Mittelstand: So werden Betriebsräte effizienter

Mittelstand: So werden Betriebsräte effizienter

Wissen Interessenvertretung in kleinen Firmen folgt eigenen Gesetzen. Ein Böckler-Projekt liefert Praxistipps. Die gesamte Dokumentation gibt es Anfang 2018.

Die Bedingungen, unter denen sich Harald Frick und Stefan Mertens für ihre Kollegen einsetzen, könnten kaum unterschiedlicher sein. Frick ist Betriebsratsvorsitzender der Astronergy Solarmodule GmbH  im brandenburgischen Frankfurt an der Oder. Seine Branche steht unter starkem Preisdruck; der Betrieb hat einen chinesischen Eigentümer, der in der Produktion tariflose Löhne von rund zehn Euro zahlt.

Stefan Mertens leitet den Betriebsrat der Weseler Abfallgesellschaft mbH & Co. KG am Niederrhein. Hier geht es anders zu als im Osten, wo die Tarifbindung schwächer ist. Der Abfallentsorger ist in kommunaler Hand, die Zusammenarbeit zwischen Betriebsrat und Arbeitgeber ist kooperativ. Gezahlt wird nach Haustarifvertrag.

Und doch gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den beiden – abgesehen von der Tatsache, dass die Belegschaft mit jeweils rund 200 Beschäftigten ähnlich groß ist.

Arbeitsteilung entlastet auch kleine Gremien

Als neu gewählte Betriebsräte mussten Harald Frick und Stefan Mertens beide bei Null anfangen, weil die Standorte neu waren. „Am Anfang war es bei uns etwas planlos, wir hatten in der Betriebsratsarbeit wenig Struktur“, erzählt Frick. „Wir hatten keine optimale Aufgabenverteilung im Betriebsrat“, sagt auch Mertens. „Vieles blieb beim Vorsitzenden hängen“.


WAS SIND KLEINE UND MITTLERE UNTERNEHMEN (KMU)?

Nach einer Empfehlung der EU sind kleine Unternehmen solche mit bis zu 49 Beschäftigten und bis zehn Millionen Euro Jahresumsatz, mittlere Unternehmen haben bis 249 Beschäftigte und bis 50 Millionen Euro Jahresumsatz.



Vermittelt durch die Gewerkschaften IG BCE und IG Metall kamen sie in Kontakt zur Evoco GmbH, einer Beratungsfirma, die viel Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und Betriebsräten hat. Gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung beriet die Firma in einem auf zwei Jahre angelegten Projekt zehn Betriebsräte kleiner und mittlerer Unternehmen. Mit dabei: Frick und Mertens.

Stefan Mertens, der Betriebsratsvorsitzende der Weseler Abfallgesellschaft (Foto: Anna Weise)

Im Mittelpunkt des Projektes stehe die „Weiterentwicklung von Prozessen und Strukturen“, um Betriebsräte speziell in kleineren Betrieben zu stärken, erklärt Manuela Maschke, die in der Hans-Böckler-Stiftung das Projekt betreut. Ende Oktober wurden zentrale Ergebnisse des Projekts in einem Workshop in Berlin präsentiert.

Aufgaben werden jetzt auf Zweier- und Dreierteams verteilt. Dadurch ist die Arbeit effizienter geworden.
Stefan Mertens

Es wäre falsch, die mittelständischen Betriebsräte als Miniversionen der großen Betriebsräte von VW oder Bayer anzusehen, wo ihre Arbeitsbedingungen ganz andere sind. Anders als bei den großen Unternehmen steht bei KMU die Existenzsicherung des Unternehmens mehr im Vordergrund. Zudem sind die Gremien viel kleiner, und manches, was bei Großunternehmen selbstverständlich ist, ist es im Mittelstand nicht.

„Einer der wichtigsten Ratschläge von Evoco war für mich, Betriebsausschüsse zu bilden“, sagt Stefan Mertens. Evoco allerdings empfiehlt gerade bei kleinen Gremien von drei oder vier Mitgliedern, Teams zu bilden und nicht sofort Ausschüsse, weil der Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen stehen würde.  Stefans Mertens‘ Betriebsrat hat immerhin schon sieben Mitglieder – hier hat sich die Gründung von Ausschüssen aus Mertens‘ Sicht gelohnt. Jetzt ist die Arbeit auf drei Ausschüsse verteilt, wodurch sie effizienter geworden ist. Aufgaben werden jetzt auf Zweier- und Dreierteams verteilt.

Doppelstrategie: Konsens, wenn möglich – Konflikt, wenn nötig

Ein weiterer Punkt, den Mertens aus dem Projekt gezogen hat: „Man muss mit dem Arbeitgeber reden können. Es hat keinen Sinn, jede Woche vor der Einigungsstelle zu landen.“ Die Kooperationsstrategie von Evoco ging so weit, dass die Abteilungsleiter zu einem Workshop eingeladen wurden. Dort entstand – von der Arbeitgeberseite – die Idee, die klassischen Aushänge des Betriebsrats durch elektronische Touchscreens zu ergänzen. Eine geschickte Strategie: Wenn die Arbeitgeberseite frühzeitig mit ins Boot geholt wird, werden harte Frontstellungen im Konfliktfall unwahrscheinlich.

Die Arbeitsbedingungen von Harald Frick bei Astronergy sind härter. Kürzlich gab es zwei Warnstreiks, mit denen die IG Metall bei dem chinesischen Eigentümer einen Tarifvertrag durchsetzen wollte – vergeblich. Das Binnenklima in der Firma hat sich dadurch abgekühlt. „Der chinesische Geschäftsführer hat unsere Forderungen gar nicht aus ideologischen Gründen angelehnt, was für sich genommen erfreulich ist“, sagt Frick. „Es war ihm einfach zu teuer.“

Harald Frick, Betriebsrat bei der Astronergy Solarmodule GmbH in Frankfurt an der Oder. (Foto: Anna Weise)

Evoco hat Frick und seine Solar-Kollegen dabei unterstützt, eine Doppelstrategie zu fahren: Wenn es sein muss, suchen sie die Auseinandersetzung. Andererseits beschäftigen sie sich mit strategischen Überlegungen, wie der eigene Standort erhalten werden kann. Zusammen mit den Beratern haben sie ein Vertriebskonzept entwickelt. „Wir waren als Marke zu unbekannt. Wir müssen uns abheben aus dem Meer der Beliebigkeit. Den Preiskampf mit den Billiganbietern können wir nicht gewinnen“, so Frick.

Wir müssen uns abheben aus dem Meer der Beliebigkeit. Den Preiskampf mit den Billiganbietern können wir nicht gewinnen.
Harald Frick

Die Berater von Evoco stellen im Abschlussbericht die „Strategie und der Erhalt des Unternehmens“ an die erste Stelle der Betriebsratsarbeit – und erst danach die kollektive Interessenvertretung. Für die Betriebsräte bedeutet das, eigene Ideen für die Zukunft des Unternehmens zu entwickeln und nicht erst im Krisenfall aktiv zu werden.

Die Gewerkschaften müssen Ressourcen bereitstellen

Auf dem Workshop wurde das Problem diskutiert, dass die Gewerkschaften weniger Zeit in die Betreuung von KMU-Betriebsräten investieren als in größere Unternehmen. „Die Gewerkschaftssekretäre sind eher selten bei uns vor Ort“, berichtet Stefan Mertens. Astronergy-Betriebsrat Frick hat dazu eine Idee: „Wenn Vertrauensleute und gewerkschaftlich Aktive von der Gewerkschaft eine Aufwandsentschädigung für die Arbeit mit Betriebsräten bekämen, würde das Engagement in KMU für sie attraktiver werden.“

Ralf Kutzner, beim IG-Metall-Vorstand zuständig für die KMU, stimmt zumindest insofern zu, dass es sich lohne, Ressourcen für den Mittelstand bereitzustellen: „Eine Mitbestimmungskultur lässt sich nur erhalten und ausbauen, wenn wir die KMU einbeziehen.“ Betriebsräte und Gewerkschafter, die mit kleinen und mittleren Unternehmen zu tun haben, dürfen sich auf das neue Jahr freuen. Anfang 2018 werden die detaillierten Ergebnisse des Projektes veröffentlicht.

Aufmacherfoto: Anna Weise

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