Sabine Brünig, Lehrerin in Rumänien

Sabine Brünig, Lehrerin in Rumänien

Portrait Die ehemalige Böckler-Stipendiatin Sabine Brünig unterrichtet Deutsch im rumänischen Sighisoara. Die Stadt in Siebenbürgen, die auf Deutsch Schäßburg heißt, wurde im Mittelalter von deutschen Auswanderern gegründet.

Das Städtchen Sighisoara scheint in zauberhafter Weise aus der Zeit gefallen. 176 überdachte Stufen führen von der Altstadt hinauf zum Arbeitsplatz von Sa­bine Brünig, dem deutsch-rumänischen Joseph-­Haltrich-Gymnasium, das auch „Bergschule“ genannt wird. Als Auslandsdienstlehrkraft der Bundesrepublik Deutschland unterrichtet Brünig ab der Klasse 9 in Fächern wie Deutsch und Philosophie. Zudem ist sie Leiterin eines Programmes, das zum Deutschen Sprachdiplom II führt. Wer das in der Tasche hat, kann in Deutschland studieren. Nebenher betreut Brünig noch vier weitere Schulen in der Region Transilvania/Siebenbürgen und bildet einheimische Lehrer weiter.

Die deutsche Sprache hat hier eine lange Tradition. Sighisoara, auf Deutsch „Schäßburg“, wurde im 12. Jahrhundert von deutschen Einwanderern, den Siebenbürger Sachsen, gegründet. Anders als die Bezeichnung vermuten lässt, stammten diese Leute überwiegend aus dem Mittelrheinischen und Moselfränkischen. Deutsch behielten sie bis in die frühe Neuzeit hinein als Verkehrssprache bei. Nach dem Ende des Kommunismus 1989 wanderte der größte Teil der verbliebenen Rumäniendeutschen in die Bundesrepublik aus.

Mit guten Deutschkenntnissen steigen die Chancen auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz.
Sa­bine Brünig

Seit 1999 ist die Stadt mit ihrer langen Geschichte UNESCO-Weltkulturerbe. Während die Tradition der Siebenbürger Sachsen überall zu schwinden droht, boomt das Lehrfach Deutsch. Sabine Brünig, eine resolute, lebensfrohe 61-Jährige, hat viel zu tun. Denn: „Mit guten Deutschkenntnissen steigen die Chancen auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz.“ Es gibt Schüler, die ein duales Studium beim Discounter Lidl in Deutschland absolviert haben und nun hier in Rumänien als Filialleiter tätig sind. „Zudem gibt es viele deutsche Firmen in Rumänien. Die verlangen deutsche Sprachkenntnisse“, berichtet die gebürtige Osnabrückerin. Allein an der Bergschule lernen rund 500 Schüler in der deutschen Abteilung.

Klassenzimmer des deutsch-rumänischen Joseph-Haltrich-Gymnasiums (Foto: E. A. Crisan)

Sabine Brünigs Biografie liest sich wie die Migration der Siebenbürger Sachsen im Mittelalter als eine Reise nach Osten. Nach dem Abitur geht sie 1976 nach Westberlin und studiert an der FU Germanistik und Politik. Von 1986 bis 1988 ist Brünig Promotionsstipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung, kann aber ihre Doktorarbeit mit dem Thema „Gewerkschaftliche Gegenstrategien gegen multinationale Konzerne“ aus familiären Gründen nicht abschließen.

Bestimmte Denkweisen und Moralvorstellungen erinnern mich an die Adenauerzeit in Deutschland.
Sa­bine Brünig

Brünig, die sich politisch in der SPD engagiert, wird Lehrerin. Sie tritt 1992 in den Dienst des Landes Brandenburg ein, wird Fachschaftsleiterin Deutsch am deutsch-polnischen Gymnasium in Neuzelle, später am deutsch-polnischen Gymnasium in Frankfurt/Oder. 2010 lässt sie sich beurlauben und verlagert ihren Lebensmittelpunkt nach Rumänien, um dort im Auftrag des Außenministeriums zur „Verbreitung der deutschen Sprache und Kultur“, wie es im Amtsdeutsch heißt, beizutragen.

Seit acht Jahren lebt Sabine Brünig in Sighisoara. So lange bleibt man nicht, wenn es einem nicht gefällt. „Es ist sehr angenehm, dass hier die Zeit anders läuft“, sagt sie. „Ruhiger, entschleunigter.“ Andererseits müsse man auch Geduld haben, wenn man aus dem Westen hierherkommt. „Bestimmte Denkweisen und Moralvorstellungen erinnern mich an die Adenauerzeit in Deutschland.“ Das gilt auch für Vorstellungen, wie Unterricht auszusehen habe: „In Rumänien wird noch häufig Wissen reproduziert – es wird auswendig gelernt.“ Hier sieht sich Brünig als geduldige Modernisiererin: „Im Fach Deutsch setzen wir andere Akzente und vermitteln nicht nur die Sprache, sondern auch eine andere Kultur des Lernens, Denkens und Diskutierens.“

Aufmacherfoto: E. A. Crisan

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