Synlab: Jetzt mitbestimmt bis zum Aufsichtsrat

Synlab: Jetzt mitbestimmt bis zum Aufsichtsrat

Betriebsrat Ein Unternehmen auf Expansionskurs mit den Schattenseiten schnellen Wachstums: Das war Synlab. Bis die Beschäftigten die Mitbestimmung erkämpften – auch an der Spitze des Unternehmens.

Auf dem Firmengelände von Synlab in Augsburg sind die Wege lang. Tobias Reizner legt oft ein paar Kilometer am Tag zurück, wenn er die Kollegen im Labor oder in der Logistik besucht. An diesem Morgen kommt ihm eine Betriebratskollegin mit dem Rad entgegen. Sie hat es von zu Hause mitgebracht, um Zeit zu sparen. Firmenräder werden bei Synlab im bayerischen Augsburg nicht gestellt.  “So weit sind wir noch nicht”, kommentiert Reizner augenzwinkernd.

Mir war anfangs nicht klar, dass die Betriebsratsarbeit so stark getaktet ist.
Tobias Reizner

Das ist bescheiden. Denn der junge Vorsitzende des Konzernbetriebsrats und sein Team sind schon weit gekommen. Und das in kürzester Zeit. Vor dreieinhalb Jahren haben die Augsburger die erste Betriebsratswahl organisiert. Reizner war damals 26 Jahre alt. Heute ist die betriebliche Mitbestimmung bei Synlab, dem führenden Anbieter von Labordienstleistungen in Europa, in fast allen deutschen Standorten verankert. Erstmals führt die zuständige Gewerkschaft IG BCE im Unternehmen Tarifverhandlungen.

Ein neuer mitbestimmter Aufsichtsrat

Jetzt hat die Belegschaft auch die letzte Hürde genommen. Im Juli wurde ein mitbestimmter Aufsichtsrat nach dem Mitbestimmungsgesetz von 1976 eingerichtet, in dem Vertreter der 5000 Beschäftigten der deutschen Synlab-Standorte sitzen. Das ist ein starkes Ergebnis – in einem Konzern, der weltweit fast 20 000 Menschen in einem unübersichtlichen Firmennetz beschäftigt und von der britischen Beteiligungsgesellschaft Cinven kontrolliert wird.

Tobias Reizner ist Konzernbetriebsrat der SYNLAB Holding Deutschland GmbH. (Foto: Werner Bachmeier)

Der Anfang war nicht leicht. „Wir mussten erstmal herausfinden, wer überhaupt zu Synlab gehört“, sagt Reizner. Bei dieser Recherche wurden er und seine heutige Betriebsratskollegin Jennifer Thiele von der IG BCE unterstützt. Sie fanden heraus, dass es in Deutschland eine Vielzahl von Synlab-Unternehmen gibt, deren Namen sie nie gehört hatten. An ihrem Standort Augsburg sind die vier Hauptgesellschaften mit Niederlassungen vertreten: die zentrale Holding Synlab Deutschland für die Verwaltungsgeschäfte, Synlab Logistics für den Transport, ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) für die Labordiagnostik und das Umweltinstitut SUI.

Schnelles Wachstum, chaotische Zustände

Möglicherweise hatte Firmengründer Bartl Wimmer, bis heute Chef der Gruppe, selbst ein wenig den Überblick verloren, bevor er Synlab 2015 verkaufte. Zu den 66 in ganz Deutschland verstreuten Standorten gehören Labore für Human- und Veterinärmedizin, Labore für Umweltanalysen und ein Weiterbildungsinstitut. Die Kunden sind private Patienten, aber auch Ärzte, Krankenhäuser, Tierkliniken und die Pharmaindustrie. Unter Cinven wurde Synlab mit der französischen Laborkette Labco zusammengeschlossen.

In den deutschen Firmen und Labors herrschten zu dieser Zeit unterschiedliche Arbeitsbedingungen und vollkommene Willkür beim Abschluss von Arbeitsverträgen. Im Zuge der Konzentration auf dem Labormarkt war der Konzern in 20 Jahren rasant gewachsen. Gehälter wurden bei Einstellungen nach dem „Nasenprinzip“ vergeben. Das Einkommensgefälle bei gleicher Tätigkeit war enorm. Arbeits- und Urlaubszeiten wurden ohne Rücksprache mit den Mitarbeitern geändert. Der Unmut unter den Beschäftigten wuchs.

Mit Betriebsräten in Augsburg fing es an

Die Lage spitzte sich zu, als im Jahr 2013 den Mitarbeitern des Versorgungszentrums in Augsburg das Weihnachtsgeld verweigert wurde. Auch in der Abrechnungsabteilung von Tobias Reizner und seiner Betriebsratskollegin Jennifer Thiele herrschte bezüglich Arbeitszeiten und Bezahlung vollständiges Chaos. Damals haben die beiden erstmals Kontakt mit der IG BCE aufgenommen.

Synlab-Labor (in Tallinn, Estland): Das Wachstum des Konzerns brachte auch Wildwuchs. (Foto: SYNLAB Eesti)

Die Gewerkschaft organisierte Infoveranstaltungen für die Beschäftigten aller vier Gesellschaften. „Wir hatten zum ersten Mal Kontakt zu Kollegen aus anderen Unternehmenseinheiten“, erzählt Reizner. Und er beschreibt, wie wichtig die Gewerkschaftsseminare für ihn waren. „Wir mussten alles von Grund auf lernen, auch das Betriebsverfassungsgesetz“, sagt er.


DAS UNTERNEHMEN

Die SYNLAB Holding Deutschland GmbH umfasst die Geschäftsbereiche der SYNLAB Gruppe in Deutschland. Als Anbieter für Labordiagnostik beschäftigt das Unternehmen rund 4300 Mitarbeiter, davon allein 400 in Augsburg, und bietet Laboranalysen für Humanmedizin, Tiermedizin und die Umwelt an. Es werden unter anderem Blut, Urin, Gewebe, Bodenproben und Trinkwasser nach rund 5000 verschiedenen Testparametern untersucht. Die SYNLAB Gruppe hat ihren Hauptsitz in München und ist in mehr als 30 Ländern mit etwa 13 000 Mitarbeitern vertreten.



Im Jahr 2014 gründeten sich in Augsburg vier neue Betriebsräte – in den Gesellschaften, die auf dem Gelände im Industriegebiet angesiedelt sind. Erstmals war die Gewerkschaft an der Gründung von Synlab-Betriebsräten beteiligt. Inzwischen existieren 33 Betriebsratsgremien bundesweit, davon sind fünf Gesamtbetriebsräte.

Ende 2015 wurde der Konzernbetriebsrat gewählt. Tobias Reizner wurde der Vorsitzende. Im Januar 2016 trafen sich die Mitglieder zur Klausur, um die Arbeit aufzunehmen. Seitdem haben sie zügig wichtige Vereinbarungen verhandelt – vor allem Mitbestimmungsrechte im Personalmanagement, bei digitalen Neuerungen und bei der Anwerbung neuer Mitarbeiter. Heute vertritt der Konzernbetriebsrat die Interessen von rund 3400 Beschäftigten der Synlab-Gruppe.

Über 50 Prozent Organisationsgrad

„Es ist ein toller Erfolg und wir haben das in vier Jahren geschafft, sozusagen im Schnelldurchlauf“, sagt Jonas Lang von der IG BCE Augsburg. Lang ist Ansprechpartner für den Synlab-Konzernbetriebsrat und die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat. Er ist auch Verhandlungsführer bei den aktuellen Tarifauseinandersetzungen. Die IG BCE hatte die Verhandlungen angesetzt, nachdem über die Hälfte der Beschäftigten in die Gewerkschaft eingetreten war.

Es ist ein toller Erfolg und wir haben das in vier Jahren geschafft, sozusagen im Schnelldurchlauf.
Jonas Lang

Mit dem Arbeitgeber, der durch den Personalchef vertreten wird, haben sich Gewerkschaft und Arbeitnehmer auf Haustarifverträge geeinigt. Es geht um transparente Gehaltsstrukturen und die Angleichung der Arbeitsbedingungen. „Die Verhandlungen waren zäh, aber jetzt profitieren rund 90 Prozent der Mitarbeiter von den Vereinbarungen“, erklärt Lang.

Jonas Lang ist Gewerkschaftssekretär der IG BCE in Augsburg. (Foto: Werner Bachmeier)

Heute ist der Gewerkschafter ins Betriebsratsbüro auf dem Synlab-Gelände gekommen, um die im nächsten Jahr anstehenden Betriebsratswahlen zu besprechen. Tobias Reizner beschreibt die Lage. Bei den ersten Wahlen gab es in Augsburg 460 Mitarbeiter, heute sind es 580. Das Laborgeschäft boomt. „Wir wachsen eigentlich viel zu schnell“, sagt Reizner. Während er spricht, findet im Nebengebäude eine Willkommensveranstaltung für neue Mitarbeiter statt. Auch einige Betriebsräte sind dabei.

Der rasante Anstieg der Mitarbeiterzahlen wirft für die Belegschaftsvertreter auch Probleme auf. „Die Arbeitnehmervertretung in der Holding ist ein Gremium mit elf Sitzen, dafür brauchen wir mindestens doppelt so viele Kandidaten“, erklärt Reizner. Die neuen Kandidaten müssen nun gefunden werden. Nach den Jahren der Aufbruchstimmung geht es jetzt darum, das Erreichte zu sichern.

Eine große Herausforderung

Für Tobias Reizner, der erst 2011 als Sachbearbeiter in der Abrechnung zum Unternehmen kam und vier Jahre später schon freigestellter Konzernbetriebsrat war, ist dies alles ein großer Erfolg, aber auch eine große Herausforderung. „Mir war anfangs nicht klar, dass die Betriebsratsarbeit so stark getaktet ist“, gesteht er. Der Zeitplan ist eng, vor allem in der hektischen Aufbauphase. Und diese ist noch immer nicht vorbei.


NOMINIERT FÜR DEN DEUTSCHEN BETRIEBSRÄTEPREIS

Der Betriebsrat ist nominiert für den Deutschen Betriebsrätepreis, eine Initiative der Fachzeitschrift „Arbeitsrecht im Betrieb“ des Bund-Verlags. Die Hans-Böckler-Stiftung ist Kooperationspartner und stellt mit Norbert Kluge, dem Leiter der Abteilung Mitbestimmungsförderung, ein Jurymitglied. Seit 2009 werden mit dem Preis jährlich Praxisbeispiele vorbildlicher Betriebsratsarbeit ausgezeichnet. In diesem Jahr wird der Preis am 14. Dezember auf dem Deutschen Betriebsrätetag in Bonn verliehen. Von 77 Bewerbungen wurden 12 Projekte nominiert.



In diesem Jahr haben die Betriebsräte nochmal einen großen Schritt getan. Sie haben die Gründung eines mitbestimmten Aufsichtsrats gefordert und – trotz Verzögerungstaktik des Arbeitgebers – auch durchgesetzt. Da es bei Synlab bislang keinen paritätischen Aufsichtsrat gab, kam es für die erste Amtszeit zur gerichtlichen Bestellung des zwölfköpfigen Gremiums. Über die Zusammensetzung in der nächsten Amtszeit werden Wahlen entscheiden.

Bei der Gründungssitzung am 25. Juli trafen die Arbeitnehmervertreter von Synlab zum ersten Mal auf Manager der französischen Labco-Gruppe, die seit zwei Jahren zum Konzern gehört. Insgesamt verlief das Treffen ohne Probleme. Offensichtlich hat die Geschäftsführung im Moment kein Interesse daran, Konflikte zu schüren, sondern versucht eher, ihr Image als Arbeitgeber aufzupeppen.

Die Branche boomt – Zeit für ein gutes Image

In der boomenden Branche der Labordiagnostik sind die Unternehmen auf qualifiziertes Fachpersonal angewiesen. Ordentliche Tarifverträge und Mitbestimmung steigern die Attraktivität als Arbeitgeber. Auch das Synlab-Mitarbeitermagazin „life“ schlägt harmonische Töne an und lässt nun auch Betriebsräte und Gewerkschafter zu Wort kommen. „Fair verhandelt“ heißt der Titel eines Artikels über die Tarifvereinbarungen im Konzern.

Jetzt heißt es abwarten, ob die gute Stimmung hält, wenn die Betriebsräte im Aufsichtsrat konkrete Unternehmenszahlen fordern. Denn genau das haben sie sich für das nächste Treffen vorgenommen. Tobias Reizner wird nicht mit am Tisch sitzen. Er hat den Platz einem verhandlungserfahrenen Kollegen überlassen, um sich auf die Arbeit im Konzernbetriebsrat und auf die anstehenden Wahlen zu konzentrieren. „Denn“, so erklärt er, „wir müssen die Leute motivieren, um das, was jetzt steht, für die kommenden Jahre abzusichern.“

Aufmacherfoto: SYNLAB Eesti

Aus unserer aktuellen Ausgabe

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Interview 6 Minuten lesedauer