Streetscooter: Das Postauto, das keiner bauen wollte

Streetscooter: Das Postauto, das keiner bauen wollte

Thema Weil die Autoindustrie der Deutschen Post kein E-Lieferfahrzeug bieten konnte, ging der Logistiker kurzerhand selbst unter die Autobauer. Der Streetscouter gleicht den Verlust von Arbeitsplätzen durch das schwächelnde Briefgeschäft aus.

Als Boomtown ist Düren nicht bekannt. Die 100 000-Einwohner-Stadt ist, eingezwängt zwischen den attraktiven Standorten Köln und Aachen, auch wirtschaftlich in der Klemme. Fast jeder Sechste ist hier arbeitslos oder steckt in einer Maßnahme der Agentur für Arbeit. Das absehbare Aus für die benachbarten Braunkohlereviere bereitet vielen Dürenern zusätzlich Bauchschmerzen. Dabei leben hier schon jetzt 25 000 Menschen von Hartz IV.

Doch jetzt keimt Hoffnung auf. Ausgerechnet Deutschlands wichtigste Branche, die Autoindustrie, hat die dahindämmernde Mittelstadt für sich entdeckt. Ein modernes Autowerk soll auf dem Gelände des Zulieferers Neapco im Süden Dürens entstehen. Doch nicht VW, Mercedes oder BMW schaffen hier neue Arbeitsplätze. Es ist die Deutsche Post, die mit ihrem selbst gebauten E-Lieferwagen Streetscooter klassischen Autobauern Konkurrenz macht.

Der Streetscooter ist ein Erfolgsschlager. Er hilft, die CO2-Einsparziele der Post einzuhalten, und er sichert Arbeitsplätze.
Andrea Kocsis, Stellvertretende Vorsitzende von ver.di

Damit wächst nach der Übernahme der Streetscooter GmbH durch die Post im Jahr 2014 in Düren die zweite Fabrik aus dem Boden. Eine erste produziert bereits in Aachen. Schon jetzt fahren 2500 Streetscooter auf Deutschlands Straßen. Langfristig soll die komplette Post-Flotte hierzulande mit 47 000 Fahrzeugen emissionsfrei unterwegs sein.

Die DHL-Elektroflotte in der Innenstadt von Passau, 2016: Ein Drittel der Entwicklungskosten trägt der Bund. (Foto: Armin Weigel/dpa)

Sogar den Verkauf des Transporters an Unternehmen haben die Bonner angekündigt. Und auch einen Export schließt die Post nicht aus. „Wir sind jetzt zu einem Stück weit auch Autobauer“, sagt Alexander Edenhofer, Sprecher des Logistikkonzerns.

CO2 sparen, Arbeitsplätze sichern

Doch was bedeutet der Wandel des Konzerns mit seinen 510 000 Mitarbeitern für Arbeitnehmer? „Die Arbeitnehmer haben den Schritt hin zum E-Auto-Bauer begrüßt. Der Streetscooter ist ein Erfolgsschlager. Er hilft, die CO2-Einsparziele der Post einzuhalten, und er sichert Arbeitsplätze“, sagt ver.di-Vize Andrea Kocsis, die auch stellvertretende Post-Aufsichtsratsvorsitzende ist. Und tatsächlich werden in Düren Arbeitsplätze entstehen. „Einige Hundert“, sagt Sprecher Edenhofer. Genauer wolle man sich noch nicht festlegen. Das Problem: Das Unternehmen findet nach eigenen Angaben kaum qualifizierte Kräfte für die neuen Aufgaben.


GEFÖRDERTE ERGONOMIE

Der Streetscooter wird stetig weiterentwickelt. In regelmäßigen Workshops beteiligt der Konzern die Zusteller, um die mittlerweile drei Modelle möglichst ergonomisch zu gestalten. So wurde etwa der Fahrersitz verändert, um das Ein- und Aussteigen zu erleichtern. Für Rückwärtsfahrten gibt es jetzt eine Kamera. Auch ein schmalerer Einstiegsholm, mehr Kopffreiheit an der Tür und die Sitzheizung gingen auf die Wünsche der Fahrer zurück. Die Laderampe ist höher gelegen als üblich, damit sich die Zusteller möglichst nicht bücken müssen. Ein Drittel der Entwicklungskosten trägt der Bund.



Andrea Kocsis begrüßt die Standortwahl. „Damit schafft die Post Arbeitsplätze in Deutschland.“ Denn an anderer Stelle bröckelt es im Konzern. Jährlich sinkt die Zahl verschickter Brief um zwei bis drei Prozent. Im Streetscooter-Stammwerk Aachen hat das E-Auto bereits Jobs gerettet: Im Oktober 2012 stand dort ein Waggonwerk des Bombardier-Konzerns vor dem Aus. Viele der 600 Mitarbeiter wollten sich mit der Arbeitslosigkeit nicht abfinden. Sie bildeten sich weiter und machten sich fit für den Bau von Elektrofahrzeugen. Unter dem Namen Talbot Services fertigten anschließend immerhin 100 Mitarbeiter bald den Streetscooter, der zu jener Zeit noch von einer Ausgründung der RWTH Aachen gemanagt wurde.

Gewerkschaftsreviere klar abgesteckt

Heute sind in der Fertigung 300 „Talbötter“ in zwei Schichten beschäftigt. Auf der Grundlage eines Werkvertrags baut Talbot Services im Auftrag der Streetscooter GmbH im kommenden Jahr 15 000 Fahrzeuge. „In unseren eigenen Reihen haben wir keine E-Auto-Bauer. Uns bleibt daher derzeit nichts anderes übrig, als die Zusammenarbeit mit Servicegesellschaften auf Basis von Werkverträgen“, sagt Post-Sprecher Edenhofer. Zu Details des Vertrags äußert sich die Post nicht. Die Talbötter werden von Talbot Services nach Tarif bezahlt und haben längst einen Betriebsrat gewählt.

Die Arbeitnehmer begrüßten den Schritt hin zum E-Auto-Bauer. (Foto: Armin Weigel/dpa)

Anders sieht es in der Streetscooter GmbH aus. Die reine Post-Tochter beschäftigt 250 Ingenieure, Vertriebler, Marketingfachleute und Verwaltungskräfte. Einen Betriebsrat und eine Tarifbindung gibt es in der GmbH noch nicht – wie so oft in Start-up-Unternehmen. Doch die IG Metall hat den Bedarf erkannt. „Wir erhalten von dort Berichte über hohe Arbeitsbelastung“, sagt Achim Schyns, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Aachen.

Die IG Metall bei der Post? Das ist neu. Traditionell besitzt ver.di dort die Tarifhoheit. Und so soll es auch bleiben. „Thematisch mag es jetzt Überschneidungen geben“, sagt Kocsis. „Mit der IG Metall handeln wir einvernehmlich. Es hat bei der Post wegen des Streetscooters keinen Konflikt etwa um neue Mitglieder gegeben.“ Die Reviere sind klar absteckt, hat auch Metaller Schyns festgestellt. „Autobau gehört eindeutig zur IG Metall.“

Aufmacherfoto: Armin Weigel/dpa


DIE GESCHICHTE DES STREETSCOOTERS

In Aachen bastelte die Streetscooter GmbH schon 2010 an einem Elektroauto für den Massenmarkt. Höchstens 10.000 Euro sollte es kosten. Das Konsortium der Technischen Universität (RWTH) mit 80 Mittelständlern hatte wenig Erfahrung im Autobau, aber dafür umso mehr in der Produktionstechnik. Die Fachleute konzipierten für ihr Auto eine Modulbauweise, bei der so wenig wie möglich geschweißt und geschraubt wird. So senkten sie die Kosten radikal. Am Ende standen statt der üblichen 100 Montageschritte nur 50 und ein günstiger Prototyp, den das Start-up im Jahr 2011 stolz auf der internationalen Autoausstellung IAA präsentierte.

Erhofft hatte sich die Streetscooter GmbH eigentlich reges Interesse von Investoren aus den Reihen der großen Autobauer. Doch die wollten von E-Mobilität nichts wissen. „Sie haben uns in die Schublade ‚Jugend forscht‘ gesteckt“, sagt Günther Schuh, Professor für Produktionssystematik an der RWTH und Streetscooter-Firmengründer, der auch Mitglied der Expertenkommission „Arbeit der Zukunft“ der Hans-Böckler-Stiftung war.

Anders die Post: Vorstand Jürgen Gerdes suchte nach einer kostengünstigen und umweltfreundlichen Alternative für die Postzustellung. Und war frustriert: Etablierte Autobauer hatten ihm reihenweise einen Korb gegeben. Ein E-Auto für Pakete und Briefe? „Zu teuer, lohnt sich nicht“, winkten VW und Co. ab. Also fragte Gerdes die umtriebigen Aachener, ob sich ihr kleines E-Auto zum Lieferwagen umrüsten ließe. Und die GmbH begann sofort, erneut zu basteln – mithilfe von rund 100 Postzustellern, die ihre Anforderungen und Anregungen für die neue Konstruktion einbrachten. 2013 wurden die ersten 50 Lieferwagen des Modells „Work“ gebaut. Die Post war begeistert. Im Jahr darauf kaufte sie gleich das ganze Unternehmen.


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