Soziologischer Blick auf Europa

Soziologischer Blick auf Europa

Rezension Ein Nachschlagewerk aus dem Nomos-Verlag beschreibt unseren Kontinent aus soziologischer Perspektive. Ausführlich wird die soziale Dimension Europas geschildert.

Handbücher über Europa werden in der Regel von Politikwissenschaftlern geschrieben. Deren Gegenstand bilden dann die politischen Akteure, Institutionen und Prozesse des „Mehrebenen-Systems“ der EU. Das hier anzuzeigende Handbuch nimmt eine konsequent soziologische – man könnte auch sagen: gesellschaftsanalytische  – Sichtweise ein. Das dokumentieren bereits deutlich die ersten drei Beiträge über Europabilder, europäische Moderne und europäische Gesellschaft. Dieser Einstieg könnte zum politikwissenschaftlichen Denkansatz kaum kontrastreicher sein.

In seinem anregenden und geistreichen Beitrag über die „europäische Gesellschaft“ beschreibt Hans-Peter Müller, Professor an der Berliner Humboldt-Universität, diese als „Erfahrungsraum und Zukunftshorizont“, als ein spezifisches Gebilde zwischen National- und Weltgesellschaft mit einem zum kulturellen Selbstverständnis gewordenen Wertesystem und vergleichbaren Institutionen. Zu Letzteren zählt er unter anderem die europäische Familie, die europäische Stadt, den europäischen Wohlfahrtsstaat und den Komplex von Arbeit, Beruf und Industrie.

Für Leser dieses Magazins dürften insbesondere die Kapitel Arbeitsmarkt und Beschäftigungspolitik, Europäisches Sozialmodell und Europäisierung der industriellen Beziehungen von besonderem Interesse sein. Sie bieten kompaktes und aktuelles Orientierungswissen über die Sozialdimension der EU, wenngleich die rahmenden wissenschaftstheoretischen Erörterungen weniger an den Praktiker als an den wissenschaftlichen Experten adressiert sind.

Zusammenfassend bietet das Handbuch ein ungemein breites Spektrum von Beiträgen, die mit soziologischem Tiefgang die Fülle, Differenziertheit und mannigfachen Potenzen Europas vor Augen führen. Mit anderen Worten: ein Tableau, das Europa als ein vitales, vielseitiges und wandlungsfähiges Projekt erscheinen lässt, an dessen Zukunft weniger Befürchtungen als hoffnungsvolle Erwartungen zu knüpfen sind.


Maurizio Bach und Barbara Hönig (Hrsg.): Europasoziologie. Handbuch für Wissenschaft und Studium. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2018. 510 Seiten, 98 Euro


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