Soziale Dienstleistungen müssen aufgewertet werden

Soziale Dienstleistungen müssen aufgewertet werden

Debatte Dorothea Voss über die Chancen, gute Arbeit in der Sozial- und Gesundheitswirtschaft zu stärken: „Endlich steht der Ausbau sozialer Dienstleistungen oben auf der politischen Agenda!“

Zwei Ankündigungen im Koalitionsvertrag sind ziemlich konkret: 8000 Pflegekräfte sollen neu eingestellt werden, und der Betreuungsanspruch für Kinder soll auf die Grundschulzeit ausgedehnt werden. Der Ausbau von sozialen Dienstleistungen zeigt sich schon seit Längerem in steigenden Beschäftigungszahlen, vor allem in der Altenpflege und in der Kinderbetreuung. Das ist auch nötig, denn der gesellschaftliche Bedarf ist groß und wird weiter steigen.

Manchen passt das nicht, weil sie fürchten, dass die Familie als kleinste Einheit der Gesellschaft damit abgewertet wird. Wer sich in der gesellschaftlichen Realität auskennt, weiß, dass Leitbilddiskussionen nun wirklich nicht die drängenden Alltagsprobleme der Menschen lösen: Viele wollen sich ja um ihre Angehörigen kümmern und begeben sich dazu in tägliche Balanceakte. Nach wie vor sind es Frauen, die Sorge- und Erwerbsarbeit unter einen Hut bekommen.

Arbeitszeiten, die zum Leben passen

Gerade in der Begleitung und der Alltagsorganisation von älter werdenden Eltern fühlen sich aber auch immer mehr Männer verantwortlich und benötigen Zeit und Energie, um sich nicht aufzureiben. Entlastung muss da auch aus der Arbeitswelt kommen. Arbeitszeiten, die zum Leben passen, lautete die Forderung der IG Metall in der jüngsten Tarifrunde. Dabei ging es gerade nicht nur um mehr Geld, sondern auch um mehr Lebensqualität für Erwerbstätige und ihre Angehörigen.

Entlastung im Alltag muss aber auch aus dem Ausbau sozialer Dienstleistungen kommen. Daher muss er zügig vorangehen: Wir brauchen mehr qualifizierte Beschäftigte. Denn was nützt ein gesetzlicher Anspruch auf die Betreuung von Kindern ab dem ersten Lebensjahr bis in die Grundschulzeit, wenn nicht genügend Erzieherinnen und Erzieher da sind, die in den Einrichtungen arbeiten? Und was nützen ambulante Pflegedienste, wenn man – gerade in ländlichen Gebieten – im Bedarfsfall auf die Warteliste gesetzt wird? Oder ein Platz in einem Pflegeheim, wenn die Qualität der Versorgung wegen Personal­knappheit nicht stimmt?

Viele Haushalte mit pflegebedürftigen Angehörigen engagieren eine im Haushalt lebende Hilfskraft als einzige praktikable Lösung. Das kann aber keine zukunftsfähige Lösung für Deutschland sein, weil man sich das leisten können muss und arbeitsrechtliche Mindeststandards dort massiv verletzt werden.

Es bleibt viel zu tun

Mehr qualifizierte Beschäftigte in sozialen Dienstleistungen sind ein wichtiges politisches Ziel. Aber woher sollen 8000 qualifizierte Pflegekräfte kommen, wenn doch derzeit schon etliche Stellen unbesetzt bleiben? Auch eine bessere Bezahlung wird politisch angestrebt, indem Tarifverträge flächendeckend zur Anwendung kommen sollen. Aber welche Tarifverträge sollen allgemeinverbindlich erklärt werden?

Seit Anfang der 90er Jahre ist der Wettbewerb in die Sozial- und Gesundheitswirtschaft eingezogen. Die Folge sind ausgefranste Arbeitsbeziehungen und auf Arbeitgeberseite oft kein Gegenüber, mit dem Tarifverträge abzuschließen sind. Auch in anderen Themen gibt es dringenden Aufwertungsbedarf: Qualifizierte Beschäftigte erwarten Ausbildungsgänge und Laufbahnen, die berufliche Entwicklungsperspektiven eröffnen. Die politische Aufwertung des Themas ist zu begrüßen. Ein Selbstläufer ist sie jedoch nicht, sondern bedarf noch einiger Anstrengung in der Umsetzung.

Aufmacherfoto: picture-alliance / Jörg Carstensen


WEITERE INFORMATIONEN

Dorothea Voss ist Volkswirtin und leitet die Abteilung Forschungsförderung in der Hans-Böckler-Stiftung. Hier betreut sie Projekte des Forschungsverbunds „Soziale und gesundheitsbezogene Dienstleistungen“.

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