – kontroverser zu sein als anderswo.

„Die Gewerkschaften sollten ausgetretene Pfade verlassen und neue Allianzen eingehen“, sagt Karin Pape, die ebenfalls an dem DGB-Papier mitgearbeitet hat. Sie ist Vertreterin des internationalen Frauennetzwerkes WIEGO und Europa-Koordinatorin des internationalen Hausarbeiterinnen-Bundes, dem Myrtle Witbooi vorsitzt. Als Beispiel für ein innovatives und erfolgreiches Bündnis nennt sie das ILO-Übereinkommen zum Schutz von Hausangestellten, das von einem breiten Bündnis aus Gewerkschaften, NGOs, Regierungsvertretern, der ILO, sogar Arbeitgebern und nicht zuletzt von organisierten Hausangestellten selbst durchgesetzt wurde.

Karin Pape, die sich seit vielen Jahren mit prekärer Frauenarbeit beschäftigt, plädiert für eine globale Strategie. Die meisten der Frauen überschreiten mehrere Grenzen und ihre Probleme ähneln sich in allen Ländern. Pape schlägt vor, dass sich die Gewerkschaften dort einklinken, wo sie direkten Kontakt zu den Hausangestellten bekommen. Sie könnten beispielsweise Versammlungsräume und Beratungsdienste zur Verfügung stellen – wie es die britische UNITE, aber auch der DGB mit dem Beratungsprogramm „Faire Mobilität“ für osteuropäische Beschäftigte praktizieren.

„Wichtig ist eine Vernetzung all derer, die bereits Erfahrungen in der Organisierung dieser ‚Unorganisierbaren‘ gemacht haben“, sagt Pape. Initiativen wie DomEqual öffnen dabei viele Türen – vielleicht auch zu den bislang verschlossenen Privathaushalten.

Aufmacherfoto: Lebanon – women entrepreneurs, workers and small business owners von UN Women/Joe Saade unter CC BY-NC-ND 2.0

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