Macht uns der Betrieb zu Rechtspopulisten?

Macht uns der Betrieb zu Rechtspopulisten?

Rezension Ein Buch aus dem VSA-Verlag sucht die Gründe für den Erfolg AfD in der Arbeitswelt. Den Autoren ist klar, dass es noch andere Faktoren gibt. Doch sie machen auch eine Personalpolitik  verantwortlich, die die Menschen in dauernder Unsicherheit hält.

Woher beziehen Rechtspopulisten, allen voran die AfD, ihren Erfolg in den Betrieben? Gibt es auch Faktoren, die in den Unternehmen selbst liegen, einen „arbeitsweltlichen Nährboden“? Um dieser Frage nachzugehen, haben die Autoren mehr als 100 Interviews mit Betriebsräten, Vertrauensleuten und Gewerkschaftssekretären geführt.

Die Interviewpartner geben auch Kantinengespräche und auf Betriebsversammlungen nicht gehaltene Reden unzufriedener oder aufgehetzter Belegschaftsmitglieder wieder. Das ist schon für sich lesenswert. Doch Autoren des Buches, darunter der Sozialwissenschaftler Dieter Sauer, legen auch zwei Schlussfolgerungen nahe, die die Rechtspopulisten stoppen könnten.

Erstens verlangen sie, die Unternehmen müssten ihre Personalpolitik der permanenten Bewährung ändern und den Menschen mehr Sicherheit bieten, um die Affinität eines Teils der Arbeitnehmer zur AfD nicht weiter zu verfestigen. Dem ist uneingeschränkt zuzustimmen. Wer ständig in Angst um seinen von Outsourcing und Automatisierung bedrohten Job gehalten, wem eine Festanstellung als eine Karotte vorgehängt, wer mit dem abverlangten Leistungspensum permanent überfordert wird, der entwickelt Resignation und Wut.

Der AfD gelingt es, Existenzangst in Wut gegen Flüchtlinge, den Islam und die etablierten Parteien umzumünzen. Dieser Aufhetzung könnte eine angstfreie Arbeitswelt entgegenwirken. Exportorientierte Unternehmen müssten ein vitales Interesse haben, dass ein drohender Protektionismus nicht durch einen erstarkenden Nationalismus verschärft wird.

Darüber hinaus empfehlen die Autoren, die Gewerkschaften sollten ihre auf Kooperation und Co-Management angelegte Betriebspolitik zugunsten eines konfliktorientierten Kurses gegenüber den Unternehmen ändern. Die zweite Schlussfolgerung leuchtet nur eingeschränkt ein.  Die Autoren schreiben zu Recht, die Falschmünzer der neuen Rechten setzen erfolgreich auf ein ethnisch aufgeladenes Wir-gegen-die-anderen statt auf ein Unten-gegen-oben.  Aber muss man darum dem Konflikt per se den Vorzug gegenüber Kooperation geben?

Rechtspopulisten haben bei den Betriebsratswahlen weitgehend vergeblich versucht, Gewerkschaftslisten den „Funktionseliten“ und dem „Establishment“ ( so die Zitate ) zuzuschlagen. Warum ging diese Rechnung nicht auf? Weil die Beschäftigten ein feines Gespür für die Notwendigkeit beider Strategien haben – der Konflikt- und der Kooperationsstrategie. Die Zustimmung zu dieser differenzierten Betriebspolitik ist groß. Die letzte Beschäftigtenbefragung der IG Metall hat dies deutlich gezeigt.

Von dieser Doppelstrategie Abschied zu nehmen, ist den Gewerkschaften nicht zu raten. Ihre Haupt- und Ehrenamtlichen sollten diese Studie dennoch lesen. Denn will man Pegida, AfD und Co etwas entgegenhalten, ist es geboten, deren Demagogie genau zu studieren und sich dem heilsamen Schock der Realität auszusetzen.

Foto: Karsten Schöne


Dieter Sauer u.a.: Rechtspopulismus und Gewerkschaften, VSA-Verlag Hamburg, 216 Seiten, 14,80 Euro


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