Schwierige Einheit

Schwierige Einheit

Rezension Welche Rolle spielten die Gewerkschaften im Prozess der deutschen Einheit? Antworten gibt ein Sammelband, der sich vor allem mit der Tarifpolitik in den neuen Ländern sowie der gewerkschaftlichen Position zur Treuhandanstalt befasst.

Seit dem Mauerfall bewegten sich die Gewerkschaften in einem Spannungsfeld zwischen der von Helmut Kohl befeuerten Erwartungshaltung der Bevölkerung auf „blühende Landschaften“ in Ostdeutschland und den deprimierenden Realitäten einer postkommunistischen Ökonomie.

Die Lage war gekennzeichnet von einer Produktivität, die bei 30 bis 40 Prozent der westdeutschen Werte lag, von einem Wegbrechen der Märkte im ehemals „sozialistischen Lager“ sowie einem auf westliche Produkte fixierten Konsumverhalten der ostdeutschen Bevölkerung.

Die Folgen waren eine weitgehende Deindustriealisierung und Massenarbeitslosigkeit. Der Beitrag von Marcus Böick zeichnet das erst wenig erforschte und nur mäßig erfolgreiche gewerkschaftliche Ringen mit der staatlichen Treuhandanstalt entlang der wirtschaftspolitischen Grundachse „Privatisierung oder Sanierung“ nach.

Ingrid Artus stellt in ihrem Text die Entwicklung der Tarifpolitik dar. Sie führt aus, dass die formale Übertragung des westdeutschen Tarifsystems in den Osten ausgesprochen effektiv bewerkstelligt wurde. Allerdings traf es auf spezifische Bedingungen, die seine Funktionsweise infrage stellten und letztlich auch verändert haben.

„Die alles in allem gelungene Wahrung des sozialen Friedens“ sowie die sich mittlerweile abzeichnende Angleichung der Lebensverhältnisse in Ostdeutschland wären „ohne die Gewerkschaften (…) nicht möglich gewesen“, schreiben die Herausgeber in ihrer Einleitung.

Aufmacherfoto: Karsten Schöne


Detlev Brunner/Michaela Kuhnhenne/Hartmut Simon (Hrsg.): Gewerkschaften im deutschen Einheitsprozess. Möglichkeiten und Grenzen in Zeiten der Transformation. Bielefeld, transcript Verlag 2018, 184 Seiten, 19,99 Euro


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Journalist und Kulturvermittler

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