Martin Krzywdzinski: „Bei den Wearables geht es noch ums Ausprobieren“

Martin Krzywdzinski: „Bei den Wearables geht es noch ums Ausprobieren“

Stiftung Wie weit sind Smart Watches, vernetzte Textilien oder Datenbrillen schon Teil der Arbeitswelt – und was kommt da noch auf uns zu? Der Arbeitssoziologe Martin Krzywdzinski erforscht das Wearable Computing in einem von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Projekt und spricht über effiziente Anwendungen, hohen Regelungsbedarf und banale Fallstricke der neuen Technik.

Welche Wearables sind in den Betrieben schon häufig in Gebrauch und in welchen Branchen? Gibt es erkennbare Trends?

Die Datenbrille ist sicherlich am weitesten verbreitet. Andere häufige Anwendung sind Handscanner – also Handschuhe, die mit Scannern ausgestattet sind – und Smart-Watches. Besonders häufig gibt es diese Anwendungen in der Logistik.

Ein Mitarbeiter von BMW in Dingolfing nutzt einen Handscanner. (Foto: ProGlove)

Wieso gerade dort?

Die Logistik ist stark durchrationalisiert und man findet kaum mehr Papierlisten. Die Beschäftigten nutzen für die Kommissionierungsprozesse bereits Handhelds, also robuste, mobile Minicomputer. Jetzt erprobt man auch Datenbrillen, weil die Menschen so die Hände freihaben. Das ist praktischer. Die Leute müssen kein Tablet, kein Handgerät halten und können freier arbeiten. Wobei der grundsätzliche Prozess sonst weitgehend gleich bleibt.


ZUR PERSON

Der habilitierte Arbeitssoziologe Martin Krzywdzinski ist seit 2017 Principal Investigator im Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft. Im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) befasst er sich in unterschiedlichen wissenschaftlichen Zusammenhängen mit der Gestaltung der Arbeitswelt der Zukunft – unter anderem seit 2012 als Leiter der Forschungsgruppe „Globalisierung, Arbeit und Produktion“ und als Themenbereichsleiter des gemeinsamen Promotionskolleg „Gute Arbeit“ von WZB und Hans-Böckler-Stiftung, das Gestaltungsansätze für die Arbeitswelt von morgen entwickelt. Seit 2016 leitet Krzywdzinski auch das von der HBS geförderte Projekt „Wearable Computing in der Fertigung und Logistik“.



Wie schnell geht diese Entwicklung insgesamt voran – erleben wir eine Revolution der Wearables in den Unternehmen?

Nein. Es ist noch keine in der Breite etablierte Technologie. Viele dieser Projekte sind im Pilotstadium. Etliche werden zurückgestellt, weil sich herausstellt, dass die Ergonomie nicht gut ist und sich in der praktischen Anwendung etwa zeigt, dass die Brillen das Sichtfeld einschränken oder zu schwer sind. Solche ganz banalen Fragen verhindern in erheblichem Maße eine stärkere Verbreitung dieser Technologie. Außerdem sind noch nicht überall die Effizienzgewinne groß genug, damit sich die Investition in die Technik am Ende lohnt und man das wirklich ausrollen will.

Martin Krzywdzinski ist der Meinung, dass Wearables noch keine etablierte Technologie seien. (Foto: Anna Weise)

Wie stark verändert diese Technik die Prozesse eines Betriebes?

Wir beobachten bislang wenig – wie soll man das nennen? – Kreativität, wie man die Technik nutzen könnte, um ganz neue Formen der Organisation von Arbeit zu ermöglichen. Es geht noch sehr stark ums Ausprobieren und darum, zu gucken, wie man die Technologien zum Laufen bringt und sie in die bereits vorhandenen Prozesse einfügt.

Es ist nötig, zu prüfen, ob die Geräte den Beschäftigten im Arbeitsprozess nutzen und ob sie sie wollen.

Wovon hängt es ab, dass die Einführung von Wearables im Betrieb arbeitnehmerfreundlich gelingt?

Da gibt es verschiedene Ebenen. Die eine ist technisch: Gelingt eine Lösung, die ergonomisch für die Mitarbeiter passt, sicher ist und zuverlässig funktioniert? Das Zweite ist die frühzeitige Einbindung der Mitarbeiter und des Betriebsrats. Es ist nötig, zu prüfen, ob die Geräte den Beschäftigten im Arbeitsprozess nutzen und ob sie sie wollen. Wichtig sind auch Betriebsvereinbarungen zur Anwendung. Und, dass der Betriebsrat in das Monitoring des ganzen Prozesses eingebunden ist.

Worauf sollten Betriebsräte besonders achten?

Darauf, dass die arbeitsergonomischen Standards eingehalten werden und der Arbeitgeber die Wearables nicht zur Verhaltenskontrolle nutzt. So praktisch diese Geräte sind, es gibt eine große Gefahr: nämlich, dass über Kamera- und Tonaufnahmen, Lokalisierung über GPS Verhaltens- und Bewegungsprofile von Beschäftigten erstellt werden könnten. Da, wo es starke, aktive Betriebsräte gibt, achtet man darauf und schließt Betriebsvereinbarungen, die die Möglichkeiten der Datennutzung und -erhebung definieren und eingrenzen. Auch die Gefährdungsbeurteilung und die ergonomische Beurteilung dieser Geräte sind immer ganz klare Tools, mit denen die Betriebsräte ins Boot kommen: Was bedeutet die Nutzung solcher Technologien aus Arbeitsschutzperspektive? Können die Leute zum Beispiel eine Datenbrille tragen? Den ganzen Tag? Wie ist das Sichtfeld? Welche Auswirkungen gibt es vielleicht auf andere Mitarbeiter?

Martin Krzywdzinski warnt davor, dass über Kamera- und Tonaufnahmen oder die Lokalisierung über GPS, Verhaltens- und Bewegungsprofile von Beschäftigten erstellt werden könnten. (Foto: Anna Weise)

Wo steht Deutschland in der Entwicklung dieser Technik im internationalen Vergleich?

Wir haben mit einigen Technikentwicklern im Ausland gesprochen. Da ist man technisch nicht weiter als hier. Ganz im Gegenteil: Das Thema wird in Deutschland so gehypt, dass hier unter Umständen mehr passiert als anderswo. Für amerikanische Entwickler scheinen allerdings die aktuellen Anwendungen der Wearables nur ein kleiner Schritt und gar nicht so interessant zu sein. Denn auf diesen Anwendungen werden den Beschäftigten Informationen zugespielt, die man ihnen auch – etwas komplizierter – auf andere Weise zuführen könnte. Die US-Entwickler hoffen darauf, dass man die Wearables bald zur mobilen Datenerfassung nutzt und so ein dichtes Bild des gesamten Arbeitsprozesses bekommt: Wie bewegen sich Leute, was müssen sie tun und was tun sie wirklich? Dann könnte man bestimmte Prozesse auch leichter automatisieren und mit den gewonnen Daten zukünftige Roboter anlernen, die vielleicht Montagevorgänge durchführen. Das ist aber noch ein fernes Szenario…

…das auch bei uns möglich ist?

Wir haben in unseren Forschungen so etwas nicht gesehen. Das war die Perspektive der Kollegen aus dem Silicon Valley, die eher nicht auf kurzfristige kleine Anwendungen gucken, sondern auf die „groundbreaking technology“ aus sind.

Trotzdem ist doch auch hierzulande nicht auszuschließen, dass man einmal alles messen wird, was man messen kann…

Diese Gefahr ist tatsächlich da. Diese Geräte eröffnen die Möglichkeit, viele Daten über die Bewegung und das Verhalten der Beschäftigten zu erfassen. In unseren Interviews diskutierten das Entwickler kontrovers: „Welche Sensoren sollen wir denn einbauen? Solche für Körpertemperatur oder Puls? Sind das relevante Informationen? Ja oder nein?“ Auf der einen Seite steht das Versprechen, physischen Stress oder Belastung erkennen zu können. So könnte man schnell reagieren, wenn man sieht, dass es einer Person bei der Arbeit nicht gut geht. Manche Projekte versuchen auch, eine Verteilung von Aufgaben je nach Fitnesszustand der Person zu realisieren. Aber die Gefahr besteht eben in der Überwachung der Beschäftigten.

Umso wichtiger scheint eine gute Reglementierung.

Ja. Eine Erfassung solcher Daten wurde in den Fällen, die wir uns angeschaut haben, durch entsprechende Betriebsvereinbarung ausgeschlossen. Wir wissen aber noch zu wenig, was in Betrieben ohne Betriebsräte passiert, weil wir in unserer Forschung hauptsächlich Unternehmen mit aktiver Mitbestimmung im Blick haben.

Die „Arbeit der Zukunft“ ist Ihr wissenschaftlicher Schwerpunkt. Sie moderieren dazu auch eine Session auf der LABOR.A, einer neuen Plattform der HBS, die am 13. September in Berlin stattfindet. Welche Erwartungen haben Sie an das neue Veranstaltungsformat, das Wissenschaft und Praxis zusammenbringen wird?

Ich bin ganz gespannt, was da für eine Dynamik entsteht und wie man gemeinsam auf dem Markt der Möglichkeiten, auf den Sessions und in den Diskussionsrunden ins Gespräch kommt. Ich denke, es gibt eine Diskussion, die auf die Generierung von Ideen, von Handlungsansätzen ausgerichtet ist und weder rein akademisch noch rein auf die Realisierung ganz praktischer Projekte gemünzt ist. Ich freue mich darauf.

Aufmacherfoto: Anna Weise


WEITERE INFORMATIONEN

LABOR.A 2018: Treffpunkt für alle, die die Arbeitswelt von morgen gestalten wollen

Am 13. September veranstaltet die Hans-Böckler-Stiftung die LABOR.A 2018 – Plattform zur Arbeit der Zukunft im Café Moskau in Berlin. Knapp 30 externe Programmpartner beteiligen sich mit ihren Angeboten daran – darunter auch das Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft, für das Martin Krzywdzinski die Session „Autonome Technik und handlungsfähige Mitarbeiter? Ansätze zur Qualifizierung und Weiterbildung“ moderieren wird.

Die LABOR.A will da weiterdenken, wo die Kommission „Arbeit der Zukunft“ erste Wegweiser gegeben hat. Sie bietet eine Plattform, um Forschung und Praxis zusammenzubringen. Alle Informationen und das komplette Programm.

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Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft

Promotionskolleg „Gute Arbeit“

Forschungsgruppe „Globalisierung, Arbeit und Produktion“

Projekt „Wearable Computing in der Fertigung und Logistik“


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