Muntere Debatten zum 70. WSI-Jubiläum

Muntere Debatten zum 70. WSI-Jubiläum

Stiftung Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut sei unverzichtbar in der deutschen Forschungslandschaft, die Nähe zu Gewerkschaften mehr Chance als Fessel, sagen prominente Gratulanten. Eindrücke vom  WSI-Herbstforum.

Spätestens seit der Jahrtausendwende kämpfen westliche Industrienationen mit einem rasanten Umbruch. Der Niedergang vieler Industrien infolge der Globalisierung, die wachsende soziale Ungleichheit, die Erosion der Sozialsysteme, die Flüchtlingskrisen und die Digitalisierung als vierte industrielle Revolution verunsichern viele Menschen.  Gewissheiten lösen sich auf, neue Erkenntnisse und Lösungen sind gefragt. Doch wie könnten diese aussehen? Vor allem: Wie könnte eine arbeitnehmerorientierte Wissenschaft dazu beitragen, Probleme besser zu meistern und die Zukunftschancen vieler Menschen zu verbessern? Antworten suchte das diesjährige WSI-Herbstforum am 23. und 24. November in der Berliner „Kalkscheune“.

70 Jahre WSI - Dokumentation

Zunächst einmal war den rund 340 Teilnehmern nach Feiern, denn das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung hat in diesem Jahr sein 70. Jubiläum. Seit 1946 liefert das Institut – ursprünglich gegründet als Wirtschaftswissenschaftliches Institut (WWI), den Gewerkschaften wissenschaftlichen Sachverstand, besonders zu jenen Aspekten der Arbeitswelt und sozialen Entwicklungen, die die etablierte Wirtschaftsforschung gern ignoriert. „Es gibt weltweit kein anderes Institut wie das WSI, das im Auftrag der Gewerkschaften wissenschaftliche, ich betone wissenschaftliche und eben nicht als Thinktank, Forschung betreibt“, sagte Anke Hassel, die neue Direktorin des WSI, in ihrem Eingangsstatement. Dies unterscheide das WSI und die Hans-Böckler-Stiftung von weiten Teilen der akademischen Forschung. „Unsere Arbeit wird auch an der Relevanz gemessen, die sie für die Praktiker in der Arbeitswelt hat, nicht nur an der wissenschaftlichen Qualität.“

Der Sozialhistoriker Jürgen Kocka vom Wissenschaftszentrum Berlin, der das WSI evaluiert hat, zitierte Donald Trumps Satz „Schon der Geruch von Büchern macht mich müde.“ Angesichts solcher Verachtung von Intellektuellen sei ein Institut wie das WSI mit seiner Nähe zu den Gewerkschaften mehr Chance als Fessel, sagte Jürgen Kocka.  Zu Gast war auch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles. Sie wünschte dem WSI, dass es nah dran bleibe an der Arbeitsrealität unseres Landes und hält das Institut für unverzichtbar für die deutsche Forschungslandschaft. Konkret nannte sie zwei Projekte: Sie dankte den WSI-Forschern evidenzbasierte Unterstützung geleistet zu haben für den allgemeinen Mindestlohn.  Und setzt auf weitere Impulse für ein zweites Projekt: die Stärkung der Tarifbindung.

Junge Besucher informieren sich am Büchertisch des Herbstforums.

Lob für die wissenschaftliche Arbeit des WSI gab es von den Gewerkschaften. „Für uns sind die Studien des WSI Bestandteil unserer politischen Arbeit. Wir brauchen frühzeitig ergebnisoffene Forschung und valide Daten“, sagte DGB-Vize Elke Harnack. Sie erinnerte daran, dass es für wissenschaftliche Anerkennung die Ergebnisoffenheit und „die wissenschaftliche Objektivität braucht“.

Kostproben ihrer Wissenschaft gaben renommierte Forscher von Gerhard Bosch über Herbert Brücker bis Walther Müller-Jentsch, die in Panels intensiv über Flucht und Migration, Digitalisierung und Tarifpolitik, Mitbestimmung, Sozialpolitik und Europa diskutierten. Neue Ideen machten die Runde: So stellte Heide Pfarr, die frühere WSI-Direktorin, einen Entwurf für ein Wahlarbeitszeitgesetz vor, das eine Alternative zum männlich dominierten Arbeitsmodell möglich machen könnte.

Muntere Debatten handelte sich jenes Podium ein, das – mit vier Professorinnen besetzt – explizit „Rolle und Aufgaben einer arbeitnehmerorientierten Forschung“  klären sollte. Da war erstmal mehr Klärungsbedarf als Klärung. Einige Diskutanten wie die Pädagogikprofessorin Rita Meyer machten klar, dass ihnen der Begriff der arbeitnehmerorientierten Forschung ein zentrales Leitbild ist. Andere dagegen zeigten Skepsis.  „Ich habe noch nie so viele kritische Nachfragen per Mail bekommen, was denn arbeitnehmerorientierte Wissenschaft sein soll“, wunderte sich Jutta Allmendinger, Präsidentin des Berliner Wissenschaftszentrums. Auch WSI-Direktorin Anke Hassel zeigte sich skeptisch, ob der Bezug auf ein unterstelltes Arbeitnehmerinteresse weiterbringt, zumal sich die Arbeitnehmerinteressen sichtlich ausdifferenzieren (etwa vom Facharbeiter über Teilzeitjobberin bis zur digitalen Boheme). Und sie stellte klar: „Wir wollen mit der Forschung nicht in die Kuschelecke, sondern müssen raus in die Welt.“  Oder wie sie es in ihrem Eingangsstatement gesagt hatte: „Unsere Themen und unsere Forschungsergebnisse müssen in den Mainstream der wissenschaftlichen Debatte.“

Dafür ist es höchste Zeit, wie auch eine Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, die Jutta Allmendinger vorstellte. Demnach gibt es einen massiven Rückgang an Lehrstühlen, die arbeitnehmerorientierte Fragen erforschen würden. Zudem gebe es eine dramatische Verschiebung hin zu Kurzzeitforschungsprojekten, was in der sozialwissenschaftlichen Forschung fatal sei, weil so kaum noch komplexe Transformationsprozesse wissenschaftlich genau beobachtet werden könnten.

In der abschließenden Podiumsrunde formulierten Vertreter aus Politik, Gewerkschaften und Gesellschaft ihre Erwartungen an eine kritische Sozialforschung. Die von IG-Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban sind eine Ermunterung: „In den aktuellen politischen Diskursen kann mit einem normativen Interessenbezug ganz konkrete, anwendungsorientierte Wissenschaft gemacht werden“, sagte er, „es ist die Aufgabe des WSI zu entscheiden, welche Themen es aufgreifen möchte.“

Fotos: Stephan Pramme


VIDEO-DOKUMENTATION

Alle Beiträge und Debatten der Tagung sind  im Videostream des ersten Tages und im Videostream des zweiten Tages dokumentiert.


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