Pflegen attraktiver machen

Pflegen attraktiver machen

Debatte Der Pflegeberuf möge künftig mit dem Wort „cool“ verbunden werden, weniger mit dem Begriff der Selbstausbeutung. Das wünscht sich Bundesfamilien­ministerin Franziska Giffey. Dafür soll die „Konzertierte Aktion Pflege“ sorgen.

Um zu zeigen, wie ernst es der Politik ist, sind neben Giffey gleich zwei weitere Minister in das Großprojekt involviert: federführend Gesundheitsminister Jens Spahn und Arbeitsminister Hubertus Heil. Die „Konzertierte Aktion“ hat den Auftrag, „den Arbeitsalltag und die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften spürbar zu verbessern, die Pflegekräfte zu entlasten und die Ausbildung in der Pflege zu stärken“. Und das bitte schnell. Bis nächsten Sommer will die Bundesregierung Lösungsansätze vorlegen. Mitarbeiten sollen maßgebliche Akteure des Gesundheitswesens: Vertreter von Kranken- und Pflegekassen, Leistungserbringern, Pflegeberufen, Selbsthilfe und Pflegebedürftigen sowie der Sozialpartner, Kirchen, Länder und der kommunalen Spitzenverbände, der Berufsgenossenschaft und der Bundesagentur für Arbeit.

Die Branche leidet unter akutem Personalmangel. Minister Spahn hat 50 000 fehlende Stellen eingeräumt. Die zuständige Gewerkschaft ver.di, deren Berechnungen sich unter anderem auf groß angelegte Befragungen von Beschäftigten stützen, geht von sehr viel größeren Lücken aus: 80 000 fehlende Stellen für Pflegefachpersonal nur in den Krankenhäusern. Und in der Altenpflege wären allein 63 000 Fachkräftestellen vonnöten, um auf das Niveau des Bundeslandes mit dem bislang besten Personalschlüssel zu kommen – was aber immer noch nicht für eine gute Versorgung reiche, so die Gewerkschaft. Angesichts solcher Zahlen wird der Vorstoß der Politik bei ver.di grundsätzlich positiv gesehen.

„Konzertierte Aktion“ als Chance

Gerade wegen ihres ressortübergreifenden Ansatzes – in dem fünf Arbeitsfelder parallel bearbeitet werden sollen – sieht Dorothea Voss, Leiterin der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung, die „Konzertierte Aktion“ als Chance. Sie hat mit Christina Schildmann, die die Forschungsstelle Arbeit der Zukunft der Hans-Böckler-Stiftung leitet, in einer Studie Punkte zusammengetragen, die zu einer Aufwertung von sozialer Dienstleistungsarbeit führen. Neben den niedrigen Löhnen sehen die Forscherinnen ein großes Problem in der immensen Arbeitsbelastung – eine Folge der jahrelangen Unterfinanzierung der Pflege.

Dem Personalmangel will die „Konzertierte Aktion“ mit unterschiedlichen Strategien beikommen. Die eine soll die „Ausbildung und Qualifizierung“ attraktiver gestalten und so um künftige Pflegekräfte werben. Die andere soll mit „Pflegekräften aus dem Ausland“ schnell für Linderung sorgen. Der Bundesgesundheitsminister liebäugelt derzeit vor allem mit gut ausgebildeten Fachkräften aus Südosteuropa. Laut ver.di bietet der inländische Arbeitsmarkt aber durchaus Reserven – etwa Teilzeitkräfte, die wegen Überlastung reduziert, oder Nachwuchskräfte, die frustriert aufgegeben haben. Allein bei den Teilzeitkräften sah das Bundeswirtschaftsministerium schon 2012 für die Altenpflege ein Potenzial von über 125 000 Vollzeit-Äquivalenten. Die Krankenhäuser könnten laut ver.di 9300 Vollzeitkräfte mehr auf den Stationen haben, wenn sie zur Teilzeitquote von 2005 zurückkehren würden. Nur, um diese aktivieren zu können, müssten sich die Arbeitsbedingungen schnell bessern.

Deutlich höherer Krankenstand

„Das System funktioniert nur noch, weil die Beschäftigten alles aus sich rausholen und die eigenen Interessen hintanstellen – oft zulasten ihrer Gesundheit“, warnt die für Pflege zuständige ver.di-Vorstandsfrau Sylvia Bühler. Der Krankenstand in den Pflegeberufen ist alarmierend. Rund 24 Tage fallen Beschäftigte in Pflege- und Altenheimen aufgrund von Krankheit aus, während Beschäftigte aus allen anderen Berufen im Schnitt lediglich 16 Tage krank sind.

ver.di-Vorstand Sylvia Bühler: "Das System funktioniert nur noch, weil die Beschäftigten alles aus sich rausholen." (Foto: ver.di/Kay Herschelmann)

Das zeigen Zahlen des BKK-Gesundheitsreports 2017. Die Arbeitsbedingungen in der Pflege machen krank. Entsprechend schlecht sind die Ergebnisse des DGB-Index Gute Arbeit für die Pflege. 77 Prozent der hierfür befragten Beschäftigten in der Gesundheits- und Krankenpflege schätzten, dass sie nicht bis zur Rente in diesem Beruf arbeitsfähig sein würden. Das ist die schlechteste Einschätzung der eigenen Arbeitsfähigkeit im Vergleich mit anderen Berufen, gefolgt von der Altenpflege mit 73 Prozent. Die „Konzertierte Aktion“ erwartet bei den Themen Personalmanagement, Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung ein hartes Stück Arbeit. Hier geht es auch um Wertschätzung oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Definitiv als uncool steht der Pflegeberuf da, wenn es um die Bezahlung geht. Der Mittelwert für alle Beschäftigten in Deutschland beträgt 16,97 Euro pro Stunde. Deutlich darunter liegen die Löhne in der Altenpflege: Die Brutto-Stundenlöhne von examinierten Kräften in der Altenpflege liegen im Mittel bei 14,24 Euro. Noch weniger verdienen Hilfskräfte. Eine Altenpflegefachkraft verdient bei einem tarifgebundenen Arbeitgeber dem WSI-Lohnspiegel zufolge zwar im Schnitt 13 Prozent mehr als ihre Kolleginnen und Kollegen ohne Tarifvertrag – doch nur ein geringer Teil der Altenpflegeeinrichtungen ist tarifgebunden. Aufgrund der deutlich höheren Tarifbindung beträgt der Stundenlohn in der Krankenpflege durchschnittlich immerhin 16,23 Euro.

Heil will allgemeinverbindlichen Tarifvertrag

Dass die „Entlohnungsbedingungen in der Pflege“ einer der Knackpunkte der „Konzertierten Aktion“ sind, hat bereits die Initiative von Bundesarbeitsminister Heil gezeigt. Er will die Branche mit einem allgemeinverbindlichen Tarifvertrag stabilisieren, was ver.di ausdrücklich begrüßt. Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), der nach eigenen Angaben mehr als jede dritte Einrichtung in der Altenpflege vertritt, verweigert Verhandlungen über einen Flächentarifvertrag. Er empfiehlt seinen Mitgliedern, einseitig Arbeitsvertragsrichtlinien festzulegen. Diese sehen vor allem für Pflegehelfer eine vergleichsweise schlechte Bezahlung vor. Zugleich macht der bpa gegen die bestehende Fachkraftquote von 50 Prozent Stimmung. Das Kalkül der privaten Unternehmen sieht nach Bühler so aus: „Sie wollen die Altenpflege möglichst billig machen, um ihren Profit zu steigern. Darunter leiden die Pflegequalität, also die pflegebedürftigen Menschen, genauso wie die Beschäftigten.“

Angesichts solcher Rechenspiele stellt die Forscherin der Hans-Böckler-Stiftung, Voss, den Arbeitgebern ein anderes Szenario entgegen: „Die Arbeit muss leistbar sein, und man muss von ihr leben können. Sonst verschärft sich der Personalmangel immer weiter.“ Mit „cool“ wird es dann nichts.

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