Mehr Gleichheit wagen!

Mehr Gleichheit wagen!

Rezension Die Vermögensungleichheit ist in keinem Land der Eurozone größer als in Deutschland. Warum dies ein Problem ist und was dagegen unternommen werden kann, beleuchten die Beiträge des von Jochen Dahm, Thomas Hartmann und Max Ostermayer herausgegebenen Sammelbandes „Gleichheit!“.

Die Herausgeber, allesamt Referenten der Friedrich-Ebert-Stiftung, legen mit ihrer Veröffentlichung eine Art Lesebuch zum Thema Ungleichheit in all seinen Facetten vor: Neben der Einkommens- und Vermögensverteilung geht es auch um ungleich verteilte Bildungschancen und die deutlich niedrigere Wahlbeteiligung materiell Unterprivilegierter. Dabei wird nicht in moralisierender Weise Klage geführt, sondern werden Fakten ins Feld geführt, die ein höheres Maß an Gleichheit als ein Gebot der ökonomischen und gesellschaftlichen Vernunft erscheinen lassen.

So weist Ferdinand Fichtner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin in seinem Beitrag darauf hin, dass die Tendenz zu einer größeren  Einkommensungleichheit Deutschland ein geringeres Wirtschaftswachstum beschert hat. „Das Wachstum“, schreibt Fichtner, „wäre seit der Wiedervereinigung kumuliert um rund zwei Prozentpunkte höher gewesen, wenn die Einkommensungleichheit konstant geblieben wäre.“ In diesem Fall hätte das Bruttoinlandsprodukt 2015 gut 40 Milliarden Euro über seinem tatsächlichen Wert gelegen.

Thomas Meyer, emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Uni Dortmund, sieht in der „unmäßigen Zunahme von Verteilungsungleichheit“ nicht nur einen Verstoß gegen elementare Gerechtigkeitsnormen, sondern auch die Gefahr, dass die hier beschriebene Entwicklung „die Demokratie zu delegitimieren droht“. Die geringe Wahlneigung in den Wohnquartieren der Armen sowie das Erstarken der rechtspopulistischen AfD belegen diese Aussage eindrucksvoll.

Die Vorschläge, welche politischen Schritte zu mehr Gleichheit führen könnten, sind weitestgehend bekannt, aber gleichwohl aktuell. Sie reichen von einer stärkeren Umverteilung der Markteinkommen durch ein höheres Maß an Wohlfahrtsstaatlichkeit, über eine Erhöhung der Erbschafts- sowie der Vermögenssteuer bis hin zur Ausweitung der Tarifbindung und der Stärkung der betrieblichen Mitbestimmung.

Ein Mehr an Gleichheit, so die Autoren, wäre auch hierzulande so nötig wie möglich. Es kommt allein darauf an, die entsprechenden politischen und gesellschaftlichen Mehrheiten dafür zu organisieren. Die Argumente für dieses Unterfangen können der hier angezeigten Veröffentlichung entnommen werden.

Foto: Karsten Schöne


Dahm, Jochen/ Hartmann, Thomas/ Ostermayer, Max (Hrsg.): Gleichheit! Wirtschaftlich richtig, politisch notwendig, sozial gerecht. Bonn, Verlag J.H.W. Dietz Nachf. 2017, 352 Seiten, 26,00 Euro


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